Das Logbuch von "Kublai's Kahn"
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Äpfel im Garten Eden – Mai 2005 |
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„Hast
Du das gesehen? Dort reißt die Küste ab, wie von einem Gletscherbruch!“
stieß
Peter mich an. An der Grenze zwischen Oman und Jemen stößt ein sandbedecktes
Wüstengebirge ans Meer heran. Die Wadis sind selten von Büschen oder Palmen
bewachsen, viel eher schiebt sich eine gelbe Sanddüne hinab bis ins Meer.
Hochhausgroße Steilküstenstücke brechen davon regelmäßig ab und erzeugen
vor der Küste gewaltige, schlammige Wellen. Wir hielten entsprechend Abstand,
auch wenn wir deshalb das beeindruckende Schauspiel nicht aus unmittelbarer
Nähe erleben konnten.
In
dieser Gegend werden von Archäologen die Überreste der ehemals reichsten
Oasenstadt Iram vermutet. Weltbekannt wurde die Stadt durch ihre Beschreibung
in den Geschichten aus 1001 Nacht. Der sagenhafte Garten Iram wurde
dem Koran nach für seinen Reichtum und übertriebenen Stolz mit der Zerstörung
bestraft. So dicht lagen damals Hochmut und Fall beieinander. Seit dem
zieht die Geschichte der sagenhaften Stadt durch die Karawansereien der
Wüste. Lawrence von Arabien nannte sie das „Atlantis der Wüste".
Da
auf der Strecke vor uns letzte Woche ein Yacht-Konvoi von jemenitischen
Piraten mit tödlichem Ausgang angegriffen wurde, waren auf „Kublai’s Kahn II“
alle etwas nervös. Ein deutsches Kriegsschiff empfahl uns, in der Nähe
von Mukalla, dem Piratengebiet, 90 Meilen abseits der jemenitischen
Küste zu segeln. In unserem Buch über Piratengefahr und diverser Webseiten
wird dagegen vor der gegenüberliegenden somalischen Küste gewarnt. Statistisch
gesehen täglich, außer Sonntags. Kurios, wo doch hier freitags Wochenende
ist. Je mehr wir den jemenitischen Piraten auswichen, desto eher kamen
wir in die Gebiete der somalischen. Außerdem spuken in den Häfen der Gegend
diverse Gräuelgeschichten über die historische Aloe-Insel Sokotra. Selbst
Marco Polo hat zu seiner Zeit zu den Mythen dieser Insel beigetragen:
„Die Einwohner der Insel sind der Zauberei und Hexerei mehr zugetan als
irgend ein anderes Volk. Wenn ein Schiff, das einem Seeräuber gehört,
einem der ihrigen Schaden oder Leid zufügen sollte, so bannen sie es unter
einem Zauber... Sie können auch die See zur Ruhe bringen und nach ihrem
Willen wieder Stürme aufsteigen lassen, Schiffbruch herbeiführen und noch
manche andere Dinge ins Werk setzen.“
Ein
wenig eigenen Zauber hatten wir schon dagegen zu setzen. Unser Thomas
heißt nicht umsonst Aladin, sein 2. Name den er sonst nicht verrät. Er
versprach, im Notfall mit seiner Wunderlampe zu helfen. Deshalb machten
wir nachts zur Sicherheit sogar die Positionslichter aus. Mit doppelter
Wache fuhren wir daher absichtlich sonntags vorbei, nahmen trotz starkem
Schiffsverkehr den Radarreflektor runter. Selten freuten wir uns über
hohe Wellen so sehr, wie an der jemenitischen Küste. Der starke Wind und
die Brecher verhinderten das Auslaufen der offenen Schnellboote der möglichen
Piraten. Mit entleertem Magen, aber sicher erreichten wir den Hafen von
Aden, dessen Einfahrt immer noch von zerbombten Containerschiffen aus
dem Bürgerkrieg vor vier Jahren markiert wird.
Die
Hafenstadt Aden, dessen Name von dem biblischen Garten Eden abgeleitet
wird, mag früher wirklich einen prachtvollen Anblick geboten haben. Seit
Kain seinen Bruder Abel dort erschlug und einige Jahre später sogar Noah
mit seiner Arche von hier flüchten musste, sind die Zeiten nur vorübergehend
besser geworden. Nach der 1990 erfolgten Vereinigung des islamischen Nordens
mit dem sozialistischen Süden, dessen Hauptstadt Aden war, gleicht die
Bucht mit der markanten Halbinsel eher einer längst verblühten Landschaft.
Der fehlende Aufschwung Süd führte nach drei gemeinsamen Jahren in einen
Bürgerkrieg, den der Süden verlor. Das frisch vereinigte Jemen bot damals
beiden deutschen Staaten Beratung zum Beitritt der DDR an, was allerdings
von deutscher Seite nicht ernst genommen wurde. Haben wir damit wirklich
eine Chance verpasst?
Die
Mischung aus realsozialistischen Einheitsbauten, britischer Kolonialpracht
und arabischen Lehmhochhäusern, alles mehr oder weniger kriegszerstört,
wurde mit sehr bescheidenen Eigenmitteln wieder aufgebaut. Dennoch war
Aden allein schon so spannend, dass wir auf einen längeren Inlandausflug
verzichteten.
Im
sozialistischen Südjemen war das Verhüllen bis zur Wiedervereinigung mit
dem islamischen Norden verboten, umso krasser schwenkte die öffentliche
Moral ins andere Gegenteil um. Ganz verwundert beobachtete ich zwei total
schwarz verschleierte Frauen, die nur durch den Sehschlitz blinzelnd sich
gegenseitig erkannten und zum Schwatzen auf die andere Straßenseite rannten.
Wie sie sich gegenseitig erkannt hatten, blieb mir schleierhaft.
Unsere
Abreise aus Aden war zugleich ein Abschied von unseren Schweizern Migg
und Caroline, die seit Phuket unsere Crew erheblich verstärkt hatten.
Sie besorgten sich zwei Esel und verließen uns, um ihre eigene Tour wieder
aufzunehmen. Von unserem Tioman-Peter aus Sri Lanka erhielten wir unterdessen
die erlösende Nachricht, dass er nach dem Verteilen der Hilfsgüter für
die Tsunamiopfer sicher wieder zurückgekehrt sei.
Das
Tor zum Roten Meer, Bāb al Mandab ist bekannt für seine Stürme. So
wunderte es uns nicht, dass wir in einen Sturm bis Windstärke 10
bekamen. Letztendlich waren es die bis zu sechs Meter hohen Wellen, die
uns hinter einer der schwarzen Vulkaninseln des Hanish-Archipels Schutz
suchen ließen. Sofort kamen zerlumpt aussehende Strolche mit Kalaschnikows
aus Steinbunkern über die vegetationslose Insel auf uns zu gerannt. Zum
Glück nur jemenitische Grenzer. Wir lagen fünf Tage vor Anker, genervt
von den Soldaten, durchgeschaukelt von den Wellen und vom Schiffskoller
geplagt. Da half nicht einmal die berühmte Unterwasserwelt des Roten Meeres
als Entschädigung. Nicht jeder war so mutig wie unser Sascha, Yogalehrer
aus Russland. Er konnte sich endlich seinen Traum erfüllen, einmal mit
Haien schwimmen. Zwar war es nur ein kleiner, aber immerhin ein Hai. Wer
kann denn schon wissen, wo dessen großer Bruder gerade lauert...
Mit
der Überfahrt nach Eritrea verließen wir die Route der Weihrauchstraße,
die an der Küste entlang vom Oman über Jemen, Saudi-Arabien, Jordanien
bis zum Mittelmeer führte. Nicht nur die Königin von Saba, vielleicht
auch Marco Polo reiste hier entlang, denn über seine Reise von Persien
nach Konstantinopel existieren keine Aufzeichnungen.
Mitten
in der Hafeneinfahrt von Massawa, in Eritrea, setzten wir unser Boot auf
eine Sandbank. Und das bei Flut. Mit viel Schweiß zerrten wir uns selbst
durch einen Anker, den wir per Beiboot weit ausgebracht hatten, eilig
wieder herunter. Das war noch einmal gut gegangen in der Hafenstadt Massawa!
Eritrea
ist eine unglaubliche Mischung aus dunklen, farbenfroh bekleideten Afrikanern,
Arabern in langen Gewändern und europäisch-christlichen Kopten. Das Zentrum
der Stadt liegt auf zwei Inseln und hat eindeutig arabischen Flair. Trotzdem
fast alle Häuser durch den erst vor 14 Jahren beendeten Krieg mit
Äthiopien stark beschädigt sind, herrscht in den Gassen eine unbeschreiblich
interessante Atmosphäre. Hier könnte man bleiben, wenn nicht in der allgemein
um sich greifenden Vorkriegsstimmung nur noch diskutiert wird, ob der
Bürgerkrieg oder der Krieg mit Äthiopien eher beginnt. Dementsprechend
rationiert sind Lebensmittel und Brennstoffe, was für uns zu beschaulichen
Bildern von Lastenkarawanen mit Eseln oder Kamelen führt. Kritik wird
seitens der Diktatur mit Stasimethoden unterdrückt. Die Situation finde
ich besonders fatal, wenn man bedenkt, dass dieses Land mit viel Idealismus
durch eine Volksbefreiungsbewegung gegründet wurde.
Die
Vorstellungen von Eritreern über Deutschland beschrieb am besten ein Artikel
in der staatlichen Zeitung, in dem ganz groß darüber berichtet wurde,
dass der neue Pabst – Ratzinger – in seinem Heimatort Freibier ausgegeben
hätte.
Nach
den vielen Monaten in islamischen Ländern bekamen auch wir wieder Bier
und in der ehemaligen italienischen Kolonialhauptstadt tollen Espresso,
bevor wir den Anker Richtung Suezkanal lichteten.
Ma'a
Salama, bis später!
Euer
Axel
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| An der Weihrauchstrasse
entlang – März 2005 |
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Ende
Februar sammelte sich die Mannschaft in Goa an der indischen Westküste.
Peter gab das Kommando, dass Schiff zum Ablegen klar zu machen und wollte
nur noch schnell die Ausreispapiere abstempeln lassen. In schönster Tropenhitze
wurde das Boot akkurat gepackt, die Takellage überprüft und die Kette
zum Steuerruder geschmiert. In vorbildlicher Seemannschaft glänzte unser
Kahn in der Bucht, wie noch nie bei einer Abfahrt vorher. Der Stolz in
der Mannschaft wich langer Weile und bald leichtem Frust. Wo blieb denn
Peter? Mit einem Bündel Kokosnüsse als Entschädigung kam er erst Stunden
später zurück. Er verkündete, dass wir heute Abend unseren Abschied von
Indien zum zweiten Male feiern könnten, denn morgen müsse er noch mal
in die Mühlen der Bürokratie. Und überhaupt, ob wir morgen ablegen könnten,
sei auch nicht so sicher...
Wir
konnten. Eine Spende für die indische Götterwelt in Form von mehreren
Rumflaschen machte die Beamten einsichtig.
In
dieser Etappe war wieder Funkamateur Herbert, der schon die Sturmfahrt
von den Philippinen nach Hongkong mitgemacht hatte, dabei. In seinem Logbuch
fasste er seine Eindrücke zusammen:
Als
einzige Station aus der Arabischen See zu senden. Die „schönste Nebensache
der Welt“ – das Funken mit der Idee der Völkerverständigung durch die
KUBLAI´S KAHN II und mit viel Spaß zu verbinden, das reizte mich, seitdem
ich aus Hongkong wieder nach Hause kam.
Am
23. Februar war es dann soweit. Raus aus den Kojen, unseren „Dschunkensong“
eingelegt und den Anker gelichtet. Auslaufen in Richtung Oman.

Das
Wetter meinte es manchmal zu gut mit uns – kein Wind. Schlaff hingen die
Segel an den Rahen und die Bambuslatten klapperten an die Masten. Leider
keine Erholungspause für die Seekranken. Ohne kühlenden Wind schaukelte
das Schiff die unruhige Dünung ab. Einer wurde so krank, dass wir per
Telefon unseren Dschunken-Doktor Gunther aus Königssee konsultierten.
Die Folgen der um sich greifenden Seekrankheit wurden den Gesunden bald
lästig. Im Mannschaftsraum war bald ein Schild zu lesen: „Nur über die
untere Reling kotzen!“
Ein
Erlebnis der besonderen Art waren die tiefschwarzen Nächte im Arabischen
Meer. Normalerweise ist die „Hundswache“ von Mitternacht bis 4.00 Uhr
nicht gerade beliebt. Aber mit Milliarden von Sternen, die sich teilweise
im Meer spiegeln und dem intensiven Meeresleuchten, hervorgerufen durch
blau bis grün scheinendes Plankton, wurde die Wache zum Erlebnis. Bei
einem abendlichen Badestopp schwappte türkis-blau fluoreszierende Plankton
auf unser Deck. Jeder Schritt auf Deck erzeugte einen leuchtenden Fußabdruck.
Und als die ersten Badenden mit Leuchtpunkten übersät an Bord zurückkamen,
war die Stimmung perfekt. Wir freuten uns wie die Kinder.
Meinem
Freund Tom und mir, den zwei Funkamateuren an Bord, gab der laue Wind
genug Gelegenheit, Antennen zu spannen und anderen Funkamateuren weltweit
von KUBLAI`S KAHN II“ auf den Spuren Marco Polos zu berichten. Beim Einlaufen
in den Golf von Oman erregten unsere Signale offensichtlich die Aufmerksamkeit
der Militärs. Die wichtigste Öltransportroute der Welt wird argwöhnisch
bewacht. Eine Fregatte hielt direkt auf uns zu. Ausweichen oder stur weiterfahren?
Doch das Schiff stoppte, beobachtete uns und entfernte sich wieder.

Ob
unsere Piratenflagge sie vertrieben hatte?
Land
in Sicht! Nach elf Tagen Überfahrt sahen wir morgens das zerklüftete Küstengebirge
des Sultanats Oman. Neben malerischen arabischen Dhaus, den Segelbooten
der dortigen Fischer, fanden wir einen Platz im Hafen von Maskat. Der
Irakkrieg warf im Hafen seinen Schatten. Ein US-Militärkreuzer, der sich
im toleranten Oman ausruhte brachte hunderte vergnügungssüchtiger, erlebnishungriger
Soldaten, Männer und Frauen, ins Land. In Shorts und ihrem Drang zum Alkohol
verdarben sie ihren im Irak mühevoll erkämpften Stand bei den friedlichen
Muselmanen in Maskat.
Schon
bald musste uns Herbert wieder verlassen. Dafür kamen Axel und Biga mit
Fahrraderlebnissen aus der Wüste zurück:
Zwei
Wochen radelten wir an mehrstöckigen Lehmburgen vorbei durch das alte
Oman bis zum Rand der unendlichen Rub΄ al Khali-Wüste im Leeren Viertel
der Arabischen Halbinsel. Die traditionelle Gastfreundschaft in diesem
modern entwickeltem Land verblüffte uns am meisten. Während einer Mittagsrast
im Schatten eines kleinen dürren Baumes, hielt ein Pick up mit jugendlichen
Beduinen. Sie baten uns zu einem Besuch ihres Kamellagers. Zwischen den
Rädern auf der Ladefläche folgte eine halsbrecherische Fahrt über teilweise
200 Metern hohen Dünen in die grenzenlose Weite. An einer Mini-Oase graste
eine Kamelherde. Das Oberhaupt begrüßte uns würdevoll. Mit den langen
weißen Dischdaschas, dem oft unscharfen Krummdolch und ihrem kunstvoll
geschlungenen Turban wirken alte Omanis wie aus einer früheren Welt. Ein
Kamel wurde gemolken, welches dabei schauerlich schrie. „Kamele spielen
gerne etwas Theater,“ hörten wir die beruhigende Erklärung. Die fettige,
frische, schaumige Milch schmeckte mit Fladenbrot ganz vorzüglich.
Stark
mit den Folgen der Kamelmilch beschäftigt, vergaß ich in einem einfachen
Straßenkaffee meine Sonnenbrille. Zwei Tage später und über zweihundert
Kilometer weiter näherte sich von hinten ein Jeep. Der Gastwirt stieg
aus, brachte mir meine Brille und hatte sogar etwas Tee für uns dabei!
Wenn
Harris zwischen seiner indonesischen Muttersprache sein für den Koran
gepaukte Schul-Arabisch hervorkramte, waren einige Taxifahrer so begeistert,
dass sie unsere Crew als Gäste ohne Bezahlung mitnahmen. Eine
bleibende Erinnerung an omanische Gastfreundschaft sind zwei Kanarienvögel.
Ein Taxifahrer besuchte uns an Bord und schenkte uns die Vögel mit Käfig
und Futter. Der Käfig hängt nun im Mannschaftsraum. Der Tisch darunter
wurde augenblicklich zum Lieblingsplatz unserer beiden Bordkatzen.
Auf
dem Meer Richtung Jemen sahen wir erstmals riesige Wale und ein Naturphänomen
von über Tausend, wenn nicht sogar Tausenden von Delphinen. Sie ließen
das Meer um uns regelrecht kochen.
Von
der anderen Seite des Indischen Ozeans, aus Sri Lanka, erreichte uns unterdessen
ein Hilferuf vom Tioman-Peter. Der war mit einem Truck voller Hilfsgüter
für 300 Familien nach Kallar gefahren. Dort warteten nicht 300, sondern
über 1500 Familien auf Hilfe, was er vorher nicht wusste. Fragwürdig beschützt
von nur 15 Soldaten saß er einer Lagerhalle in der Falle, während sich
draußen die Emotionen aufschaukelten. Gerade hatte er sich an mehreren
Armeesperren, einem Gemeindevorstand sowie einem Missionar vorbei gedrängt,
nur um sicher zu sein, den Tsunamiopfern direkt zu helfen. Jetzt hatte
ihn das Schicksal zum vermeintlichen Opfer der Opfer gemacht. Seit diesem
Anruf warten wir auf ein Lebenszeichen von ihm.
In
den Ruinen von Qalhat, das ein wichtiger Warenumschlagplatz im Handel
mit China, Indien und Ostafrika war, trafen Abdullah, einen Professor
für Marinegeschichte. Vom Glanz der nur aus Korallenblöcken erbauten Stadt
zeugen heute nur noch eine halbzerfallene Moschee, doch Abdullah brachte
mit seinen Worten die Zeit Marco Polos und das quirlige Leben in einem
Hafen voller Dhaus und Dschunken zurück. Mit unserem neuen Bekanten besuchten
wir die Dhauwerft in Şūr und saßen gemeinsam am Abend an einer
Wasserpfeife lange beisammen.
Am
nächsten Tag überraschte uns eine Gruppe vom Thüringer Reisebüro Schumann
Reisen im Hafen. Neugierig lasen wir deutsche Zeitungen und hörten Geschichten
aus der Heimat.
Leider
konnten wir sie nicht nach Şalālah, einer Hafenstadt an der
Weihrauchstraße mitnehmen. Marco Polo war damals vom Handel mit dem duftenden
Gold der Antike stark beeindruckt: „...eine großartige, schöne Stadt mit
sehr geschäftigen Hafen...die Kaufleute machen hier enormen Gewinn...und
viel heller Weihrauch wird hier hergestellt..." Wir hatten Glück,
im Hinterland der Stadt beim Zapfen des Weihrauchharzes von den knorrigen,
nur wild wachsenden Bäumen zu zu sehen.
Mit
Seefahrergrüßen
Axel
und Peter
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| Auf nach
Indien! – Februar 2005 |
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»Los,
macht hin, ich will wieder auf die Piste!« kommandierte Peter, als das
Ablegen in dem von Hilfsgütern übervollen Containerhafen Colombos, der
Hauptstadt Sri Lankas, nicht klappen wollte. Harris quatschte noch mit
einem Hafenarbeiter. Thomas und Martin stapelten Vorräte an der Reling
und waren den anderen im Weg. Biga und Caroline drängelten mit dem Mittagessen,
weil die Abfahrt sich wieder hinausgezögert hatte. Ich kam gerade ölverschmiert
aus dem Maschinenraum und kam nicht an Wasserhahn und Seife, so dass ich
nicht zupacken konnte. Jeder wusste zwar was zu tun war, und trotzdem
wurden unsere Ablegemanöver nicht besser. Peter stand am Steuerrad, brüllte
aus voller Kehle Kommandos und hatte seine Mühe, Schiff und Mannschaft
im Griff zu behalten. Die Fischer in den umliegenden Booten erfreuten
sich an unserem Spektakel.
Der
Peter aus Tioman fehlte, das war zu merken. Er hatte ein Gespür dafür,
wo zugepackt werden musste. Wegen der großartig angelaufenen Hilfsaktion
für die Tsumaniopfer blieb er auf der Insel zurück, um die weiteren Arbeiten
zu koordinieren. Wir hatten ihn am Tag zuvor an seinem LKW verabschiedet.
Für die 300 Kilometer zu dem Empfängerdorf braucht er immer zwei Tage.
Wilde Elefanten versperrten immer wieder die Straße. Da sie immer noch
illegal geschossen werden, greifen sie gelegentlich auch Lkws an. Da heißt
es Abstand halten, denn neben der Straße kann man die Tiere auch nicht
umfahren. Da lauern Minen...
Später
hörten wir, dass der LKW gut angekommen war. Die Elefanten hatten nur
versucht, das Auto umzuschupsen. Wegen der vielen Hilfsgüter war er jedoch
dafür zu schwer. Nach einiger Zeit zogen sie trompetend in den Dschungel.
Dafür war der LKW für die folgende Schlammpiste auch zu schwer. Er blieb
stecken. Das hieß, 15 Tonnen Lebensmittel auszuladen, den LKW mit einem
Traktor vom Dorf frei zuziehen und die Säcke zu Fuß durch den Schlamm
bis zum Aufladen hinterher zu tragen.
Im
März, so rechnet Peter aus Tioman, wird sich die Lebensmittellieferung
stabilisiert haben, so dass er plant, bei dem Wiederaufbau des Fischerdorfes
Hand an zu legen. Dafür werden wohl etliche Baumateriallieferungen nötig
sein.
Endlich
hatten wir das freie Fahrwasser erreicht, ließen den Wind die Segel greifen
und suchten uns freies Fahrwasser. Unsere Route lag genau auf der Rennstrecke
der Indienroute. Alle Tanker und Cargoschiffe von Bombay zur anderen Seite
der indischen Halbinsel fuhren hier entlang. Um die seichten Gewässer
an der Küste erwarteten wir Fischerboote, die zwar bis zu 500 Meter lange
Schleppnetze ziehen können, aber nachts keine Lichter haben. Wir waren
auf alles gefasst, nur nicht auf den heftigsten Wellenschlag seit unserer
Abreise aus Thailand. Ich hatte mir schon etwas darauf eingebildet, so
ein richtiger Seemann geworden zu sein, den nichts mehr umhaut. Auf der
Strecke nach Cochin musste ich doch noch zu den Zäpfchen gegen Seekrankheit
greifen. Unser Glück war das Unglück der Fischer. Kaum ein Boot kam zum
Fang aufs Meer. Die Tsumaniwellen hatten auch hier etliche Dörfer und
Boote verwüstet und der hohe Seegang hielt die Restlichen ab.
Erst
vor Cochin sahen wir die stattlichen, sichelförmigen Fischerboote mit
hoch emporragendem Bug und Heck, wie Wikingerboote. Ein malerischer Anblick.
Ihre speziellen an Tauchrahmen befestigten Netze, ›chinesische Fischnetze‹
genannt, stammen aus einer Zeit noch vor Marco Polo.
Kurz
vor der Hafeneinfahrt bemerkten wir, dass unsere Indienfahne, die wir
schon auf den Andamanen gebraucht hatten, nicht mehr zu finden war. Harris
erklärte kleinlaut, dass er den Globus nicht so genau kennt und deshalb
in Sri Lanka mit der, seiner Meinung nach nicht mehr benötigten Fahne,
Hilfsgüter verpackte. Das
nahm ihm keiner krumm, aber ohne Fahne konnten wir uns nicht zu den Bürokratie-versessenen
Indern trauen. Thomas opferte seine grüne Zweithose, die er erst in Thailand
gekauft hatte. Weißes Tuch nahm er von der ehemaligen Wolfskinfahne. Zusammen
mit einem noch nie gebrauchten gelben Signalfähnchen nähte er schnell
eine indische Fahne, die mit einem Filzstift sogar ein provisorisches
Staatswappen erhielt. Der Küstenschutz nahm an diesem Meisterwerk keinen
Anstoß.
Der
Hafen von Cochin liegt in einer stark zergliederten Lagune ohne markante
Hügel. Bei 28 Grad Celsius und einer schwülen, stark dunstigen Luft fuhren
wir vorsichtig durch die engen Fahrrinnen. Immer wieder kam aus einer
Nebelbank ein kleines Boot herausgeschossen, denen wir wegen unseres Tiefganges
nicht ausweichen konnten. Die ganze Besatzung war auf Ausguck, am Tiefenmesser
oder an den Seekarten. Nachdem wir mehrmals den Anker an einer angeblich
falschen Stelle geworfen hatten, hingen wir bald schweißtriefend und erschöpft
am Spill. Wir erwarteten nicht besonders gastfreundlich das Zollboot,
das jedoch nur die ersten Formulare übergab. Nun war es meine Aufgabe,
das Boot am nächsten Tag offiziell anzumelden. Mir graute davor und die
Realität belehrte mich leider keines Besseren. Einen ganzen Tag und mehrere
Liter Cola dauerte der Kampf durch die Instanzen. In elf Büchern und auf
42 Formularen steht nun unsere Ankunft verewigt. Sollte ich mich mehr
über die Briten ärgern, die diese Kolonialbürokratie hinterließen, oder
über die Inder, die dieses System mit Inbrunst konservieren? Der letzte
Beamte hatte wohl ein Einsehen, kürzte die Formalität auf geheimnisvolle
Weise ab und ludt uns zum Tee ein.
Bei
der Rückkehr zum Schiff waren dort alle in höchster Aufregung. Die Gezeiten
hatten das Boot trotz unseres 350 Kilogramm schweren Ankergeschirrs wie
ein Stück Treibholz durch den Hafen gezerrt. Zum Glück frischte der Wind
auf, so dass er uns gegen die Ebbe trieb. Kein schöner Platz für längeren
Landurlaub, wenn mehr als die Hälfte der Mannschaft ständig an Bord bleiben
muss. Wieder musste alles schneller gehen, als geplant. Biga und ich verließen
das Boot, um unser Flugzeug in Madras zu erreichen.
Da
Freitag war, hatte eigentlich nur noch Harris einen triftigen Grund, von
Bord zu gehen. Er setzte sein Feiertags-Käppi auf und ging zur Moschee.
Beim Essen und Trinken sind noch am ehesten Unterschiede zu bemerken.
Wir haben jedoch zu selten Schweinefleisch an Bord und heißes Bier schmeckt
auch Ungläubigen so schlecht, als daraus Probleme entstehen würden. Harris
hatte vor sich nach dem Gebet mit Caroline und Michael auf dem Markt zum
Großeinkauf zu treffen. Beide saßen vor einer kleinen Kneipe neben einer
herumliegenden heiligen Kuh, als eine Traube von Käppi-tragenden Männern
auf die beiden zustürmte. In ihrer Mitte grinste Harris. Im Nu war die
Einkaufsliste besprochen und die drei brauchten nur zuzuschauen, wie vor
ihnen der Proviantberg anwuchs. Harris hatte seinen ›Ausflug‹ gut genutzt.
Zuletzt
hielt ein Jeep und der Fahrer begann, den Berg einzuladen um unsere drei
Freunde zum Hafen zu fahren. Dabei erklärte er, dass sein Bruder beim
Zoll arbeitet und wenn wir ablegen wollen, sollten wir doch mit dem Papierkram
zu ihm gehen. So wurden die Muslime mitten im hinduistischen Indien unsere
Verbündeten.
Peter
und die restliche Mannschaft hatten danach eine ruhige Reise an der Küste
entlang nach Goa. Das erste Anglerglück der gesamten Reise bescherte Martin
eine Makrele von 1,20 m Länge. Das war Proviant für zwei Tage. Bei der
Ankunft in Goa bereiteten zwei Crew-Mitglieder des ersten und später untergegangenen
Schiffes ihrem Kameramann Peter einen herzlichen Empfang. Vor zwei Jahren
war unsere erste Dschunke von dort gestartet und später in einem Sturm
mitten im Indischen Ozean gesunken.
Nächste
Grüße aus Arabien
Axel
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| Nach
dem Tsunami in Sri Lanka –Januar 2005 |
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Zwischen
malerischen Inseln lag die Dschunke Ende des letzten Jahres noch einige
Wochen in Thailand. Obwohl viele der Inseln touristisch stark genutzt
werden, liegen hier auch echte Juwelen. Wie Phi Phi lsland, welches neben
der Insel Tioman in Malaysien zu den schönsten der Welt zählte - bevor
der Tsunami diese Insel zerstörte. Grund für unseren längeren Aufenthalt
war die Überbrückung der fürs Segeln ungünstigen Monsunmonate, sowie zahlreiche
Reparaturarbeiten. Unversehens wurde unser Schiff in Thailand zum Schauplatz
eines Abenteuerfilmes. Eine amerikanische Filmgesellschaft hatte die Dschunke
in Thailand entdeckt und meldete ihr Interesse an, darauf einen Film drehen
zu können. Und wie das passte! Das Dschunken-Team war nämlich gerade auf
kreativer Ideensuche für die Beschaffung von Geld. Der Film mit dem Titel
„Mysterious Island“ spielt im 19. Jahrhundert und beruht auf einem Roman
von Jules Vernes. Bis zu 180 Piraten, Eroberte und Kameraleute sprangen
aufgeregt an Bord herum. 20 von ihnen sollten später im Tsunami umkommen...
Während
Peter und einige Crew-Mitglieder als Statisten im Film mitspielten, nutzen
meine Frau Abigail und ich die Zeit, um mit dem Fahrrad Marco Polos Berichten
über Angkor, der sagenhaften Goldstadt und versunkenen Kulturen wie die
der berühmten Seeleute - der Cham zu folgen. Im Museum von Saigon fand
sich ein originaler Dschunkenmast von KubIai Khan's Flotte.
Vor
der Abfahrt in Thailand hat sich die Crew komplettiert. Thomas, ein junger
Österreicher, will die Zeit auf der Dschunke nutzen, um sich über seine
Zukunftspläne klar zu werden und welches Studium er aufnehmen sollte.
Mit dabei sind Martin, ein Sonneberger Langzeitradler, der seit rund zwei
Jahren unterwegs ist und ein Zuhause suchte, sowie Peter, ebenfalls ein
Deutscher, der auf dem malaysischen Tioman eine Ferienanlage führt (www.tioman-melinabeach.com).
Die Dschunken-Crew traf ihn auf seiner Insel und lud ihn ein, mitzusegeln.
Viel segeltechnisches Fachwissen bringt Jan mit. Der Thüringer arbeitet
als Segellehrer und gibt uns einiges von seiner Erfahrung mit. Auch Caroline
und Michael aus der Schweiz haben den Weg auf die Dschunke gefunden. Sie
sind seit einigen Monaten auf Reisen und waren zuvor während vier Monaten
per Pferd in der Mongolei unterwegs. Mit Peter Glöckner, unserem indonesischen
Freund Harris, Abigail, mir sowie Felix, einem agilen Medienprofessor
aus Melbourne in Australien sind wir nun elf Leute an Bord.
In
schwerer See mit neuer, deshalb teilweise seekranker Mannschaft führte
die Fahrt Anfang Dezember von Thailand Richtung Andamanen, einer zu Indien
gehörenden Inselgruppe. Noch heute leben dort neben Indern verschiedene
Naturvölker. Nur einer Gruppe, den Sentinelesen, ist es bis heute gelungen,
völlig ungestört zu leben. Schätzungsweise leben an die hundert Leute
auf der kleinen Insel Nord-Sentinel. Jeder, der sich der Insel auf Schussdistanz
nähert, wird mit Pfeil und Bogen empfangen. Die Urbewohner der Andamanen
erweckten schon das Interesse Marco Polos und gaben ihm Stoff für die
wildesten Beschreibungen. Seinen Reiseerzählungen ist zu entnehmen, dass
auf den Inseln "Wilde mit Hundeköpfen" hausen...
Kurz
vor Weihnachten segelten wir an Nord-Sentinel vorbei und beobachteten
die mystische Insel aus sicherer Ferne. Ein schönes Gefühl, zu wissen,
dass dort ein Volk mit seinen Bräuchen bis heute mehr oder weniger ungestört
überlebt hat. Was der Tsunami auf Nord-Sentinel anrichtete, wird niemand
erfahren. Der erste Rettungshubschrauber wurde mit einem Pfeilhagel beschossen
und drehte ab. Können die Geheimnisse des letzten Vorsteinzeit-Volkes
noch erforscht werden? Schließlich können die Sentinelesen nicht einmal
Feuer machen; wie sie mit den westafrikanischen Pygmäenvölkern verwandt
sind, ist unklar - ebenso wie das Geheimnis ihrer unterschiedlichen Körpertemperatur.
Wir
waren bereits einige Tage unterwegs in Richtung Sri Lanka. Eigentlich
hatten wir ja das Fest auf den Andamanen feiern und erst später losziehen
wollen. Doch besonders korrupte Hafenbehörden bewogen uns dazu, früher
abzulegen, so dass wir unsere Dschunken-Weihnachten auf hoher See feierten.
Nachdem wir die Segel geborgen hatten, sprang die Crew, mit Schwimmweste
und Bierdose ausgerüstet ins Wasser prostete sich zu. Und selbst mitten
im Indischen Ozean fand uns der Weihnachtsmann schwitzend im roten Mantel
und langem Bart und überreichte seine Geschenke. Der Weihnachtsabend hatte
einen besonders schönen Sonnenuntergang und Abigail überraschte uns alle
mit brasilianischem Festschmaus. Alles perfekt, friedlich und romantisch,
doch der Vorabend einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes.
Am
26. Dezember, beim Routine-Satellitentelefonanruf nach Deutschland, werden
wir mit Fragen überfallen: „Wie geht´s euch? Seid ihr noch am Leben?“
Wir verstanden gar nicht, warum wir dass nicht sein sollten. Erst als
wir vom Erdbeben in Sumatra und von der Flutwelle, die über Einhunderttausend
Todesopfer forderte und ganze Landstriche in wenigen Minuten zerstörte,
erfuhren.
Es
war purer Zufall, dass wir uns nicht mehr auf den Andamanen und noch nicht
in Sri Lanka aufhielten, als die Welle kam... Auf offener See, im tiefen
Wasser, waren die Tsunami-Wellen nur ganz flach und kaum spürbar als sie
mit Flugzeuggeschwindigkeit unter uns durchrauschten. Ahnungslos saßen
wir wohl gerade beim Frühstück, als die Welle uns passierte. Erst in Küstennähe
bauten sie sich zur todbringenden Flutwelle auf. Das Verrückte ist, dass
wir uns nur unweit von jener Stelle befanden, an der im Mai 2003 unsere
erste Dschunke in einem Jahrhundertzyklon gesunken ist...
Kaum
hatten wir die Meldung gehört, fuhren wir mit voller Kraft weiter in Küstennähe,
um Schiffbrüchigen zur Hilfe zu eilen. Immerhin wurden über 400 Boote
vermisst. Doch außer einigen Schiffsteilen, die an uns vorbei trieben,
entdeckten wir nichts. In Küstennähe wurde uns das Ausmaß der Katastrophe
richtig bewusst. Fischerboote lagen zerschmettert an Land und von vielen
Häusern waren nur noch Trümmer und Ruinen zu sehen. Einzig die Palmen
und Schraubenbäume mit ihren breit gefächerten Stelzwurzeln vermochten
den Kräften erstaunlicherweise standzuhalten. Wir erfuhren, dass Galle,
der Hafen, den wir eigentlich ansteuern wollten, überhaupt nicht mehr
existierte. Ein mulmiges Gefühl, dass da, wo wir herkamen, in Thailand
und den Andamanen, und dort, wo wir hinwollten, alles zerstört war. So
legten wir schließlich in Colombo im Containerhafen an. Für uns war klar,
dass wir, die wir die Katastrophe mit viel Glück überlebt hatten, den
Betroffenen in Sri Lanka helfen wollten. In einer ersten Aktion brachten
wir eine große Kiste Bordmedizin in ein Krankenhaus außerhalb von Galle,
denn jenes von Galle existierte nicht mehr. Wir besaßen einen Vorrat an
Medizin, die wir von verschiedenen Apotheken in Thüringen, unter anderem
der Saalfelder Gertrudenapotheke erhalten hatten. Als schwimmende Ambulanz
auf entlegenen Inseln konnte so mit unseren ab und an mitsegelnden Medizinern
geholfen werden.

Doch
nicht nur der Süden, auch das Tamilengebiet an der Nordostküste, war stark
von der Naturkatastrophe beeinträchtigt und hatte bis dahin von der Regierung
noch keine Hilfe bekommen. Zusammen mit einem Deutschen, der Zivildienst
leistete, sowie mit einem Tamilen, der einige Zeit in Deutschland lebte
und der uns die nötigen Kontakte verschaffen konnte, organisierten wir
einen Hilfstransport dorthin. Neben Lebensmitteln gehörten unter anderem
auch Töpfe und Geschirr, Decken und Moskitonetze zu den Hilfsgütern. Die
Fahrt an die Nordostküste mit zwei Trucks auf teils sehr schlechten Strassen
war abenteuerlich hart. Wir mussten Regierungs- wie Rebellensperren umfahren,
wo unsere Hilfsgüter mehrfach eingezogen werden sollten. Um
sicher zu sein, dass unsere Hilfe bei den Tamilen ankommt, wollten wir
sie schon direkt übergeben. Auf dem Truck wurden von uns beispielsweise
10 Tonnen Reis in 10 kg-Pakete abgepackt. An Schlaf war in diesen Tagen
nicht zu denken, doch die Freude in den Gesichtern der Leute beim Austeilen
der Güter entschädigte die Strapazen mehrfach. An der Küste kamen wir
in einen Ort, halb so groß wie Saalfeld, in dem keine Männer mehr leben.
Die Fischer wurden von der Welle in ihren kleinen Booten erfasst. LKW
Ladungen voller Leichen fuhren durch die Straßen. Aus Angst vor Seuchen
wurden die Stadt, die schon durch den Bürgerkrieg zerstört war, deren
Einschusslöcher gerade vergipst wurden und wo nun kein Stein (wirklich
keiner!!!) mehr auf dem anderem liegt, angezündet. So wurden all die Leichen,
an die man unter den Trümmern nicht herankam, wenigstens verbrannt. Viele
Bilder gehen uns nicht mehr aus dem Sinn: wie der traumatisierte junge
Mann, der schon seit Tagen einfach auf dem Hof neben seiner zerstörten
Hütte lag. Er hatte seine ganze Großfamilie verloren und wollte einfach
nie mehr aufstehen. Oder der alte Mann auf den Trümmern seines Hauses.
Unter denen lag auch hier die ganze Familie verschüttet. Als wir stoppten,
um ihm etwas zu geben, fragte er uns zuerst, ob er uns helfen könnte.
Oder die geordnete Warteschlange eines Dorfes von 500 Familien, als wir
unsere Pakete verteilten. Hier begann kein Gedrängel. Oder das Flüchtlingslager,
welches uns weiterschickte, weil weiter am Strand andere unsere Hilfe
nötiger hatten.
Wir
danken all denjenigen, die unserem Spendenaufruf gefolgt sind und uns
unterstützt haben. Für die spontane Aktion konnten wir das geborgte Geld
wieder zurückzahlen und mit über 10.000 € rund 3000 Menschen direkt helfen.
Sobald
unsere Hilfsaktion abgeschlossen war, verließen wir die Insel und segelten
nach Cochin in Südindien, um der Küste Richtung Goa zu folgen. Unser Peter
aus Tioman blieb in Sri Lanka, um weitere Transporte zu koordinieren.
Da es für ihn von Malaysien nach Sri Lanka nicht zu aufwändig ist, wird
er in den nächsten Monaten wieder zurück kehren, um weitere Projekte aufzubauen
und zu kontrollieren. Das Geld dafür hoffen wir auf dem Festival und Vorträgen
im Februar zu sammeln. Wir versprechen, dass, wie bei unserem Bolivienprojekt,
100% der Spenden ohne Abzug von Verwaltungsgeldern o. ä. an die Menschen
in Sri Lanka gehen!!!! Spenden nehmen wir entweder direkt oder bargeldlos
über unsere Bolivienhilfe, Kennwort FLUTHILFE (wichtig!) entgegen. Die
Kontoverbindung finden Sie über
www.weltsichten.de
.
Peter,
Abigail und ich verlassen das Schiff in Goa/ Indien, um pünktlich zum
7. Thüringer Dia-Festival zu Hause zu sein.
Mit
besonderer Freude erwarten wir dort den Vortrag "Weihrauchland"
von Hartmut Fiebig über Arabien, unser nächstes Ziel nach dem Festival.
Bis
dahin
Axel
|
| |
| Mit
dem Monsun in Thailand – Juni 2004 |
|
„Toller
Strand, schöne Palmen, aber mit dem Funkmast auf dem Berg - unmöglich!“
Robert
Wortmann, Regisseur von Spiegel-TV, raufte sich die Haare. Nie hätte er
gedacht, dass die für Touristen so ideale Kombination von südlichen Stränden
und moderner Zivilisation zu einem kritischen Faktor für seinen Film „Chinas
Erben – Handelskrieg auf Hoher See“ werden könnte. Robert und sein dreiköpfiges
Team kamen gerade von einer Tauchexpedition an einer abgelegenen philippinischen
Insel. Auf Phuket lässt sich die Organisation eines Drehortes relativ
einfach erledigen. Dagegen stören Antennenmasten, Freileitungen und Gummibaumplantagen,
wenn man die Zuschauer in die Blütezeiten des Seehandels, zu der auch
Marco Polo unterwegs war, versetzen möchte.
In
der bewegten Geschichte Südostasiens folgten den Dschunken der Chinesen
die Portugiesen und Spanier, danach die Holländer und zuletzt blieben
die Briten die Beherrscher des Seehandels bis zum Ende der Kolonialzeit.
Die Hinterlassenschaften der Handelsmächte in den Straßenbildern alter
Hafenstädte Südostasiens sind heute oft nur noch dem Liebhaber verfallener
Hausfassaden und an Straßennamen erkennbar. Gerade die Millionenstädte
Asiens wachsen täglich und besitzen eine hypermoderne Architektur. Doch
unter Wasser, an den ehemaligen Ankerplätzen vor Flussmündungen oder günstigen
Buchten, in denen die überladenen, zerbrechlichen Schiffe bei Zyklonen
Zuflucht aufsuchten, liegt die Vergangenheit. Unter dicken Korallenschichten
bis zur Unkenntlichkeit verborgen, sind die unentdeckten Wracks ein Magnet
für Schatzsucher und ernsthafte Wissenschaftler.
Die
Schätze lagen zum Greifen nah, teilweise nur zweieinhalb Meter unter der
Wasseroberfläche und blieben doch fast 900 Jahre unentdeckt. „Weißes Gold",
chinesisches Porzellan von umwerfender Schönheit, Duftlampen, Schnabelkannen
und Schmuckteller, bemalt mit Drachen und Elefanten, die Fracht von sieben
chinesischen Hochsee-Dschunken, entdeckte der französische Taucher Franck
Goddio innerhalb der vergangenen 16 Jahre. Die Funde sind eine Sensation,
denn sie lassen eine Zeit wieder lebendig werden, als China die größte
Seehandelsmacht der Erde war. Hätte das Reich der Mitte im 15. Jahrhundert
seine maritimen Pläne nicht Hals über Kopf aufgegeben, wäre China zur
Weltmacht aufgestiegen und an den Schulen würden die Kinder heute nicht
Englisch, sondern Kantonesisch lernen. Oft grübelte ich darüber nach,
mit was die Polos wohl gehandelt hatten. Sicher jedenfalls nicht mit wertvoller,
aber empfindlicher Keramik oder anderen voluminösen Waren.
Hunderte
von Hochsee-Dschunken kreuzten damals unter Chinas Flagge im Pazifik.
Gefüllt mit Keramik, Tee und feinster Nanking-Seide, nahmen die Boote
Kurs bis nach Afrika. Rund 100 Jahre nach Polos Seereise erst führte der
berühmteste chinesische Seefahrer, Admiral Zheng He, Anfang des 15. Jahrhunderts
eine Flotte von 317 Schiffen und 28.000 Mann Besatzung über den Indischen
Ozean. Seine Schatzschiffe, mit bis zu neun Masten 135 Meter Länge und
55 Meter Breite, waren Giganten der Meere. Chinas Griff zum Ozean blieb
ein Intermezzo der Weltgeschichte, der Triumphzug zur See wurde abgewürgt
von konfuzianischen Beamten. Bereits im Jahr 1500 war Zheng Hes Superflotte
verfault, der Hochseehandel per Dekret verboten. Als mit Vasco da Gama
1498 die Portugiesen den Seeweg nach Indien aufstießen, trafen sie auf
Mandarine ohne Marine.
Der
sogenannten Manila-Flotte der Spanier gehört das nächste Kapitel berühmter
Reisen. Sie gehörte zu den gefährlichsten und profitabelsten Unternehmungen
in der Geschichte des Welthandels. Zwischen 1565 und 1815 blühte der Handel
zwischen Spanien und seinen Kolonien. Spanische Galeonen kreuzten beladen
mit Silber, Seide und Porzellan zwischen den Philippinen, Mexiko und Spanien
hin und her.
Das
letzte und größte Unternehmen gründeten die Engländer 1599 mit der Ost-Indischen
Handelskompanie. In ihrer Blütezeit kontrollierte diese private Firma
die Hälfte des Welthandels und funktionierte praktisch als koloniale Regierung
für ein Viertel der Weltbevölkerung. Jedoch nicht mit wertvollem Porzellan
oder verbotenem Opium wurde der größte Reichtum erzielt, sondern mit Unmengen
von Tee aus China für den grenzenlosen Bedarf in den heimischen Wohnstuben.
Roberts
Team wollte die Schlüsselszenen des chinesischen Seehandels nachdrehen,
um den Zuschauern ein möglichst realitätsnahes Gefühl für die damalige
Zeit zu vermitteln. Dazu heuerte er 20 echte Chinesen an, die wie selbstverständlich
unser Zuhause in Besitz nahmen. Berge an Porzellan, Kisten und Reismatten
verwandelten unser mühsam in Ordnung gehaltenes Schiff binnen kurzem in
einen orientalischen Basar. Unser Kahn wurde zur Filmkulisse. Solange
die Szenen in unseren Laderäumen gedreht wurden, blieben wir ja unbehelligt.
Doch bald sollten die Männer den Anker bedienen und die Segel hissen.
In einem Kauderwelsch von Brocken aus Deutsch, Englisch, Thai und Mandarin
verfitzten sich Segelkommandos und Drehbefehle zu einem hoffnungslosen
Knäuel. Die
Laienschauspieler sahen zwar echt aus, waren jedoch im wahren Leben einfache
Motorradtaxifahrer oder Shrimp-Fischer. Bald hockte Hendrik neben dem
Steuerrad, um es von unten ohne Sicht zu bedienen, damit ja kein langnasiges
Gesicht ins Bild ragte. Von dort aus konnte er bloß nicht nach vorn sehen,
so dass ich ihm die Richtung zu brüllen musste. Wenn das nicht klappte,
schlugen die Segel um, das Boot fuhr aus der Sonne und die Aufnahme begann
anschließend von vorn. Meist begleitet von lautstarken Flüchen des Kameramanns.
Haris
schaffte bald den Sprung zum Filmstar. Für den Posten des gestikulierenden
Stoffhändlers fand sich kein geeigneter Schauspieler. Nur Haris verstand
auf Englisch das Drehbuch und damit wurde unwichtig, dass er „nur“ ein
Indonesier und kein echter Chinese ist. Der Ton wird sowieso synchronisiert.
Haris und unser Boot ist am 12. September um 19.30 Uhr im ZDF zu sehen.
Nach
einer Woche war der chinesische Trubel vorbei, unser Schiff noch völlig
durcheinander und mein Abflug zur Vorbereitung der Reggae-Nacht nahte.
Axel war unterdessen mit dem Saalfeld-Samaipata-Verein in Bolivien. Von
der bolivianischen Großstadt La Paz aus reiste er in einer Gruppe von
14 Mitgliedern über die Anden nach Santa Cruz und Samaipata und besuchten
dort acht Kinderheime. In den beiden Waisenheimen von Mano Amiga ist seit
der letzten Kinderreise vor einem Jahr viel gebaut worden, so dass alle
überrascht und erfreut waren. Die Vorratsräume der Schule sind gefliest
und mit elektrischem Licht versehen worden. Alles in allem ein toller
Erfolg innerhalb eines Jahres. Für die folgenden Außenarbeiten, Toilettensanierungen
und den Betrieb der Heime konnte der Verein deshalb weitere Unterstützung
in Aussicht stellen.
Aus
Phuket erfuhren wir per e-mail regelmäßig die neuesten Nachrichten von
Hendrik und Jörg, die das Schiff auf die Werft brachten:
Dort
zu arbeiten, wo andere Urlaub machen, erwies sich als deutlich komplizierter
als erwartet. Das war bei dieser Reise ja leider nichts Neues. Schon seit
vorigem Jahr war dieser Werftaufenthalt vorgesehen. In der Hektik des
Aufbruchs aus Indonesien blieb so manches nur provisorisch, von der Qualität
auf unserer Selbsthilfewerkstatt am Strand von Bira gar nicht zu reden.
Dagegen machte diese Werft am Rand der Inselhauptstadt, unbehelligt von
den Guerilla-Aktionen im Süden des Landes, einen wesentlich professionelleren
Eindruck. Eine fußballfeldgroße Betonfläche war von einem Gleisraster
durchzogen, von dem eine schiefe Ebene ins Wasser mündete. Von dieser
Anlage werden die Schiffe auf Slipwagen mit Stahltrossen aufs Trockene
zu ihrem Schiffsbauplatz gezogen. Im klimatisierten Büro unter einem buddhistischen
Altar und einem Kalender mit der für uns utopischen Jahreszahl 2547 sitzen
freundliche Sekretärinnen, einige sprechen gut Englisch, und die Bauleiter
skizzieren mal schnell eine technische Zeichnung aufs Papier. Soweit ganz
normal.
Innerhalb
von vier Wochen, änderte sich unsere Sichtweise. Ganz schnell bedauerten
wir, dass an einem normalen Sonnentag die Temperatur auf der schattenlosen
Betonfläche Sahara-ähnliche Ausmaße annimmt. Nur dass die Luftfeuchte
bei 100% bleibt, schließlich hatten wir ja Regenzeit. Mit der Temperatur
stiegen die Düfte aus den Wassergräben, die die Abwässer der Vorstadt
in die Meeresbucht leiteten. Ein abendliches Eldorado für die Moskitos.
Übrigens kein Grund für die Jugend, dort nicht Wasserball zu spielen.
Schließlich stapfte das halbe Seenomadendorf aus den Stelzenhütten bei
Ebbe durch den Schlamm der Abwassergräben, um dort allerlei essbares Getier
auszugraben. Diese Krebse kann man in den umliegenden Garküchen zum Essen
bestellen. Unser Leibgericht blieb Reis und Hühnerfleisch.
Je
nach Windrichtung machte sich die nebenan liegende Fischmehlfabrik mit
durchdringend fauligen Gestank bemerkbar, der genauso aus der Aufschüttungsfläche
gegenüber kommen kann. Denn dort wurde dem Meer mit Hausmüll „Land“ abgerungen.
In Schwärmen fielen von dort aus Fliegen über die Werft her. Übrigens
auch über unser Mittagslokal, dass wir deshalb wechseln mussten. Auch
im nächsten lebte man in enger Nachbarschaft mit der Natur, bloß dass
dort kleine bunte Vögelchen die Reisreste aus dem Wok pickten, wenn wir
unseren Teil bekommen hatten. Das war niedlich. Die anderen Gäste, ehemaligen
Seenomaden, arbeiteten auf der Werft oder sind Fischer. Andere waren Mopedtaxifahrer,
unter denen wir etliche unserer chinesischen Schauspieler wiedererkannten.
Gerade mit den Mopedtaxis hatten wir unsere Schwierigkeiten. Wann bezahlt
den Fahrern schon mal einer ein Rennen? Immer, wenn wir, jeder bei einem
anderen Fahrer, hinten drauf saßen, brannten bei denen alle Sicherungen
durch. Da die hiesigen Verkehrsregeln für Ausländer sowieso nur schwer
zu erahnen sind, blieb nur Festklammern und Hoffen, gesund anzukommen.
Nach einer Woche Mopedrennen gaben wir auf. Hendrik fuhr voraus und Jörg
wartete, bis auch wirklich jeder Reiz für eine wilde Jagd erloschen war.
Dann suchte er sich erst einen fahrbaren Untersatz.
Bei
unseren Kalfaterer- und Zimmermannsarbeiten am Boot machen sich bald thailändische
Besonderheiten bemerkbar. Buddhistische Feiertage und Begräbniszeremonien
sowie die unkalkulierbare Regenzeit ließen unsere Liegezeit auf das Doppelte
anwachsen. An einem Tag mit besonders viel Ärger ließ der Werftleiter
einen Arbeiter mit geweihten Räucherstäbchen um das Boot laufen. Eine
andere Art, Probleme zu lösen. Die bösen Geister müssen vertrieben werden.
Ende
Juni war es endlich soweit. Das Unterschiff war dicht und frisch gestrichen,
das Steuerlager repariert und die Planken über der Wasserlinie glänzten
in frischer Teak-Holzfarbe. Mit 500 Feuerwerksknallern und Blumengirlanden
am Bug als Tribut an die einheimischen Götter rollte unser stolzes Schiff
wieder zurück in sein Element. Ein letzter Gruß an die freundlichen Helfer
am Ufer und Volle Fahrt, Bug voraus!
Nach
zwei Stunden schon fiel der Anker inmitten von weiteren Segelbooten, die
wie wir auf den herbstlichen Monsunwechsel warten. Eine Zwangspause mit
Tradition: Auch Marco Polo musste aus diesem Grund in Südostasien längere
Zeit verweilen. Und genau wie er wollen wir in der verbleibenden Zeit
noch einige Kurzreisen auf dem Land unternehmen. Vor allem, da uns per
Boot interessante Stellen wie z.B. Vietnam verwehrt geblieben waren.
Im
Herbst melde ich mich dann wieder mit weiteren Berichten über diese Reisen
und damit, wie wir mit der Vorbereitung für den nächsten Abschnitt unserer
Bootsreise vorangekommen sind.
Bis
dahin alles Gute
Euer
Peter
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| Von
einer Trauminsel zur anderen – Mai 2004 |
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Nächtliche
Moskitoschwärme belagerten unser Boot. Das war neu. Ankerten wir sonst
seit Wochen nur noch im freien Wasser, hatten wir als Ehrengäste von Asiens
größter Bootsmesse, der Boat-Asia in Singapur, einen Platz im Ausstellungshafen
erhalten. Dieser lag direkt auf der Vergnügungsinsel Sentosa. Dort findet
man die größte Anzahl von Vergnügungen für die ganze Familie, verschiedene
Museen und Parks. Leider sind infolge von Irakkrieg, SARS und Hühnergrippe
etliche der Attraktionen eingeschränkt.
Ich
hatte meinen Schulfreund Göran überredet mitzukommen. Da bisher bei unserer
Tour immer alles anders lief, als geplant, konnte ein Multitalent nicht
schaden. Er brachte als Flieger und Bodyguard technisches Verständnis
und die nötige Nervenstärke mit. Dass er im Hauptberuf seit langem Diskjockey
in unserem Heimatort Zinna ist, spricht für sein Einfühlungsvermögen.
Aber erst, weil seine Freundin Sandy versprach, auf das Musikkaffee und
den kleinen Sohn aufzupassen, konnte er überhaupt mit.
Viel
Zeit blieb uns nicht, den Stadtstaat Singapur anzusehen, denn die Reisevorbereitungen
für Thailand hielten uns unerwartet lange auf trab. Die Stadt ist nicht
mehr auf Seehandel mit kleinen Dschunken eingestellt. Landgewinnungen
und Brückenbauten lassen gar nicht zu, in den historischen Hafen Clarke
Quay einzulaufen. Für unsere Marco-Polo-Tour nicht ganz so wichtig, denn
die Briten hatten erst 1824 diese unbedeutende Mangroveninsel von einem
malaiischen Sultan erworben. Von der chinesischen Handelsstadt an der
Route nach Indien, die Polo 1292 besuchte, existiert schon lange kein
Pfahlhaus mehr.
Singapur
war einfach viel größer als in meiner Erinnerung. Und das trotz einem
exzellenten Bussystem, elektronischen Fahrkarten und schneller Metro.
Der Metropole eilt ein Ruf pingeligen Sauberkeit voraus. Angeblich steht
auf das Ausspucken von Kaugummis oder dem achtlosen Fallenlassen einer
Zigarettenkippe hohe Strafen. Und wirklich, kurz nach unserer Ankunft
sahen wir bereits die erste Kehrmaschine emsig eine blitzblanke Strasse
noch sauberer machen. Jörg als Berliner meckerte: „Hier gibt’s nicht mal
Graffiti!“ Die Häufung von erzieherischen Warnhinweisen in Toiletten,
der U-Bahn oder auf der Strasse führt zur Vermarktung. Findige Händler
bieten für oppositionelle Bürger T-Shirts mit den gängigen Verboten an.
Denn trotz allen pädagogischen Aufwandes lässt sich auch der Singapurianer
nicht gänzlich zum Mustermenschen verwandeln wie schüchterne Mülleckchen
beweisen. Immerhin, die vier großen Bevölkerungsgruppen, buddhistische
Chinesen, islamische Malaien, hinduistische Inder und verschiedenste Westler
leben friedlich in einer Stadt zusammen. Daran könnten sich viele ein
Beispiel nehmen, wenn nicht das Verhältnis zu seinen Nachbarn so getrübt
wäre.
Schon
bei der Ausfahrt, mitten im Hafenbecken Singapurs, wo sich vor lauter
Riesenschiffen, Begrenzungsbojen und Fahrrinnenbaken unsere kleine Dschunke
fast verliert, begann das Abenteuer Malakkastrasse. U-Boote schossen an
uns vorbei, Jagdflieger übten am Himmel und Marinesoldaten paddelten ihre
Schlauchboote durch die Wellen. Singapur demonstriert der Welt seine Stärke,
diesen Handelsplatz für den Weltmarkt sicher und berechenbar zu halten.
Regelmäßige Zwistigkeiten mit den beiden großen Nachbarn Malaysia und
Indonesien führen in Singapur zu einem großen Sicherheitsbedürfnis. Immerhin
äußerte ein ehemaliger Minister aus Singapur vor kurzem noch über seine
malaiischen Nachbarn: Da wohnen nur Gangster und Autodiebe! Der Premierminister
sah sich ein Jahr später gezwungen, sich für die Wortwahl seines Kollegen
zu entschuldigen.
Wohl
keine andere Wasserstrasse der Welt wird so stark genutzt. Der Waren-
und Ölhandel zwischen China und Japan und den arabischen Ölquellen oder
Europa führt durch diese Meerenge. Und wir mitten drin. Wie ein Pferdegespann
auf der Autobahn zuckelten wir auf dem Standstreifen dahin. Immer auf
der Hut, keinem von hinten kommenden Supertanker oder von vorn drängelnden
Schleppnetzfischer im Weg zu sein. Auf der Seekarte sind regelrechte Fahrspuren
zwischen der Malaiischen Halbinsel und dem indonesischen Sumatra eingezeichnet.
Zur Sicherheit nutzten wir unsere Detailkarten auf dem Laptop und ließen
rund um die Uhr jeweils zwei Mann Wache schieben. Auf der Höhe der alten
Handelsstadt Malacca, hatten wir immerhin schon soviel Routine, dass die
Hauptaufgabe der Mannschaft im Wetten bestand. Welches der Schiffe, die
nebeneinander hinter uns angerast kamen, wird schneller sein? Wie bei
einem Gigantenrennen benötigten drei Tanker oder Containerschiffe die
ganze Spur. Bei deren Geschwindigkeit von über 40 Stundenkilometern hatten
wir einfach nichts dagegen zu halten. Nur abwarten, wo sie wohl an uns
vorbei ziehen. Mal rechts, mal links und jedes Mal nervend nahe. Meist
waren die Containerschiffe die schnelleren. Einfach verblüffend: Die größten
Schiffe machten die geringsten Wellen!
Das
heutige Melaka war zur Zeit der Reise Marco Polos stark umkämpft. Arabische
Händler verstärkten ihren Einfluss in der Region. Das buddhistische Königreich
Srivijaya zu beiden Seiten der Malakkastrasse begann zu zerfallen. Deshalb
fuhr Polo lieber auf die sicherere Seite, nach Sumatra. Später folgten
in der wechselvollen Geschichte Malakkas den Arabern die Portugiesen,
dann die Holländer und schließlich die Briten.
Auf
der indonesischen Seite tobt heute ein Bürgerkrieg. Islamisten aus dem
ehemaligen Sultanat Aceh wollen einen von Indonesien unabhängigen Gottesstaat
errichten. In den Zeitungen Singapurs wird offen über die Verbindung von
Unanhängigkeitsbewegung und dem internationalen Terrorismus spekuliert
und die Zunahme der Piraterie in der Malakkastrasse und die Schießereien
in Südthailand dem Krieg in Aceh zugerechnet.
Wir
fuhren die Nacht durch und nach 36 Stunden waren wir aus den Fahrrinnen
der Riesen entwichen. Die Malakkastrasse öffnet sich allmählich in das
Andamanen-Meer und unsere Nervensanspannung ließ dementsprechend nach.
Seit Wochen zog sich diese Strecke von Singapur bis Langkawi durch die
Gespräche an Bord. Und nun war fast alles geschafft. Ohne sichtbare Probleme,
nicht zu fassen!
Vorher
wollten wir allerdings einmal ausschlafen. Die Insel Penang ist unter
Seglern ein bekannter Anlageplatz. Eine günstige Anlegstelle und die florierende
Inselhauptstadt Georgetown, hauptsächlich chinesisch dominiert, lockten.
Davor lag jedoch eine Fahrt durch seichtes Wasser bis zum Steg der Marina.
Endlich und mit viel Glück allen Unterwasserklippen entkommen, gab es
noch ein letztes Hindernis.
„Euer
Boot ist doch viel zu groß für meinen Pontonsteg!“ stellte der Hafenmeister
fest. Was für leichte moderne Yachten aus Glasfaser oder Metall kein Problem
ist, macht uns immer wieder zu schaffen. Neumodische Häfen rechnen mit
Riesenschiffen oder Plastikbooten, wie gut hatte es da Marco Polo. Seine
Dschunken hatten damals die richtige Größe. Nachdem wir die bevorzugte
Zigarettenmarke des Hafenkapitäns herausbekommen hatten, ließ sich jedes
weitere Problem klären. Ähnliches ließ sich auch bei der Einwanderungsbehörde
beobachten.
Die
fotografische Sensation Georgetowns ist die über 13 Kilometer lange Stelzenbrücke
zum Festland. Stolz zogen wir unter der schmalen Durchfahrt in der Nachmittagssonne
bei vollen Segeln hinaus aufs Meer. Hendrik klammerte sich auf eine schwankende
Boje, um dieses Bild zu filmen. Dass er dabei aus Versehen seine Lieblingsmütze
opferte, bekamen wir noch wochenlang zu hören.
Mit
diesem offiziellen Abschied änderte sich auch das Wetter. Südthailand
hat zwei Jahreszeiten. Monsunregen und Trockenzeit. Wir waren in der Regenzeit
da. Das wussten wir zwar schon vorher, aber wenn von fünf Leuten plötzlich
vier nach den letzten trockenen Schlafplätzen im Salon suchen, weil alles
andere längst quietschnass ist, wurde jedem erst wieder bewusst, was Regenzeit
bedeuten kann.
Hendrik
fand seinen Stammplatz unter Wasser: „Das ist ja schlimmer als in Makassar
vor fünf Monaten!“ gab er sein fachmännisches Urteil ab. Leider stimmte
das. Die Lecks im Dach wurden von Tag zu Tag größer. Hinzu kamen die ständigen
Gewitterstürme. Nicht sehr stark zwar, aber doch zum Festhalten. Sie kündigten
sich schon Stunden voraus mit Wetterleuchten aus regelrecht beeindruckenden
Wolkenhaufen an. Wir beobachteten die Blitze und unterschieden zwischen
harmlosen Gewittern mit waagerechten Blitzen und den übleren, die sich
nach unten zum Meer hin, bevorzugt in unsere Richtung, entluden. Historisch
einwandfrei haben wir keine Blitzableiter. Die wünschten wir uns jedoch
sehnlichst, wenn es um uns blitzte und krachte.
Je
mehr wir nach Norden kamen, desto imposanter wurde die Inselwelt. Die
Duty-Free-Insel Langkawi besuchten wir an ihrer abgelegenen Seite und
hatten zwei beeindruckende Tage. Außen an den Felsen hängende Tropfsteine,
Höhlen, in die man mit dem Beiboot hinein fahren konnte sowie völlig einsame
Strände.
Unser
Inselhüpfen führte nach Thailand. Einziger Wehrmutstropfen in dieser Unterwasserorgie
von Korallen und Fischen blieb der Zustand der Strände. Einsam zwar, aber
nicht leer. Unmengen Kunststoffmüll lagern an den schönsten Plätzen. Da
konnte uns sogar unser Freund Haris nicht aufmuntern, der feststellte:
„Was wollt ihr denn? Bei uns liegt doppelt soviel am Strand!“
Auf
der Phi-Phi-Insel war von dem Dreck nicht viel zu sehen. Hier wird für
die Touristen aufgeräumt. Eine schmale Landzunge ist vollständig mit Geschäften
und Restaurants zugebaut. Hier gibt es alles, was der Urlauber braucht.
Für uns war hier der Anfang vom Ende unserer Reise nach Thailand. Die
Zivilisation hatte uns wieder. Beim kühlen Bier fiel es uns auch nicht
besonders schwer, uns an diesen Gedanken zu gewöhnen.
Dementsprechend
geringer verlief der Kulturschock auf Phuket, wo wir für unser Boot einen
Liegeplatz suchten. In Deutschland verbotene Riesenmuscheln und kopfgroße
Haifischgebisse an fast jeder Ecke markieren den touristischen Teil der
Insel. Mit Sicht zur bekannten Phang-Nga-Bucht mit ihren unzähligen Inselchen
aus beeindruckenden steilen Kalkfelsen und Wetterbesserung kann man auch
in Phuket noch ein ruhiges Plätzchen abseits vom Fremdenverkehr bekommen.
Es ist immer günstig, wenn man selbst ein Boot hat!
Während
der Vorbereitung zur Reparatur auf der Werft, die Hendrik und Jörg betreuen,
nutzte ein ZDF-Team unser Boot als Kulisse mit zwanzig chinesischen Schauspielern
an Bord zu einem historischen Dschunkenfilm. Wir hatten selbst nicht gedacht,
dass unser Boot so echt aussieht!
Unsere
Mannschaft wird über den Sommer einige verpasste Landgänge nachholen und
sich danach wieder auf unserem Boot neu zusammen finden.
Bis
dahin wünscht allen Urlaubskapitänen immer eine Handbreit Wasser unter
dem Kiel
Euer
Peter
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| Zurück
zum Äquator! – April 2004 |
|
„Ich
will wieder nach Hause!“ klagte Jörg, der unsere Mannschaft ab Hongkong
wieder verstärkt. „In meine Kabine regnet es rein und Wintersachen habe
ich auch nicht mit!“
Ganz
so kalt ist das Wetter in Hongkong mit tagsüber 15 Grad Celsius zwar nicht,
aber auch Gunter und Herbert, die ihre Südseegarderobe für den Heimflug
packen, hätten gern einige warme Tage mehr vertragen. Wir tragen in mehreren
Schichten alles Verfügbare übereinander. Gelegentlich regnet es und die
Wolkenkratzer verraten die Herkunft ihres Namens: Sie kratzen mit den
obersten Stockwerken die Wolken.
Schon
zweimal waren Biga, Kameramann Hendrik und ich auf dem Peak, dem markanten
Aussichtspunkt
der Stadt. Nur Nebel, kein Fotowetter. Deshalb muss man sich die Stadt
im April von unten betrachten. Wer in der Abenddämmerung an der Hafenseite
von Kowloon steht, da wo die englisch-nostalgischen Starferry-Fähren von
der Hongkong-Insel kommend anlegen, dem bietet sich ein beeindruckendes
Farbenspiel. Nicht der Sonnenuntergang hinter wolkenverhangenem
Himmel ist gemeint, sondern die futuristische Lichtshow der Skyline. Weiße
Scheinwerferstrahlen auf den Dächern kreisen und durchbohren den Nachhimmel,
bis sie auf die wabernden Wolken treffen. Von anderen Häusern werden grüne
Lichtblitze abgeschossen. Ganze Hochhausfassaden, zweihundert Meter hoch,
verändern chameleongleich ihre Farbe. Nichts wiederholt sich. Die Farbspiele
scheinen unzählige Varianten zu haben. Selbst eingefleischte Großstadtignoranten
aus unserer Mannschaft blieben staunend stehen.Wir haben einen günstigen
Ankerplatz im ABC, Aberdeen Boat Club, und werden schnell zum Magneten
für dessen Mitglieder und Gäste. Aus Sicht der Indonesier oder Philippinos
waren wir irregeleitete arme Schlucker, die mit einem schwerfälligen und
aufwändig zu betreibenden Holzboot herumtrieben. Für High-Tec-gewöhnte
Hongkongnesen sind wir alternative, tollkühne Abenteurer und wurden begeistert
aufgenommen. Die
Mitglieder der (britischen) Königlichen Geografischen Gesellschaft beehrten
uns zu einer Hafenrundfahrt. Wissbegierige Gäste krabbelten in jede Ecke,
kletterten über die Leiter zur Mastspitze und hatten nicht enden wollende
Fragen. Zu allem Überfluss öffnete der Himmel seine Schleusen und 110
„Geografen“ drängelten sich in unserem Salon. Das tat der Stimmung erstaunlicherweise
keinen Abbruch. Am Ende halfen sie uns sogar, ein neues Dingi nebst Motor
zu bekommen.
Ob
Marco Polos Reise auch von soviel Interesse begleitet wurde?
Damals
waren Vier-Mast-Dschunken die Regel, jedoch mit rund zweihundert Matrosen
als Besatzung. Muss das eng gewesen sein! Selbst wenn man davon ausgeht,
dass die Flotte von 14 Schiffen nicht alle diese Größe hatten, so sind
wohl rund zweitausend Chinesen unterwegs gewesen, nur um eine Prinzessin
zu begleiten. Zur Finanzierung hatten die Schiffe große Mengen an Aloeholz,
Pfeffer und anderen Gewürzen zum Handeln an Bord, die genau dort ihren
Ursprung hatten, wo wir mit unserem Boot auch herkamen: Indonesien und
Philippinen.
Wollten
wir zwar nicht die Größe der Polo´schen Reisegesellschaft erreichen, so
hätten wir doch gern ein paar Hände mehr an Bord gut gebrauchen können.
Über unsere Gastgeber meldeten sich auch prompt drei Abenteuerlustige.
Suzan, eine junge Kanadierin und von Beruf Model, wollte Biga in der Küche
helfen. Ian, ein tatendurstiger englischer Junge und frischgebackener
Skipper, hatte schon immer vor, mal auf einem richtigen Holzboot mitzufahren
und Ted, US-Marine auf Landurlaub, suchte eine neue Aufgabe. In einem
babylonischen Sprachgewirr von sechs Nationen lichteten wir die Anker
und wurden von Marc und seiner Freundin noch bis aufs offene Meer begleitet.
Um uns den Abschied nicht ganz so schwer zu machen, schenkten sie uns
zwei Katzen, die in Hongkong gerade obdachlos geworden waren. Hendrik
stellte ihnen selbstlos ein Teil seiner Elektroecke unter dem Kartentisch
zur Verfügung und Biga begann, den beiden den langen Weg zum Katzenklo
zu zeigen. Empört miauten sie auf, verschwanden in der Werkstatt und blieben
für Stunden beleidigt hinter Schraubenkisten und Zimmermannswerkzeug versteckt.
Später, beim Segeln, wurden sie zwar auch seekrank, nur schafften sie
den Weg zur Reling nicht. Jetzt aber gefällt ihnen das Schaukeln.
Unglücklicherweise begann gleich ab der ersten Seemeile hartes Wetter.
Jeder stand nachts für drei Stunden und tagsüber für zwei Stunden am Steuerrad
und hatte das über die Wellen tanzende Boot nach der Kompassnadel und
dem Segelstand in der Richtung zu halten. Für die Anfänger in den ersten
Stunden eine Höllenfahrt. Ian, ganz Gentleman, wollte die Wache von Suzan
zusätzlich übernehmen, weil diese vollständig damit beschäftigt war, das
mit Biga zubereitete Abendbrot stückchenweise wieder rückwärts zu essen.
Nach vier Stunden immer stärkerer Schlängelfahrt und laut knallenden Segeln
musste er sich ablösen lassen. Wie ein geschlagenes Bündel fiel er in
eine Ecke des Salons und musste sich den Kaffee einflössen lassen. „So
anstrengend habe ich noch bei keinem Boot steuern müssen!“
Aber
auch Hendrik, unangefochten der Dienstälteste an Bord, schaffte seine
Nachtwache nur mit lautem Fluchen. Peter konnte uns von zu Hause aus auch
keine besseren Nachrichten übermitteln. Täglich gab er uns die neuesten
Wettermeldungen aus dem Internet durch und wir ihm zur Sicherheit unsere
Position.
„Kräftiger
Wind aus südlichen Richtungen!“ Immer, wenn die Wellen einem das Steuerrad
aus der Hand rissen, fluchte ich auf den blöden Monsun. Wo war der denn?
Marco Polo ist genau zu unserer Jahreszeit gefahren! Wozu haben
wir uns denn ständig gegen den Nordost-Monsun bis nach Hongkong gequält?
Die scheinbare Sicherheit, ab dort mit achterlichem Wind endlich gemütlich
zu segeln, weil das Monsunwetter ja ein Naturgesetz sein sollte, trog.
Die neue Crew wollte erst mal geprüft sein. Nach vier Tagen stiegen die
Temperaturen, der Wind wechselte und die vier Segel füllten sich stattlich.
Winterbleiche Gestalten rekelten sich in der Sonne und bald erscholl der
erste Ruf: „Es ist ja viel zu warm hier! Anhalten, Baden!“ Nun ist das
Anhalten unter Segel nicht ganz so einfach. Zwar war weit und breit keine
Insel oder ein Boot zu sehen, aber um einfach neben dem Schiff baden zu
können, müssen die meisten Segel eingeholt und danach wieder gehisst werden.
Das kostet Schweiß. Deshalb schwankte die Stimmung in der Mannschaft für
die nächsten Tage regelmäßig zwischen diesen beiden Extremen: harte Matrosenarbeit
und Baden oder Weitersegeln und nur eine Eimerdusche an Bord.
Unsere
Gäste unterstützten uns nicht nur beim Decksdienst, sondern gaben immer
wieder Anlass zu schmunzeln. Ian konnte seine englische Segelausbildung
nicht verleugnen. Hemmungslos und begeistert wiederholte er jedes Kommando,
trampelte in der Nacht neben seinen schlafenden Kameraden entlang und
wollte gar nicht aufhören, mich mit „Skip“ oder gar „Sir“ zu titulieren.
Ganz anders Ted. Der bog erst mal Ian auf ein normales Maß zurecht und
befand, dass seine eigenen Wachzeiten viel zu leicht seien. Wenn irgend
jemand Hilfe bräuchte, wir könnten ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit wecken.
Danach setzte er sich unter unsere Bibliothek und begann konsequent alle
Bücher von links nach rechts durchzulesen. Mit Model Suzan hatte Biga
ihre liebe Mühe. Nein, wir haben keine Geschirrspülmaschine und das Wasser
fließt auch nicht aus der Planke. Nein, die Toilette wird nicht bequemerweise
aus dem daneben stehenden Bottich mit Frischwasser gespült, sondern dazu
muss man extra einen Eimer an der Leine mit gekonntem Schwung ins Meer
schmeißen und Seewasser schöpfen. Dass Suzan die Leine beim Werfen auch
festhalten muss, vergaß Biga zu erklären. Bald hatten wir einen Eimer
weniger. Das Geschirr nahm ebenfalls ab. Beim Abkratzen über der Reling
ließ ihr so manche Welle nur die Wahl, entweder mit dem Teller in der
Hand aufs Deck zu schlagen oder diesen vor dem Sich-Retten schnell loszulassen.
Allein
die Anwesenheit von Biga und Suzan erweckte in unserem indonesischen Freund
Haris ganz neue Seiten. Der Verbrauch an Zäpfchen gegen Seekrankheit stieg
in der ersten Woche zwar gewaltig, aber Haris war jederzeit bereit, der
Held zu sein. Sein Werben blieb bei Suzan nicht ungehört. Musste sie doch
auch die anderen beiden Jungs unter Kontrolle halten und so fiel ihre
platonische Wahl auf Haris. Einträchtig kuschelnd sah man sie nächtlich
vor dem Salon turteln. Leider ging diese Geschichte nicht wie im Märchen
zu Ende. Zum Ende der Fahrt machte Suzan sich wieder frei. Das Gespött
der abgewiesenen Nebenbuhler ließ Haris sehr unsanft auf den Boden der
Realität zurückkehren.
Jörg
ersetze Peter in der Technik und beim Logbuch schreiben. Dabei reparierte
er den Herd und kam bald mit einer ansehnlichen Brandwunde an. „Genau
dort hat sich schon Peter verbrannt! Aber halb so schlimm. In zwei Wochen
ist alles verheilt!“ Haris gab ein fachmännisches Urteil ab und fand es
völlig in Ordnung, dass sich die unpraktisch großen Deutschen regelmäßig
weh tun. Kunststück, der schmächtige Indonesier ist zwei Köpfe kleiner.
Schon
wie Marco Polo trieben uns die Winde und Strömungen dicht an die vietnamesische
und kambodschanische Küste. Gern wären wir in die Inselwelt dort hinein
gefahren, konnten uns dies jedoch der Bürokratie und hoher Gebühren wegen
nicht leisten. Macht nichts! Wir kommen per Rad im Sommer zurück. Außerdem
warnten die Segelführer vor Piraterie auf der Westseite und Schmugglern
auf der Ostseite unserer Route. Im Gewirr der Riffe und Inselchen der
Paracel- und der Spratly-Inseln treiben sich unfreundliche Gestalten herum,
sagt man in Hongkong. Die Inseln werden von den umliegenden Ländern wegen
der Erdölvorkommen gleichermaßen beansprucht, mit dem Erfolg, dass sich
keine Ordnungsmacht durchsetzen kann und ein richtiger Seekrieg, unbeachtet
von der Öffentlichkeit, rumort.
Um
einige Sorgen leichter erreichten wir nach knapp zwei Wochen die historische
Pirateninsel Tioman in Malaysien. Eine wunderschöne Urwaldidylle mit hohen
Felsen und netten Gastwirten. Peter, ein deutscher Hotelwirt, zeigt uns
stolz seine Ausgrabungen.
„Hier
die Puderdose ist aus der Sung-Dynastie. Und euer Marco Polo war sicher
auch hier. Wegen der vielen Süßwasserquellen kamen früher alle Seefahrer
her!“
Unsere
drei Gäste blieben gleich auf der Insel hängen, während wir fünf nach
wenigen Tagen und insgesamt 1840 nautischen Meilen (3.404 km) seit Hongkong
problemlos in Singapur einklarierten. Meine Zeit an Bord ist nun schon
wieder um. Biga und ich müssen wieder nach Hause, um mit einer Gruppe
zu unserem Kinderheimprojekt nach Bolivien zu reisen. Währenddessen werden
Peter und die Mannschaft das Boot durch die Straße von Malakka nach Westthailand
bringen, wo wir in einigen Wochen wieder zu ihnen stoßen werden.
Herzliche
Grüße unter dem Kreuz des Südens
Euer
Axel
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| Thüringer
Fahnen flatterten durch Hongkong – März 2004 |
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»Seid
ihr die Piraten?«
Ein
kleiner quirliger Junge ließ seine dunklen Augen über unser Boot schweifen.
Wir hatten wieder einmal Besuch von einem Fischer, der sein Geschäft durch
den für philippinische Verhältnisse unersättlichen Hunger unserer fünf
Mägen entscheidend verbessern konnte. Regelmäßig legte Steves kunterbuntes
Fischerboot mit Auslegern nach erfolgreichem Fang bei uns an. So
bekamen wir den Fisch noch bevor auf dem Markt die besten Stücke weg waren.
Diesmal war sein zehnjähriger Junge Jonny mitgefahren. Eine strapaziöse
Tour für ihn. Denn auf diesen wegen der labilen Ausleger wackligen Booten
war die Hauptaufgabe des Jungen still zu sitzen und sich als Ballast je
nach Notwendigkeit des Vaters von der einen zur anderen Seite des Bootes
zu werfen. Der Junge begeistert, der Enge seines Bootchens zu entkommen.
Von unserem Achterdeck bestaunte er die Größe unseres Kahns und dem Jungen
kam der fürchterliche Gedanke, auf einem Piratenboot gelandet zu sein.
Die hatte er nämlich gerade in einem Kinofilm gesehen. Ein Holzboot mit
vielen Segeln und für Philippinos gewalttätig aussehenden weißen Männern
darauf. Auf Philippinisch sprudelte ein Wortschwall aus seinem Mund. Aufgeregt
redete er auf seinen Vater ein und wollte ihn zu schnellstem Verlassen
dieser offensichtlichen Räuberhöhle bewegen. Selbst unser indonesischer
Fischer Haris konnte ihn nicht in der Seefahrersprache Bugis beruhigen.
Das ich seinen Vater für den Fisch bezahlte blieb unwichtig. Zu offensichtlich
entsprachen wir den philippinischen Vorstellungen von raubgierigen Seeräubern.
Der
Junge war für uns nicht der Erste, der uns für Piraten halten wollte.
Eine angenehme Verhandlungsbasis, wenn man nur mal schnell einen Fisch
gegen einige Zigaretten tauschen will, jedoch äußerst schlecht bei den
meist bewaffneten größeren Fischerbooten, die meinen, sich verteidigen
zu müssen. In den Philippinen hat fast jeder Mann ein Gewehr und trägt
es eben auch als Standessymbol überall mit sich herum. Andreas, der extra
in Puerto Princesa zu uns stieß, um uns bei der Fahrt nach Manila als
Skipper zu helfen, musste sich ganz schön zusammen reißen, um mit unserem
Beiboot ein zwielichtiges Fischerboot in der Nachbarschaft unseres Ankerplatzes
zu besuchen. Wir hätten auch nicht gern mit ihm tauschen wollen. Am Ende
dieses Aufeinandertreffens zweier vermeintlicher Piratenboote fuhren die
Fischer zufrieden und um einige Flaschen Bier reicher nach Hause.
Je
weiter wir nach Norden Richtung Manila, der Hauptstadt der Inselrepublik
Philippinen kamen, desto mehr Fischerboote kreuzten unseren Kurs. Größere
Boote mit bis zu zehn Metern Länge haben vier nussschalenähnliche Beiboote,
in denen die Fischer tagsüber mit Angelsehne und einem Plastik-Kraken
als Köder am Haken den Fischen auflauern. Die Verständigung mit uns funktionierte
gut auf Englisch, ein Ergebnis US-amerikanischer Vergangenheit bis nach
dem Zweiten Weltkrieg. Wie schon Indonesien und Malaysia , bestehen auch
die Philippinien aus zig verschiedenen Völkern, im Norden christlichen
und im Süden mehr muslimischen Glaubens, die sich über die vielen Inseln
verstreuen. Einige Landesteile haben deshalb Teilautonomien und jede Insel
hat quasi eine eigene Inselhauptstadt. Flugzeuglinien und wegen ihrer
Unsicherheit berüchtigte Fährschiffe verbinden die einzelnen Zentren,
wobei Manila die anerkannte Hauptstadt ist. Wir freuten uns schon darauf,
in zwei Tagen eine der viel beschriebenen asiatischen Millionenstädte
zu sehen.
Davor
wollten uns die Meeresgötter wohl noch einmal prüfen. Wir hatten fast
Neumond, pechschwarze Nacht. Gischt peitschte das Wasser. Der Sturm zerrte
an den Kleidern, Wogen von Salzwasser umspülten kniehoch und alle nicht
ausreichend befestigten Teile mit sich reißend das Vordeck. Eine Welle
schlug den Ankerkasten auf. Sofort strömten die Wassermassen in den Schiffsrumpf.
Hendrik hatte Freiwache und hangelte sich auf den Sicherungsleinen auf
das um mehrere Meter stampfende Deck, schloss die Luke und machte sich
sofort daran, die Pumpen einzuschalten. Peter und Andreas wechselten sich
der weil mit Steuern und Navigieren ab. Während wir uns ernsthafte Sorgen
machten lag Haris derweil ungerührt in seiner Koje. Er hatte laut Wachplan
frei und sein Leben sowieso in Allahs Hände gelegt. Als am Morgen unser
Anker in dem weißen Sand eines Korallenatolls versank und wir total übermüdet
uns einfach dort hinlegten, wo wir gerade standen, begann Haris seine
Wache mit einem Morgengebet in Richtung eines einsamen Palmenstrandes,
der zufällig in der vorher akkurat mit Schiffskompass ermittelten Richtung
von Mekka lag.
In
Manila erhielten wir die ersehnte Verstärkung. Gunther und Herbert waren
schon eine Woche im Land und warteten darauf, zusteigen zu können. Gunther
übernahm von Volker die Medizinkisten und Herbert war darauf aus, seine
Kurzwellenfunktechnik in den letzten weißen Flecken der Amateurfunkerlandkarte
auszuprobieren. Außerdem mußten die Wanten wieder einmal gespannt werden.
Auch
Axel bezog wieder seine Koje, diesmal nicht allein, sondern mit seiner
Frau Biga.Vor der Abfahrt standen leider nervenzerrende Einkaufstage im
Hafen von Manila. In den Containerhafen ließ man uns nicht herein, weil
unser Boot zu klein war. In den Yachthafen konnten wir jedoch nicht, weil
wir dafür zu groß waren. Benzin für den Außenbordmotor des Dingis und
Diesel gab es nur in riesigen Tankschläuchen für Ozeandampfer, die bei
uns nicht passten. Den Yachtclub sollten wir nicht betreten. Was besonders
kritisch wurde, weil dies die einzige für uns erlaubt Anlegestelle wurde.
Ja, hätten wir im Club eine Jahresmitgliedschaft gekauft, dann...
Manila
ließ keinen unberührt. Ein Moloch, grummelte Herbert. Eine beeindruckende
Stadt der Gegensätze, jubelte Gunther. Asiatische Betriebsamkeit, Enge
und Schmutz wechseln hier atemberaubend mit blitzenden Wolkenkratzern
und offensichtlichem Reichtum. Nur Meter neben wirklich riesigen Einkaufszentren
und Bürohochhäusern, mit teueren Autos im Parkhaus stehen halb verfallenen
Hütten, vor denen diejenigen Familienmitglieder auf der Strasse schlafen,
die eben einfach nicht mehr hineinpassen. In Palmenalleen fahren Motorradtaxis
mit Beiwagen für bis zu drei Fahrgäste. Umgebaute Jeeps fahren ihre Routen
als Sammeltaxis und außer zwei Hochbahnlinien existiert kein öffentlicher
Nahverkehr für über zehn Millionen Einwohner. Dies erzeugt einen so unvermeidbaren
Smog. Ähnliches ließe sich auch über die Wasserqualität im Hafen schreiben,
aber das ist relativ.

Dort
wird gern gebadet. Unübertroffen und besonders erwähnenswert ist die Freundlichkeit
und Offenheit der einfachen Philippinos. Selten war es für uns so einfach,
Kontakte zu knüpfen und sich wohl zu fühlen. Daß die fast durchweg hübschen
philippinische Frauen auf Seemänner einen besonders starken Eindruck machen,
sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Im
krassen Gegensatz dazu erschlug uns fast die Bürokratie, die den Vorwand
für nicht enden wollende Schmiergeldbedürfnisse darstellte. In San Fernando
la Union, unserem letzten Hafen in den Philippinen war mit den Vertretern
von Gesundheitsministerium, Quarantäne- und Fischfangbehörde, Küstenwache,
Hafenpolizei, Marine und vielen mehr schon der 24. Beamte an Bord oder
wollte besucht werden. Jeder war offensichtlich nur nach Zahlung einer
angemessenen Bestechungsgebühr in der Lage, seinen Stempel unter die ach
so wichtigen Ausreisedokumente zu drücken. Der Zoll residiert in einem
Protzbau. Ein wichtiger dicker Mensch beherrschte seinen Schreibtisch,
auf dessen Ecke seine Sekretärin mit kurzem Röckchen lehnte und sich die
Fingernägel lackierte. Der Chef ließ uns durch die Kurzberockte mitteilen,
dass er auf ein Angebot warte. Wir boten natürlich nichts. Daraufhin wurden
wir einfach rausgeschmissen. Angenehmer war die Einwanderungsbehörde.
Deren Sitz ist inmitten einer Bowlingbahn mit Karaoke-Bar. Anstatt Gesetzblättern
wimmelte es in deren Büro von Bowlingpreisen an Wänden und hinter den
Glasplatten der Schreibtische. Dort war man auch sehr hartnäckig, so dass
wir uns nicht einig wurden. Zum Ärger mit der Bürokratie gesellten sich
noch Sorgen um schlechtes Trinkwasser.

Den
entscheidenden Durchbruch erreichte Axel durch Zufall an seinem Geburtstag.
Wir sangen früh ein Ständchen und aßen Geburtstagstorte. Vor der abendlichen
Feier traf Axel im Restaurant Mitglieder des Rotarier-Clubs der Stadt.
Nach einer spontanen Gastrede auf deren Kongress bedankte sich eine Delegation
des Clubs mit einem Geburtstagsständchen. Der Kontakt zu den Honoratioren
San Fernandos war gesichert.
Ein
Sturm in der Taiwanstrasse zwang uns länger im Hafen zu bleiben. Die Wellen
schlugen das Boot an die Kaimauer und beschädigten einige Bohlen. Dabei
hatten wir noch Glück. Etlichen Fischerbooten war es nicht mehr geglückt,
in den rettenden Hafen zu kommen. Um die verlängerte Liegezeit im Hafen
Zeit zu nutzen, machten Axel und Biga einen Landtrip auf die verlockenden
Berge des Hinterlandes. Hier trafen sie wie erhofft wieder auf die netten
Insulaner. Der Kirchenchor einer kleinen Dorfgemeinde sang extra für sie
das Sonntagsprogramm. Eine kleine hutzlige Oma führte ganz stolz ihr junges,
noch ganz wackliges Wasserbüffelkälbchen vor und deren Mann war nicht
aufzuhalten, mehrere grüne Maracujas zu teilen. Dies beendete den Landausflug
schlagartig. Zu der wegen des Wellengangs latent seekranken Restmannschaft
auf dem Schiff gesellten sich zwei von Durchfall geplagte Landgänger.
Heimliche gegenseitige Schadenfreude war gesichert.
Trotz
aller Beziehungen zog sich das Ausklarieren hin. Um der mehr als leidigen
Prozedur einen makabren Sinn zu geben, setzte Axel einen Preis aus: Der
30. Beamte bekommt ein Bier dazu! Aber nicht schummeln, keiner darf zweimal
kommen! Wir verbreiteten dies interessiert unter den nächsten Beamten
und warteten. Bei 28 war unerklärlicherweise Schluss. Die Phantasie der
Bürokratie hat also doch ihre Grenzen. Dieses Bier trank die Crew auf
See allein.
Leider
konnte ich nicht weiter mitfahren, ein Krankenhausbesuch bei meiner Mutter
wurde dringend. So kommt jetzt Axel zu Wort:
Für
die einwöchige Überfahrt nach Hongkong kam unser englischer Freund Marc,
der in Hongkong wohnt und uns mit seiner Segelerfahrung begeisterte. Wir
hatten ihn im letzten Jahr kennen gelernt, als wir sein Boot kaufen wollten.
Von ihm konnten wir wirklich noch was dazu lernen. Schließlich war er
ja schon mal mit einer Dschunke von Hongkong nach London gesegelt.
Vor
der nächsten Strecke hatten wir großen Respekt. Den Karten nach erwartete
uns bei der rund 1000 km langen Überfahrt über das offene Meer ein starker
Nord-Ost Passatwind von der Seite.
Bei
heftigem Seegang, dessen Wellen sich tausend Meilen lang in der Taiwanstrasse
aufbauten, schaukelten wir unsere Mägen durch. Beeindruckend im geduldigen
Ertragen der körperlichen Leiden war da schon Herbert. Er hatte sich eine
Funkerecke aufgebaut und versank mit aufgesetzten Kopfhörern und der Funkertaste
in der Hand in seine Welt. Wenn sich die Realität um ihn herum allzu stark
bemerkbar machte, riss er sich die Kopfhörer vom Kopf und spurtete im
letzten Moment zur Reling. Nach erfolgreicher Fischfütterung ärgerte ihn
viel mehr als sein Magenproblem das Dilemma, schon wieder eine wertvolle
Verbindung verloren zu haben.
Auch
Marc wurde seekrank. Aber die Gänge zur Reling waren nur eine lästige
Unterbrechung seines Tagesablaufes. Als er beim Essen plötzlich mitten
im Gespräch aufstand um sich zu erleichtern, meinte Hendrik die Gelegenheit
ergreifen zu können, Marcs Teller auch noch leer löffeln zu können. Kopfschüttelnd
kam Marc zurück, zog seinen Teller wieder heran und setzte das Gespräch
souverän fort.
Unserem
Doktor Gunther blieb nicht viel zu tun. Gemeinerweise wurde er nicht seekrank,
verriet aber keinem sein Geheimnis. Wohl aus lauter Übermut vergaß er
am letzten Tag den Kopf vor dem umschlagenden Großbaum einzuziehen und
hatte wenigstens mit sich selbst einen Patienten. Platzwunde und rechte
Hand geprellt.
Nach
sechs Tagen lagen wir vor der Kanaleinfahrt von Hongkong. Einer vierspurige
Schnellstrasse gleich strömten Containerschiffe, Fischerboote, Hafenrundfahrten
in die Meerenge. Und wir mittendrin. Das Gefühl, zwischen den Wolkenkratzern
dieser Weltstadt zu segeln und endlich dort angekommen zu sein, wo wir
seit einem Jahr mit soviel Hindernissen hin wollten war unbeschreiblich.
Volle drei Stunden lief unser Dschunkensong von Didiplay (www.didiplay.de),
die Sponsorenfahnen der 40 uns unterstützenden Firmen flatterten im Wind
und alle vier Segel waren voll gebläht. Dieses Ereignis wollten wir unbedingt
mit denen teilen, die uns bis hier her unterstützt hatten. Per Sattelitentelefon
weckten wir mitten in der europäischen Nacht unsere Familien und Freunde.
Was hatten wir alles schon zusammen erlebt! Über 1000 Meilen missglückter
Überfahrt von Indien und nun bereits mit allen Testfahrten und Umwegen
4000 Meilen. Endlich in Hongkong.
Hier soll der
eigentliche Segeltörn auf den Spuren Marco Polos beginnen. Schließlich
ist unser berühmtes Vorbild von Südchina aus Richtung Persien, dem heutigen
Iran gestartet. Seine Aufgabe war, die chinesische Prinzessin Kökacin
auf ihrer Reise zur Vermählung mit einem dortigen Prinzen zu begleiten
und vor allem sie dort unversehrt abzuliefern. Damals war der Kaiser Chan
Kublai der Meinung, dass der Seeweg viel sicherer und komfortabler sei
als der beschwerliche Weg über die Gebirge Asiens. Nun sind wir auf seiner
Route und beginnen einiges von dem nach zu vollziehen, was schon Marco
Polo begeisterte. Seine Beschreibungen von Papiergeld wurden damals verlacht.
Heute segeln wir vor dem beeindruckenden Wolkenkratzer der Bank of China
und erleben, dass die Chinesen uns wieder einen Schritt voraus sind. In
dem kleinsten Krämerladen wird mit Chipkarte bezahlt und nur Nostalgiker
haben keine elektronische Monatskarte zum Bezahlen im Bus. Das man diese
beim Betreten des Busses in der Tasche lassen kann, ist sehr angenehm.
Abgebucht wird trotzdem.
Wir
werden freundlich aufgenommen. Hier ist eine gute Gelegenheit, das Salzwasser
abzuspülen und die nächste Etappe in Richtung Singapur gründlich vorzubereiten.
Aus
dem Fernen Osten grüßen
Axel,
Peter und die Mannschaft von Kublai´s Kahn
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| Von
Sandakan nach Palawan – Januar/Februar 2004 |
|
»Das
ist doch ein riesiges UFO!« Eine riesige, pyramidenartig-futuristisch
anmutende Moschee von abstoßender Hässlichkeit beherrscht die Silhouette
von Sandakan.
Nach
zermürbenden Baumonaten in der Hitze von Bira und endlosen Regengüssen
im Hafen von Makassar waren wir mit unserer Dschunke im malaiischen Teil
Borneos angekommen. Die erfolgreiche Einklarierungsprozedur beim Hafenkapitän
bestätigte den letzten Test, unsere Schiffspapiere sind echt, wir haben
Indonesien verlassen und sind beim Schiffskauf nicht übers Ohr gehauen
worden.
War
noch während unserer Weltumradlung vor 14 Jahren der Flecken Sandakan
eine abgeschiedene Hinderwälderstadt, mühsam dem scheinbar unüberwindlichen
Dschungel abgerungen. Heute rahmt eine Wasserstadt den Hafenbezirk
ein, der von drei religiösen Monumentalbauwerken beherrscht wird. Die
zur »UFO«-Moschee gehörigen Minarette mit den allgegenwärtigen Lautsprechern
benannten wir respektlos in »cruise missle« um, wie die militärischen
Raketen. In unserer Crew waren allerdings nicht alle dieser Meinung. »Moscheen
sind immer schön.«, sagt der Indonesier Harris.
Die
Buddhisten halten mit einem Tempel in der Bauweise des tibetischen Podala,
dem Palast des Dalai Lamas in Lhasa auf der Bergseite dagegen. Und die
christliche Religion ist mit einer protzigen Kirche im Zentrum vertreten.
Dazwischen steht das, was eine asiatische Boomtown ausmacht: Hochhäuser
aus Stahl und Beton. Bezahlt mit dem Ausverkauf ihres Urwaldes, der Verarbeitung
von Ölpalmen und der Erdölförderung. Lediglich der Hafen bietet das, was
wir aus Indonesien her gewohnt sind: Pfahldörfer mit einfachen Fischern,
an denen der Wohlstand in den Hochhäusern vorbeigeht. Die Leute dort sprechen
Bugis, wie Harris. Das Seefahrervolk der Bugis lebt hier in Malaysia wie
auch in Teilen der Philippinen und in vielen Küstenregionen Indonesiens.
So ist Harris wieder unserer wichtigster Mann beim Einkaufen.
Irgendwie
hatte ich mich an das Leben an Bord gewöhnt. Ich war zufrieden hier und
hatte gar nicht mehr das Bedürfnis unbedingt an Land zu müssen. Hier fühlte
ich mich wohl, hier hatte ich was zu tun und das reichte aus. War ich
lethargisch dem Landleben gegenüber geworden? Keine Ahnung. Auf jeden
Fall erstaunte mich das. Früher dachte ich immer, dass das Boot nur ein
anderes Transportmittel ist. Nun ist es Lebensinhalt geworden. Das sollte
mir in den folgenden Tagen noch viel bewusster werden, als Axel und Hendrik
zum Mount Kinabalu aufbrechen und nur noch Harris, Volker und ich an Bord
bleiben. Axel fuhr gleich weiter nach Saalfeld und erwartet uns später
in Hongkong.
Hendrik
kam übersprudelnd von Eindrücken aus seinem Landaufenthalt zurück. Die
Orang Utans haben es ihm angetan. Die hiesige Pflegestation kümmert sich
um verletzte oder hilflose Tiere. Mit internationaler Unterstützung erhielten
die Affen große Urwaldgebiete und werden aufmerksam medizinisch betreut.
Das geht sogar soweit, dass kleine Affenbabys mit Pampers herumtollen.
Ein Luxus, den sich die Fischerfamilien in den Pfahlhausdörfern am Hafen
von Sandakan nicht leisten können. Schon Marco Polo beschrieb diese Affen
als primitive behaarte Waldmenschen, die auf Bäumen leben. Daraus leiteten
spätere Kolonisatoren die Rechtfertigung ab, dass Malaien keine richtigen
Menschen seien und straflos ausgebeutet oder gar ermordet werden dürften.
Eine
moderne Autobahn führt an Ölpalmplantagen vorbei zum Nationalparkeingang.
Wer heutzutage auf den Berg will, kommt an Eintrittsgebühr, Chipkarte
und Meldestellen unterwegs nicht vorbei. Axel, der ja schon vor 14 Jahren
hier war, als hier nur eine Urwaldpiste voller Schlamm war, stellte missmutig
fest: »Damals hätten wir uns den Berg von heute nicht leisten können.«
Doch
für ihn ist hier einer der schönsten Berge der Welt und deshalb stapften
beide durch tropischen Regenwald, an Fleisch fressenden Pflanzen und Baumfarnen
vorbei nach oben. Wie es sich für richtige Seeleute gehört, wurde die
Tour bald zu einer anstrengenden Besteigung, über 4000 Meter ragt der
Granitgipfel über den Pazifik. Seeleute laufen halt breitbeiniger als
nötig und lange dauerte es auch nicht, bis sich die Landkrankheit bemerkbar
macht. Als Auswirkung auf die Anpassung an das ständig schaukelnde Schiffsdeck
schwankte nun der Berg, das einem übel werden konnte! Vom Gipfelblick
wurde Hendrik, der die TV-Kamera schleppte, jedoch für seine Mühen reichlich
entschädigt. Bis zum Meer zieht sich der Blick über den Nationalpark-Urwald.
Zum
Ausgleich auf Hendriks Bergtour landeten Volker und ich zum chinesischen
Neujahrsfest in einem Chinesenviertel, in einer Karaoke-Bar. Die Feier
ging so lange gut, bis wir beide anfingen, Udo Lindenberg übers Mikrophon
nachzusingen. Wir hatten wohl nicht den hiesigen Musikgeschmack getroffen,
das Lokal leerte sich.
Nach
dem langwierigen Bunkern der Lebensmittel und Trinkwasser hätten wir uns
kein schöneres Wetter zum Ablegen aussuchen können. Abendrot, eine angenehme
Landbrise, kein Wellengang, und vielleicht würde weitab der Küste ja auch
der nächtliche Regen ausbleiben.
Dafür
bauten sich kräftige Wellen auf. Die Gischt schoss an der Reeling empor
und ab und zu schafften es besonders große Wellen auch vorn über die Ankerrollen.
Das waren dann die Jippieee-Momente, in denen man mit den Knien die Stöße
abfedert und sich nur immer noch größere Wellen wünscht.

Jetzt
visierte ich erst einmal die letzte der noch erreichbaren Inseln ans Tagesziel
an. Alle anderen, auf unserer Karte vorher gelagerten Inseln existierten
nicht mehr oder stellten nur noch einen ein wenig aus dem Wasser ragenden
Sandhügel dar. Keine Häuser, keine Büsche, kein Leben. Und kein Windschutz,
wenn wir dahinter ankern würden. Ist das ein Anzeichen der Klimaerwärmung?
Egal.
Wir erreichten Tigabu Island vor dem Dunkelwerden. Auf der windgeschützten
Seite befand sich ein Dorf. Einige Boote lagen davor. Wir legten uns dazu.
Bald kamen die bunten Auslegerkanus mit Insulanern, die unser Boot besichtigen
wollten. Wieder stehen wir im Zwiespalt, dass wir einerseits freundlich
bleiben wollten, aber anderseits auch keine fremden Leute an Bord mochten.
Ich blieb unter Deck, schloss alles ab und passte auf und Volker komplimentierte
unsere Gäste hoch aufs Achterdeck. So hatten wir alles im Überblick. Volker
gewann das rituelle Armdrücken und sorgte so dafür, dass wir die Nacht
in Ruhe verbringen konnten. Trotzdem blieb uns dieser Besuch als der folgenreichste
Piratenüberfall lange in Erinnerung. Von dem nicht abgeschlossenen Klo
hatte sich ein Gast zur Erinnerung unsere einzige wirklich wasserdichte
Klopapierhülle mitgenommen. Der wusste wohl nicht, was drin ist, denn
die Leute hier benutzen so was nach Landessitte ja gar nicht!
Als
Volker und Hendrik von Landgang wiederkamen, hatte jeder eine Muschel
als Sonnenhut auf dem Kopf. Im Dorf lag ein mehrere Meter großer Muschelhaufen.
Muscheln, so groß, wie beide bisher noch nie welche gesehen hatten. Und
die konnten sie sich einfach so mitnehmen! Außerdem brachten die beiden
noch einen ganzen Schwung Kokosnüsse mit.
Bei
bewölktem Himmel und fahlem Licht brachen wir wieder auf. Die Inseln schienen
dennoch traumhaft. Vor dem Horizont zogen Fischerkähne dahin, kleine Einbäume
mit Bambusauslegern. Etwas größere hatten die Philippinische Flagge und
waren mit starken Scheinwerfern versehen. Das waren Schleppnetzfischer.
Weiter hinten am Horizont sahen wir die Touristen-Insel, wohin die deutsche
Familie Wallert vor Jahren verschleppt wurde. Ihr Fall ging durch die
Medien und machte die Welt erstmalig auf den schon ewig andauernden Konflikt
im Süden der Philippinen aufmerksam.
Wir
wollten möglichst an nächsten Vormittag an der philippinischen Insel Palawan
ankommen. Und das offene Wasser bis dahin sicher überquert haben. Als
wir uns fast zwei Stunden durch eine Riffgegend gemogelt hatten, erreichten
wir einen ›Kanal‹. Zumindest war der auf der Karte so eingezeichnet. Bei
starkem Seitenwind ließen regelmäßig besonders hohe Wellen das Schiff
extrem schaukeln und überschütteten das Deck. Zur großen Verwunderung
wurde Harris, der sein halbes Leben auf See verbracht hatte, seekrank.
Unser Boot schwankte mehr und anders, als er es von seinem kleinen Fischerboot
gewöhnt war. Überflüssigerweise setzte in dieser Situation die Pumpe aus.
Ein kleines Stückchen Holz hatte sich in ihr verklemmt. Nach der Reparatur
im stickig-heißen Motorraum, wo alles schwankte und die Luft verbraucht
ist, fütterte ich die Fische mit meinem Frühstück. Es war schon Nacht
geworden und der Wind hatte sich gelegt. Lichter von zwei Schiffen zogen
an uns vorbei. Als sie verschwunden waren, waren wir wirklich allein.
Allein auf dem Ozean, allein auf der Welt. Ein großartiges Gefühl.
Am
Morgen ragte neben uns die fantastische Küste Palawans auf. Sie ist stark
gegliedert. Im Hinterland lockten Berge. Alles schien kaum oder gar nicht
erschlossen. Gab es hier überhaupt Straßen? Bisher hatten wir noch keine
Anzeichen gesehen. Nicht mal Stromleitungen gab es hier. Nur an der Küste
sah ich ab und zu vereinzelt mal ein paar Häuser oder ein Dorf. Es war
einfach ein Traum. Superwetter, klares Wasser und so eine Kulisse!
»Mann
über Bord!« Aber wer? Da schwamm 15 km vor der Küste und zwei Kilometer
vom nächsten Boot ein Fischer im Wasser und schaute sich den Grund an!
Das war nicht zu fassen! Er schaute kurz hoch, wohl verärgert, dass wir
ihn störten und winkte ab. Nein, wir sollten ihn in Ruhe lassen.
Puerto
Princesa. Inmitten vieler weißer Boote ankerten auch wir und wollten uns
in den Philippinen anmelden. Aber sonntags haben die Behörden geschlossen.
So tauschten wir etwas Geld, kamen mit ein paar Bier für einen gemütlichen
Abend wieder zurück und verschoben alles auf den nächsten Tag.
Das
Wassertaxi brachte uns zu einem schmalen, stinkenden und dreckigen Durchgang
zwischen den Pfahlbauten den man zur Straße gehen konnte. Bei Niedrigwasser
war das Ein- und Aussteigen auf den Stegen nicht einfach. Vor allem, da
sich niemand an dem Steg, oder besser dem Dreck, der nach jeder Flut daran
hing, dreckig machen wollte. Dort in einem der ersten Häuser wohnte Vivian,
eine junge Frau Anfang 20, mit glänzenden schwarzen Haaren und dunklen
Augen, zierlich, etwas englisch sprechend, freundlich, hilfsbereit und
sehr nett. Neben ihrem Kiosk organisierte sie unsere verloderte Männerwirtschaft
an Bord. Wäsche waschen, Taxifahrten, ein neues Dingi und wichtige Adressen.
Sie war uns eine richtige, gute Hilfe.
Volkers
Zeit war um und es fiel uns wirklich nicht leicht, uns zu verabschieden.
Aber die nächste Mannschaft packt ja bereits ihre Seesäcke. Auf nach Hongkong!
Schiff
Ahoi!
Euer
Peter
|
| |
| Auf
nach Malaysia – Dezember 2003 |
|
Nach
unserer offiziellen Verabschiedung in Makassar am 23.12.03 kamen wir 2
Tage später in der nordöstlichsten indonesischen Hafenstadt auf Borneo
– Tarakan – an. Nach weiteren 2 Ruhetagen legten wir dann nach Weihnachten
von Tarakan ab. Die Häuser an der breiten Flussmündung standen auf Pfählen
und sahen schäbig aus. Das Holz verrottete und der überall herumliegende
Müll tat ein übriges.
Doch
hier trafen wir Harris, einen jungen, aufgeweckten Burschen, der schon
am ersten Tag zu uns an Bord kam und einen sehr angenehmen Eindruck hinterließ.
Er war relativ schmächtig gebaut, hatte dunkle, offene Augen und wirkte
lebendig und aufgeweckt. Er hatte bereits in einer Herberge für Touristen
gearbeitet und war daher den Kontakt mit Ausländern gewöhnt. Außerdem
rauchte er nicht, was außer ihm anscheinend alle Indonesier machten.
Aber
auch sein Vater, der unser Steuerung, die auf der Fahrt hierher mehrfach
kaputt gegangen war, reparierte, war ein angenehmer alter Fischer, der
still und zuverlässig die Arbeit verrichtete. Vielleicht war er deshalb
besonders gründlich, weil sein Sohn schon vor ein paar Tagen verkündet
hatte, dass er uns auf der weiteren Reise begleiten wollte. Uns kam das
sehr gelegen. Schließlich war unsere Crew für das Boot zu gering. Mit
Harris waren wir nur noch zu fünft: Peter, Volker, Hendrik, Harris und
ich.
Im
schönsten Abendlicht legten wir ab. Wir hätten uns kein besseres Wetter
aussuchen können. Abendrot, eine angenehme Landbrise, kein Wellengang,
und vielleicht würde weitab der Küste auch der nächtliche Regen ausbleiben.
Ich
war mit meiner Nachtwache dummerweise von 0 bis 3 Uhr dran. Das hieß spät
schlafen gehen, erst nicht einschlafen können, dann durchgeschüttelt werden,
weil sich innerhalb kurzer Zeit kräftige Wellen aufgebaut hatten. Draußen
hörte ich es krachen und scheppern. Irgendwas war nicht richtig gesichert.
Aber ich war ja noch nicht dran mit der Wache ...
Einzelne
Sonnenstrahlen zwängten sich nach der Abfahrt in meine Kajüte. Nach einer
unruhigen Nacht lag das Boot flach ohne zu rollen oder auch nur eine Welle
mitzunehmen. Wir hatten uns mit Polizei- und Armeebegleitung der Grenze
genähert oder, genauer genommen, waren wir bereits drüber. Doch das spielte
wohl keine so große Rolle auf See. Außerdem war die malaiische Marine
über unser Kommen informiert.
Wir
freuten uns darauf, endlich in ein anderes Land zu kommen und unser Boot
nun gesichert zu besitzen. Irgendwie erschien uns das wie ein gewaltiger
Schritt nach vorn, endlich etwas geschafft zu haben. Auch Harris freute
sich. Es war das erste mal, dass er in ein fremdes Land reiste, und das,
obwohl die Grenze zu Malaysia von Tarakan aus gesehen praktisch um die
Ecke lag.
Plötzlich,
in Landnähe, kam ein Speedboot auf uns zu. Im Fernglas erkannte ich die
malaiische Marine. Eine nette Unterhaltung kam in Gang, in deren Verlauf
wir eine große, schöne malaysische Flagge geschenkt bekamen, weil unsere,
die wir in Tarakan erworben hatten, nicht viel größer als eine Serviette
war.
Pirateriegefahr
sei so gut wie nicht mehr gegeben, meinte der Offizier. Jedenfalls nicht
auf der malaysischen Seite. Die Armee hatte nun ein gut funktionierendes
Kontrollsystem, was es eventuellen Piraten angeblich recht schwer machen
würde.
Zum
Abschied schenkte ich ihm ein Heftchen von unserer Weltumradlung vor 12
Jahren. Darin waren Bilder, wie wir von Santakan/Malaysia mit Schmugglern,
die nach eigenen Aussagen auch ab und an als Piraten tätig waren, illegal
in die Philippinen übergesetzt waren. Auf einem Bild war der Kapitän unseres
damaligen sehr kleinen Bootes zu sehen. Der Offizier zeigte darauf: »Dieser
Typ sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis. Aber bei uns und nicht in den
Philippinen, da geht es ihm nicht so gut, weil er hier keine Beziehungen
hat.«
Dann
legten sie ab und wir waren wieder alleine. Oder besser zu fünft. Die
weitere Fahrt verlief ruhig bei kleinen Wellen, leichtem Rückenwind und
einfach genialem Wetter. Ungestört dümpelten Delphine vor uns hin. Wir
zogen an kleinen Riffe vorbei mit deutschen Namen wie Friedrich, Lehnert
oder gar Erzherzog. Die meisten dieser Riffe ragten kaum oder gar nicht
aus dem Wasser. Wir sahen sie neben uns, vor und hinter uns. Überall schien
es sie zu geben. Und doch konnten wir dort nicht einfach tauchen gehen.
Wir befanden uns in malaiischem Hoheitsgebiet und mussten uns zuerst anmelden.
Und das ging frühestens in Santakan. Also mussten wir dorthin.
Gegen
Abend kamen wir an einen schmalen Kanal, der einige Riffe und zahlreiche
Inseln von Borneo abtrennte. Das Wasser im Kanal war glasklar und kam
uns mit drei Knoten Strömung entgegen. Beiderseits gab es viel zu sehen,
aber wir mussten weiter. Leider. Steile Hänge, Regenwald, schroffe Felsen,
exotische Pfahldörfchen in deren Mitte eine kleine Moschee aufragte –
alles lud zum Verweilen ein.
Viel
schneller als ich vermutet hatte waren wir durch den Kanal hindurch. Ab
hier hatten wir nur noch eine sehr grobe Übersichtskarte. Das hieß nach
Sicht navigieren. Ein unvermutetes Riff zog sich quer durch unsere Fahrstrecke
und war erstaunlicher weise nicht markiert. Vor uns öffnete sich eine
große Bucht, die wir bis abends überqueren. Das Wasser wurde noch klarer.
Erstmalig fliegende Fische. Abends fanden wir einen netten Ankerplatz
auf der anderen Seite der Bucht. Wir saßen zusammen und träumten von längst
vergangenen Zeiten. Damals, als es keine hoch entwickelten technischen
Hilfsmittel gab, die uns heute das Segeln auf Weltmeeren stark erleichtern
Leider
zeichnete Marco Polo nie seine Empfindungen auf, so dass wir wohl nur
erahnen können, was ihn prägte, was ihn motivierte. Aus seinen Aufzeichnungen
geht nur hervor, dass er ein Händler gewesen sein musste, immer mit Blick
auf Profit. Sicher schien mir nur, dass er all die Exotik, das was wir
als traumhaft ansahen, nicht mehr wahrnahm. Zu lange war er von zu Hause
weg gewesen, zu sehr musste er sich in dieser Zeit ›eingelebt‹ haben.
Genau
rechts ab lag eine Insel, die bereits zu den Philippinen gehörte. Links
sah ich die Einfahrt nach Santakan. Schon seit Stunden wussten wir, dass
wir erst im Dunkeln ankommen würden. Ein riesiger Dampfer kam uns entgegen.
Rechts vor uns lag wieder eine Insel. Steile Felsen, ein idyllischer Strand,
leider nicht geschützt, alles voller Urwald und keine Häuser. Ein traumhafter
Fleck. Wir wollten zwischen diese Insel und dem Festland ankern. Dort
würden wir geschützt liegen. Eine Handvoll anderer Boote lag in eben dieser
Passage. Inzwischen war es dunkel geworden und wir hatten nur wenig Licht
zur Orientierung. Die Tiefe des Wassers nahm rapide ab. Ich stand am Echolot
und gab die Tiefen zu Volker am Steuer durch. Dazu musste ich jedes mal
raus auf die Treppe zum Oberdeck und sah ganz erstaunt, dass wir nicht
gleich vorn ankerten, sondern durch die anderen Boote durchmanövrierten.
»Nur
noch drei Meter!« Trotzdem blieb der Kurs bei. Was sollte das? »2,5 Meter!«
Nun
nahm ich unten, wo ich zwar keine Sicht, dafür aber das Echolot hatte,
das Gas weg und legte den Rückwärtsgang ein. Sofort gab Volker Vollgas
und wir fuhren rückwärts wieder ins tiefere Gewässer und durch die anderen
dort liegenden Boote hindurch. Ich ging vor, den Anker mit zum auswerfen
fertig zu machen. Plötzlich rief jemand: »Das Echolot spinnt!« Für eine
Reaktion war es zu spät. Wir saßen bereits fest. Warum hatte es dabei
keinen Ruck gegeben? Ganz langsam hatten wir uns unmerklich festgefahren.
So ein Mist! Wie bekommen wir das Boot wieder frei!
Mit
Harris als Dolmetscher (Indonesisch und Malaiisch sind sehr ähnlich) fuhr
ich mit dem Dingi zu einem anderen ankernden Boot um zu fragen, ob sie
uns frei ziehen könnten. Dort bekam ich die gute Nachricht: Alle Boote
hier saßen genauso fest. Sie machten es aber mutwillig. Sie fuhren abends
in den extrem weichen Schlick um ohne zu schaukeln ruhig zu liegen und
fuhren am nächsten morgen mit der Flut wieder los. Die Bootsfahrer hatten
uns beobachtet und gedacht, dass wir es genauso machen. Deswegen
hatte auch niemand Alarm gegeben.
Dennoch
war uns die Sache etwas unheimlich. Was, wenn wir morgens nicht freikommen
würden? Unser Pott war größer als die der Fischer. Wir verbrachten eine
unruhige Nacht, oder besser nur einen Teil davon. Um 3:00 Uhr war es soweit.
Unser Boot bewegte sich! Nun wurden wir alle munter. Das Schiff begann
sich zu drehen. War das gut oder schlecht? Ich tippte auf gut. Die Strömung
zog uns nicht auf ein anderes Boot zu. Also keinen Anker werfen. Erst
hier raus fahren! 10 Minuten später hatten wir es geschafft. Wir ankerten
auf gutem Grund und die letzten drei Stunden schliefen wir alle mit dem
guten Gefühl in Sicherheit zu liegen.
Dennoch
standen wir morgens wieder zeitig auf. Hier, das war uns klar, war kein
guter Liegeplatz. Nicht sicher und von allem viel zu weit abseits. Und
vielleicht, so hofften wir, gab es ja sogar eine Marina, wo wir möglicherweise
liegen, aber auf jeden Fall gute Infos bekommen könnten. Also wuchteten
wir den Anker hoch. Zuerst machten wir eine Hafen- oder vielleicht besser
Stadtrundfahrt. Die Stadt hatte sich in den letzten 13 Jahren mächtig
gewandelt. Damals gab es praktisch keine Hochhäuser. Nun anscheinend nur
noch. Vom Wasser aus wirkten sie modern, regelrecht westlich.
»Das
dort ist eine Marina«, meinte Peter, der durchs Glas schaute. »Dort steht
sogar SANTAKAN YACHT CLUB. Dort ankern wir.«
Hier
sollte vorerst meine Endstation sein. Ich musste schon am nächsten Tag
nach Deutschland zu unserem 6. Thüringer Dia-Festival aufbrechen, dessen
Vorbereitung bereits auf Hochtouren lief. Schweren Herzens nahm ich von
unserem Boot Abschied. Als letzten Gruß setzten Volker und Peter noch
einmal vor Anker liegend alle vier Segel. Wie es dann ohne mich nach Manila
in den Philippinen weiterging, wird Euch Peter berichten.
Bis
bald
Axel
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| Das
Boot ist flott- Dezember 2003 |
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Makassar
ist eine unangenehm, verkommene, tropische Großstadt, deren mehrere Millionen
Bewohner genauso wie die zahllosen Ratten oder die vielen, wie mir laufend
versichert wurde, ohne Schwänze geborenen Katzen um ein karges Überleben
kämpfen. Bei den einen wie den anderen blieb mir dabei erstaunlich schleierhaft,
wovon sie sich denn eigentlich ernährten. Später hörte ich, dass den jungen
Katzen die Schwänze abgehackt wurden. Den genauen Grund bekam ich aber
dennoch nicht heraus. Aber das ist sicher nur eines der zahlreichen
Rätsel, welche diese Stadt Touristen aufgibt, die den Fehler begangen
haben, sich hierher zu verirren. Ein andere Frage ist die, was in
aller Welt neunzig Prozent der männlichen Bevölkerung in Angesicht
eines Europäers voller Verzückung: »Hello, Mister!« ausrufen lässt. Auf
Kundschaft wartenden Rickschafahrern mag dieser Werbegag noch verziehen
werden. Doch was ist mit all den anderen, den Schulkindern oder den kurz
langsam fahrenden und für den Ruf schnell die Scheibe herunterleiernden
Autofahrer?
Oder
den Geschäftsinhabern, die extra dafür aus ihrem schützenden Unterstand
in den strömenden Regen hervortreten? Ist ihr »Hello, Mister!« tatsächlich
nur ein freundlicher Zuruf oder steckte dahinter nicht vielleicht doch,
wie vielfach vermutet, die hämische Frage: >Na, wann dreht der Ausländer
endlich durch!?< Denn eines ist sicher: irgendwann, spätestens nach
dem vierhundertsten Mister-Ruf an einem Tag erkennt niemand mehr einen
möglichen freundlichen Unterton. Dann hat man alle Mühe, noch an sich
zu halten. Zum Glück hielt sich dieses Problem für mich jedoch noch in
Grenzen, da ich mich vorwiegend auf dem Boot im Hafen aufhielt. Nach einigen
Tagen fortwährender Reparaturen und Arbeiten an Bord stand mein Entschluss
fest: wir müssen eine Probefahrt unter Segeln durchführen! Was soll all
die blanke Theorie, wenn wir nicht einmal versucht haben zu segeln? Nein,
wir müssen das Boot endlich mal richtig ausprobieren. Wie jeden Morgen
fing auch dieser Tag mit einem Regenschauer an, der jeden Blick zum Himmel
zu etwas trostlosem werden lassen musste. Grau in grau; Dauerregen in
Gießkannenstärke, dazu Wind in Böen bis zu sechs. Das sollte das Wetter
für eine Probefahrt werden? Hätten wir nicht auf besseres Wetter warten
können? Kaum. Denn wir befanden uns mitten in der Regenzeit, was hier
bedeutet, dass man ständig und immer damit rechnen muss, dass es aus allen
Rohren schüttet. Missmutig machte ich mich auf den Weg in den Hafen. Kaum
hatte ich die Straße erreicht, als ich auch schon restlos durchnässt war.
Eigenartiger Weise hob genau das meine Stimmung wieder. Genau dieses Nässegefühl,
genau dieses Wetter, war es doch, was uns die nächsten Wochen erwarten
würde! Was als genau das konnte realistischere Bedingungen für unsere
Probefahrt abgeben? Trostlos lag das Boot im Regen, mächtig hin- und hergeschüttelt
von den Ozeanwellen, die nur wenig von einem vorgelagerten Riff gebrochen
wurden. Unsere winzigen Beiboote waren für solche Wellen nicht geschaffen.
Also machte ich mich auf die Suche nach einem sogenannten Taxiboot, kleinen,
offenen Booten mit starken Motoren, welche Tagesausflügler zu vorgelagerten
Inseln brachten - jedenfalls wenn sich mal welche einfanden, was nun mitten
in der Regenzeit wenig wahrscheinlich war. Schnell
hatte ich ein Boot gefunden und einen akzeptablen Preis für die Überfahrt
ausgehandelt. Das kleine Boot wurde - wie nicht anders zu erwarten - ebenfalls
mächtig gebeutelt. Zwar hatte der starke Regen den Wellen etwas Wucht
genommen, doch kam jede bis ins Boot geschwappt. Nass war ich ja durch
den Regen eh schon. Langsam näherten wir uns unserem Boot „Kublai’s Kahn
II“. Was eben noch trostlos und abweisend auf mich gewirkt hatte, wich
nun einem Stolz, einer Erhabenheit, die ich aus der Ferne einfach nicht
erkennen konnte. Ja, das war ein Boot: ein mächtiger Heckaufbau, vier
Masten und vorn am Bug auf jeder Seite eine Art Bughörner, die wir längst
als »Flügel« umgetauft hatten. Diese dienen bei chinesischen Dschunken
dazu, die Anker so abzulegen, dass sie auf Deck keinen Platz einnehmen
- eine sinnreiche Erfindung, die jedoch wie so viele Eigenschaften von
Dschunken, nie Eingang in den internationalen Bootsbau gefunden haben.
So sind am Mast nach vorn oder hinten verschiebbare Segel noch immer nur
bei Dschunkenriggs zu finden. Der Vorteil, die guten Trimm-Möglichkeiten,
werden allerdings durch ein relativ umständliches Handling wieder
verspielt. Den Sinn anderer Eigenheiten haben wir bisher allerdings
noch immer nicht enträtseln können. Was sollen zum Beispiel die Löcher
in den Ruderblättern? Lange hatten wir alte Zeichnungen und
Baupläne von Dschunken studiert. Auch bei den indonesischen Pinisis
tauchen diese imaginären Löcher immer wieder auf. Selbst erfahrene
einheimische Bootsbauer, die wie eh und je die Steuer ihrer Boote mit
einem oder mehreren Löcher versehen, waren nicht in der Lage, uns dessen
Sinn zu erklären. Sollten wir es also einfach schließen? Nach langer Diskussion
entschieden wir uns dagegen. Selbst Thor Heyerdahl hatte bei seiner Rah
I eine Modifizierung durchgeführt, da er den Sinn eines bestimmten Teiles
nicht verstanden hatte. Das Resultat war, dass die Rah I die geplante
Atlantiküberquerung nicht schaffte. Also hatten wir das Loch im
Steuer so gelassen. Dennoch blieben natürlich genügend Fragen, was
die Schiffstechnik betraf. Eine komplette neue Steueranlage, eine traditionelle
Kettensteueranlage, war eingebaut worden. Das bedeutete für uns relativ
lange Ketten. Doch um all diese Frage zu klären, diente die heutige
Probefahrt. Peter, Hendrik, Detlef, Jörg, Volker und ich setzten uns ein
letztes Mal zusammen. Dazu kamen noch fünf einheimische Besatzungsmitglieder,
die ebenfalls an dieser Fahrt teilnehmen wollten. Jeder bekam seine
Aufgaben zugewiesen. Dann ging es los. Zuerst wurden die beiden
Anker eingeholt, die wir wegen des nächtlichen Sturmes ausgelegt
hatten. Ohne elektrische oder hydraulische Ankerwinsch - wie es auf
Traditionsbooten der Fall sein sollte - eine ganz schöne Plackerei! Immerhin
galt es ein paar hundert Kilogramm Ankerkette und die massiven Anker
hochzuziehen. Dann endlich konnten die Segel gesetzt werden. War
das ein Glücksgefühl! Endlich segeln! Endlich kam der Moment herbei,
an dem die Segel nicht nur probeweise hochgezogen wurden sondern
an dem richtig gesegelt werden sollte! Überglücklich umarmten wir uns
und jubelten uns zu. Nun konnte es losgehen! Endlich war der Moment gekommen,
der Moment auf den wir seit Monaten gespannt gewartet hatten. Wie
zur Feier des Augenblicks ließ genau in diesem Moment der ständige
Dauerregen nach und wir glaubten unseren Augen kaum: der seit Wochen
graue Himmel riss auf und endlich ließ sich auch wieder die Sonne einmal
blicken! Und es sah aus, als wenn sie für den Rest des Tages scheinen
würde. Was konnte es Schöneres geben nach Wochen der Plackerei und
der nervenaufreibenden Arbeit an dem Boot?! Die ersten Segel waren
gesetzt. Sofort griff der Wind in das Tuch und drückte das Boot
augenblicklich voran. Was störte es da, das noch ein paar Seile nicht
richtig liefen, dass hier und dort noch ein paar Kleinigkeiten gerichtet
werden mussten? Dafür war so ein Probetörn ja schließlich da! Doch
was war das? Passte der Steuermann nicht auf? Warum fiel plötzlich das
Boot vom Kurs ab?! Sofort fing es in der noch immer schweren See an zu
rollen und zu stampfen. Verschiedene nicht festgezurrte Dinge purzelten
über das Deck. Ein paar lose Bambusstangen und Hölzer rollten von
einer Seite auf die andere. Warum waren die nicht festgemacht? Doch
das war im Moment nicht das eigentliche Problem. Als ich endlich
meinen Platz auf dem Vordeck verlassen und mich nach Achtern gehangelt
hatte - immer gut festhaltend - erkannte ich das Dilemma: irgendwas
hatte sich in der Steuerung verklemmt. »Zum Glück haben wir noch
eine zweite Steueranlage eingebaut!«, schoss es mir durch den Kopf.
Doch wie sich herausstellte, war das Problem schnell behoben und der Steuermann
brachte schmunzelnd das Boot wieder auf Kurs. Er hatte gut lachen, da
er ja nicht die in der Kombüse verstreuten Lebensmittel einsammeln
brauchte. So glimpflich dieser kleine Vorfall ablief, machte ich
mir doch ein paar Gedanken deswegen. Wieso hatten wir nicht alles
richtig verstaut und festgezurrt? Das war doch eine Grundregel an
Bord?! Wieso hatten wir dabei nicht richtig Acht gegeben? Und was hatten
wir sonst noch übersehen? Hätte die Sache mit dem Steuer in einer
kritischen Situation ernste Folgen haben können? Das alles galt
es abzuwägen. Aber wir hatten ja noch etwas Zeit die aufgetretenen Mängel
zu beseitigen.
Also
blieb es dabei, am 23. sollte gestartet werden. Auf nach Malaysia, in
die Philippinen und dann nach Hongkong! Endlos wurden Vorräte gebunkert.
Niemand wusste schließlich, wie lange die Fahrt dauern würde. Auch
unser einheimischer Kapitän konnte uns darüber keine genaue Auskunft
geben. »Dorthin fährt doch von hier aus normaler Weise niemand!«, meinte
er. »Diese Strecke lohnt sich für uns nicht. Nur Tropenhölzer könnte man
dort schmuggeln. Aber die gibt es noch günstiger in Borneo. Also
fahren wir lieber andere Strecken. Außerdem gibt es in der Sulusee
viele Haie und Piraten. Und mit denen ist nicht zu spaßen.« Vor
Haien hatten wir keine Sorge. Wohl aber etwas vor den Piraten. Oft hatten
wir während unseren Recherchen davon gehört. Oder wurde bei solchen
Berichten wieder einmal übertrieben? Dafür sprach, dass wir wiederholt
von sorglos durch die Sulusee segelnden Jachten gelesen hatten, deren
Eigner sich absolut keine Gedanken über Piraterie gemacht hatten. Auch
kannte anscheinend niemand einen konkreten Vorfall, der dort stattgefunden
hatte. Also doch nur ominöse Warnungen, die sich auf so falsche Ängste
beziehen, wie die Angst vorm bösen Wolf? Darauf baute ich, denn
ich mochte mein Prinzip, ohne Waffen zu reisen, nicht aufgeben.
Wohin sollte es sonst noch führen, wenn jeder, der sich unsicher vorkommt,
gleich bewaffnet? Nein, unsere Reise soll dem Kennenlernen verschiedener
Kulturen dienen. Und dazu sind Waffen einfach nicht der richtige
Weg!
Bis
demnächst
Axel
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| Reisevorbereitung
in Sulawesi – November 2003 |
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Bira
ist ein kleines, tropisches Dorf im äußersten Südwesten der großen, auf
der Landkarte regelrecht zerfetzt aussehenden indonesischen Insel Sulawesi.
Der Ort besitzt die unwirtliche Aura eines ehemaligen Fischerdörfchens,
dessen nicht beachtete Existenz durch die zweifelhaften Segnungen des
modernen Tourismus ein plötzliches Ende fand. Unvermittelt war jedoch
auch diese kurzlebige Epoche des Tauch- und Segel-Tourismus vorbei und
erneut konnte der Ort in seinen alten Dornröschen-Schlaf fallen. Übrig
blieben ein so kaputter, wie hoher Bürgersteig, ein Tennisplatz, auf dem
sich Hunde und Ziegen paaren, ein korrumpiertes Preisgefüge und sich bereits
im fortgeschrittenen Verfallsstadium befindliche und in ihrer betonenden
Hässlichkeit sozialistisch anmutenden Statuen. Übrig blieben auch das
Recht Bier zu verkaufen und eine winzige Handvoll unerschrockener Touristen,
welche genau dieses groteske Ambiente zu mögen scheinen. Von all
dem lebt die hiesige Bevölkerung ziemlich unbeeindruckt. Wie vor
hundert Jahren wohnen die Leute in ihren armseligen, eingezäunten Stelzenhäusern.
Sie gehen regelmäßig in die Moschee, enthalten sich während des
Ramadans zumindest in der Öffentlichkeit allen Vergnügungen, meiden die
brutale Mittagssonne und machen dabei einen so ausgeglichenen Eindruck,
als lebten sie im Paradies. Polizisten und Beamte werden für einen kleinen
Obolus zu wirklichen Dienern des Volkes.
Langsam
und ineffizient verrichtet jeder seine Tätigkeiten, so dass ich schon
beim bloßen Zusehen nervös werde. Kein Zweifel, die Leute haben ihr Paradies
gefunden und ich passe da einfach nicht rein. Warum bin ich also hier?
Eigentlich hängt alles mit dem Plan von Peter und mir zusammen, auf Marco
Polos Spuren seiner Heimfahrt nachzusegeln. Und wenn, dann schon wie Marco
Polo mit einer chinesischen Segel-Dschunke! Doch schon die Vorbereitungen
zu diesem Trip verliefen katastrophal. Zwar hatten wir irgendwo in Indien
eine traditionelle Segel-Dschunke auftreiben können, doch war ihr Schicksal
besiegelt, als wir mitten im Ozean in einen Zyklon kamen. Zum Glück hatten
wir – im Gegensatz zu unserem Boot - dank moderner Kommunikationsmittel
die Chance, gerettet zu werden. Riesige Wellen und ein infernalischer
Sturm suchten dies zu verhindern. Doch zwei Öltanker eilten auf
unser SOS herbei. Bei einer dramatischen Rettungsaktion verloren wir zwar
fast all unsere wenige aus der Dschunke gerettete Habe, und nur mein Vater
Jochen einen Zahn, aber niemand sein Leben oder die Gesundheit. So gesehen
ging doch alles glimpflich aus. Doch unsere Idee, unsere Motivation und
viel Geld schien verloren. Wie sollte es weitergehen?
Dann begann die Zeit der Neuorientierung. Klar konnten wir aufgeben und
uns einem neuen Projekt zuwenden. Gründe dafür gab es genug. Zum Beispiel
den, dass es wohl keine reine Segel-Dschunke mehr gab, wie ich erfahren
hatte. Doch gab uns dies das Recht aufzugeben? Schließlich machen wir
unsere Reisen nicht nur für uns allein! Zu viele Leute glaubten an uns,
motivierten uns oder gaben uns ganz spontane Unterstützung. Stellvertretend
für viele sei der Rudolstädter Marinemaler Olaf Rahardt genannt, der uns
einfach so Bilder schenkte, auf denen er gemalt hatte, wie wir eine neue
Dschunke bauten! Nein! Wir mussten weitermachen, die Herausforderung annehmen.
Natürlich gab es dabei nun ein paar gravierende Probleme. Aber Probleme
sind bekanntlich dazu da angegangen zu werden. Wir mussten also eine neue
Lösung finden. Zum Einen war klar, dass wir weder eine neue Dschunke finden
würden, noch dass wir Geld und Zeit für den Neubau einer solchen hatten.
Also blieb nur der Umbau eines bestehenden Schiffs. So setzten sich
mein Vater, ich und Jörg Buhl, unser Reisebegleiter auf dem Amazonas,
ins Flugzeug und fahndeten nach einem neuen Boot. Indonesische Pinisis
sind entfernt mit Dschunken verwandt und kamen so ganz gezielt in Frage.
Wir
klapperten viele Häfen auf vielen Inseln ab und landeten schließlich in
Timor, der seit kurzem offiziell auf zwei Staaten aufgeteilten Insel.
Dort an diesem abgelegenen Zipfel Indonesiens lag eine Pinisi, ein Boot
mit nur einem Masten und einem ausgesprochen hässlichen Aufbau. Doch nicht
das war der Grund, warum das Boot so günstig zu haben war. Nein, das war
etwas, was wir nicht sehen und anfangs auch nicht ahnen konnten. Ein Fluch,
ein böser Bann sollte auf diesem Boot liegen! Der schlagende Beweis dafür
war, dass zwei Leute, die mit diesem Boot zu tun hatten, gestorben waren.
Einer allerdings unter mysteriösen Umständen, die eine gewisse Nachhilfe
vermuten ließ.
Wir sind nicht abergläubisch und waren uns schnell wir einig: Dieses Boot
sollte es sein! Ein weiterer Beweggrund dafür war, dass der Rumpf einen
ausgesprochen gutem Zustand aufwies - Mängel daran hatten uns ja schon
ein Boot gekostet. Doch fast wäre dieser Kauf dennoch zu einem Flop geworden.
Das Boot war in Ordnung, der Preis auch, alles schien OK, doch wir hatten
nicht bedacht, dass wir ja auf jeden Fall auf Indonesier angewiesen waren.
Zum provisorischen Umbau genauso wie zur Überführung in einen anderen
Hafen, wo der endgültige Umbau vorgenommen werden sollte. Und für Einheimische
kam nicht in Frage, ein verfluchtes Boot zu betreten. Andererseits
konnte der alte Schiffsname ja auch durchaus als gutes Omen gewertet werden.
Der alte Eigner hatte es "Marco Polo" getauft. Ein Name also,
mit dem wir seit einigen Jahren mittlerweile eng verbunden sind. Sollten
wir ihn beibehalten? Vernünftige Gründe sprachen dafür. Doch es kann ja
nicht alles auf der Welt vernünftig zugehen. Marco Polo kam nach
China als dort ein Enkel des berühmten Dschingis Khan das Land regierte.
Dieser Enkel, der Marco Polo mit verschiedenen Aufgaben betraute, nannte
sich Kublai Khan. Warum also sollten wir einen Bootsnamen beibehalten,
der selbst auf dem Amazonas in Brasilien schon als gewöhnlich gilt? Für
uns gab es keine Frage: Nach einem Buchstabendreher wurde aus Kublai Khan
unser Bootsname Kublai`s Kahn!
Der neue Name war geboren. Doch noch hatten wir ein anderes Problem.
Noch war unser Boot verhext. Also wer konnte uns bei so etwas helfen?
Doch auch für solche Probleme gab es eine Lösung. Natürlich existierte
irgendwie ein Gegenzauber; "weiße Magie", welche den verderblichen
Bann vom Boot lösen konnte. Nach langer Suche stöberte ich irgendwo ein
altes Muttchen auf, eine gebrechliche, auf Timor lebende Chinesin, deren
Aussehen eine spannende, geheimnisvolle Zeremonie erwarten ließ. Sie war
nach Auskunft vieler für solche Art Gegenzauber zuständig.
Also machte ich mit ihr einen Termin aus und legte schon mal meinen Fotoapparat
bereit. Weihrauchschwaden, getrocknete Kräuter, selbst einen Tanz im Trance
- alles schien mir möglich und ich wollte das natürlich festhalten.
Um so größer war meine Enttäuschung, als am nächsten Tag eine wesentlich
jüngere Frau, geschminkt und gut gekleidet vor mir stand. Ihr Bandscheibenproblem
hatte sich über Nacht gebessert, so dass sie sich wieder voll aufrichten
konnte und mit frisch erwachtem Selbstbewusstsein herausgeputzt hatte.
Und mysteriöses Getue kam auch nicht in Frage. Schließlich war sie Christin
und dieser Gott hatte ihr die Kraft gegeben, durch Gebet und Gesang böse
Flüche zu lösen, erklärte sie freimütig. Doch nicht uns musste sie überzeugen.
Nein, das waren die Indonesier, die zukünftig an unserem Boot mitarbeiten
sollten. Und das gelang ihr spielend. Vielleicht weil sie schon öfters
Flüche gelöst und Häuser wieder bewohnbar gemacht hatte. Damit war
unser Boot somit klar zum Überholen. Nach einer kurzen Überführungsfahrt
nach Bira, diesem kleinen, abgelegenen Kaff mit gutem Hafen und der Möglichkeit
Holzarbeiten durchzuführen, konnte es beginnen.

Unter
Jochens Anleitung und mit weiterer Hilfe von Jörg und unserem Freund Günter
Wamser, der extra dafür seine Reise in Mittelamerika unterbrach, machten
sich bis zu 40 indonesische Zimmerleute und Matrosen an die Arbeit. Und
es ging vorwärts. Langsam nahm das Schiff Gestalt an. Der hässliche Aufbau
wurde abgerissen, ein Dschunkenaufbau aufgesetzt, die gesamte Takelage
abgeändert, Bughörner zur Lagerung der Anker angebracht und vieles mehr.
Und doch stellten sich Probleme ein. Mehr, ja sehr viel mehr als vorgesehen.
Da waren zum Einen die unterschiedlichen Ansprüche, die uns als Europäer
von Indonesiern trennt. Aus Planken hervorstehende Schrauben sind für
uns ein vermeidbares Sicherheitsrisiko. Im Sturm, bei schwerer See, kann
man sich zu leicht daran verletzten. Für die Leute hier ist das Absägen
und Verkitten eine durchaus verzichtbare zusätzliche Arbeit. Mehrarbeit
ist teurer und muss extra bezahlt werden. Und in einem armen Land wie
Indonesien findet sich normaler Weise niemand, der so etwas bezahlt. Ein
anderes Problem ist die völlige Abgeschiedenheit von Bira. Eine sechsstündige
Autofahrt trennt den Ort von der nächsten großen Stadt. Das bedeutet endlose
Fahrzeiten für denjenigen, der dorthin will um die nächsten wichtigen
Dinge zu kaufen. Von Schrauben bis zu Seilen, fast alles muss von dort
geholt werden. Nur Holz gibt es hier in Bira ausreichend. Dies allerdings
in einer Qualität, die jeden deutschen Tischler in ehrfürchtiges Staunen
fallen lassen würde. Massives Eisenholz, was im Wasser wie ein Stein einfach
untergeht! Aber auch andere Hölzer sind alles andere als rar. Dies ist
eben der Vorteil eines so abgelegenen Ortes. Hier gibt es Hölzer, die
woanders längst verarbeitet wären. Doch trotz dieses Holz-Zentrums
zeichnete sich ab, dass wir mit dem Umbau des Bootes nicht rechtzeitig
fertig würden. Zu umfangreich waren unsere Aufträge, zu schwierig zu realisieren.
Kurz entschlossen änderten wir unsere Pläne und Peter setzte sich früher
als geplant ins nächst mögliche Flugzeug nach Indonesien. Wenn er irgendwo
helfen konnte, dann hier. Auch ich folgte dann ein paar Tage später.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Jakarta, einer gigantischen smogreichen
und ständig verstopften Stadt, ging es weiter nach Sulawesi. Schon bei
dem Landeanflug sah ich unter mir kleine, von Korallenbänken umgebene
Inselchen. Ein Bilderbuch-Südsee-Paradies. Hier sollte ich segeln? Was
konnte es Schöneres geben? Wenn das klappt, wird ein Traum wahr, dachte
ich mir. Doch schon nach der Landung kam die erste Ernüchterung: früh
morgens um neun Uhr herrschte eine derartige Hitze, dass ich mich obwohl
ich mir erst im Flugzeug eine Erkältung zugezogen hatte, mich schon nach
einer Klimaanlage sehnte. Die gab es als offenes Fenster bei der
nun folgenden sechsstündigen Taxifahrt nach Bira, von der ich allerdings
infolge des Jetlags nicht viel mitbekam. Ich erinnere mich nur an den
ersten Blick auf unser "Kublai`s Kahn" - ein großartiges Teil!
Das war ein Boot, mit dem ich mir vorstellen konnte, die Meere zu bereisen,
auf abgelegenen Inseln anzulegen, Stürmen zu trotzen. Doch noch
ist es eine Baustelle, auf der einfach noch unendlich viel zutun ist.
Nur langsam und zäh gehen die Arbeiten voran. Und doch verzage ich nicht.
Dieses Boot ist es wert, sich dafür anzustrengen!
Bis zum nächsten mal
Axel
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