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Das Logbuch von "Kublai's Kahn"

Keine Äpfel im Garten Eden – Mai 2005

„Hast Du das gesehen? Dort reißt die Küste ab, wie von einem Gletscherbruch!“

stieß Peter mich an. An der Grenze zwischen Oman und Jemen stößt ein sandbedecktes Wüstengebirge ans Meer heran. Die Wadis sind selten von Büschen oder Palmen bewachsen, viel eher schiebt sich eine gelbe Sanddüne hinab bis ins Meer. Hochhausgroße Steilküstenstücke brechen davon regelmäßig ab und erzeugen vor der Küste gewaltige, schlammige Wellen. Wir hielten entsprechend Abstand, auch wenn wir deshalb das beeindruckende Schauspiel nicht aus unmittelbarer Nähe erleben konnten.

In dieser Gegend werden von Archäologen die Überreste der ehemals reichsten Oasenstadt Iram vermutet. Weltbekannt wurde die Stadt durch ihre Beschreibung in den Geschichten aus 1001 Nacht. Der sagenhafte Garten Iram wurde dem Koran nach für seinen Reichtum und übertriebenen Stolz mit der Zerstörung bestraft. So dicht lagen damals Hochmut und Fall beieinander. Seit dem zieht die Geschichte der sagenhaften Stadt durch die Karawansereien der Wüste. Lawrence von Arabien nannte sie das „Atlantis der Wüste".

Da auf der Strecke vor uns letzte Woche ein Yacht-Konvoi von jemenitischen Piraten mit tödlichem Ausgang angegriffen wurde, waren auf „Kublai’s Kahn II“ alle etwas nervös. Ein deutsches Kriegsschiff empfahl uns, in der Nähe von Mukalla, dem Piratengebiet, 90 Meilen abseits der jemenitischen Küste zu segeln. In unserem Buch über Piratengefahr und diverser Webseiten wird dagegen vor der gegenüberliegenden somalischen Küste gewarnt. Statistisch gesehen täglich, außer Sonntags. Kurios, wo doch hier freitags Wochenende ist. Je mehr wir den jemenitischen Piraten auswichen, desto eher kamen wir in die Gebiete der somalischen. Außerdem spuken in den Häfen der Gegend diverse Gräuelgeschichten über die historische Aloe-Insel Sokotra. Selbst Marco Polo hat zu seiner Zeit zu den Mythen dieser Insel beigetragen: „Die Einwohner der Insel sind der Zauberei und Hexerei mehr zugetan als irgend ein anderes Volk. Wenn ein Schiff, das einem Seeräuber gehört, einem der ihrigen Schaden oder Leid zufügen sollte, so bannen sie es unter einem Zauber... Sie können auch die See zur Ruhe bringen und nach ihrem Willen wieder Stürme aufsteigen lassen, Schiffbruch herbeiführen und noch manche andere Dinge ins Werk setzen.“

Ein wenig eigenen Zauber hatten wir schon dagegen zu setzen. Unser Thomas heißt nicht umsonst Aladin, sein 2. Name den er sonst nicht verrät. Er versprach, im Notfall mit seiner Wunderlampe zu helfen. Deshalb machten wir nachts zur Sicherheit sogar die Positionslichter aus. Mit doppelter Wache fuhren wir daher absichtlich sonntags vorbei, nahmen trotz starkem Schiffsverkehr den Radarreflektor runter. Selten freuten wir uns über hohe Wellen so sehr, wie an der jemenitischen Küste. Der starke Wind und die Brecher verhinderten das Auslaufen der offenen Schnellboote der möglichen Piraten. Mit entleertem Magen, aber sicher erreichten wir den Hafen von Aden, dessen Einfahrt immer noch von zerbombten Containerschiffen aus dem Bürgerkrieg vor vier Jahren markiert wird.

Die Hafenstadt Aden, dessen Name von dem biblischen Garten Eden abgeleitet wird, mag früher wirklich einen prachtvollen Anblick geboten haben. Seit Kain seinen Bruder Abel dort erschlug und einige Jahre später sogar Noah mit seiner Arche von hier flüchten musste, sind die Zeiten nur vorübergehend besser geworden. Nach der 1990 erfolgten Vereinigung des islamischen Nordens mit dem sozialistischen Süden, dessen Hauptstadt Aden war, gleicht die Bucht mit der markanten Halbinsel eher einer längst verblühten Landschaft. Der fehlende Aufschwung Süd führte nach drei gemeinsamen Jahren in einen Bürgerkrieg, den der Süden verlor. Das frisch vereinigte Jemen bot damals beiden deutschen Staaten Beratung zum Beitritt der DDR an, was allerdings von deutscher Seite nicht ernst genommen wurde. Haben wir damit wirklich eine Chance verpasst?

Die Mischung aus realsozialistischen Einheitsbauten, britischer Kolonialpracht und arabischen Lehmhochhäusern, alles mehr oder weniger kriegszerstört, wurde mit sehr bescheidenen Eigenmitteln wieder aufgebaut. Dennoch war Aden allein schon so spannend, dass wir auf einen längeren Inlandausflug verzichteten.

Im sozialistischen Südjemen war das Verhüllen bis zur Wiedervereinigung mit dem islamischen Norden verboten, umso krasser schwenkte die öffentliche Moral ins andere Gegenteil um. Ganz verwundert beobachtete ich zwei total schwarz verschleierte Frauen, die nur durch den Sehschlitz blinzelnd sich gegenseitig erkannten und zum Schwatzen auf die andere Straßenseite rannten. Wie sie sich gegenseitig erkannt hatten, blieb mir schleierhaft.

Unsere Abreise aus Aden war zugleich ein Abschied von unseren Schweizern Migg und Caroline, die seit Phuket unsere Crew erheblich verstärkt hatten. Sie besorgten sich zwei Esel und verließen uns, um ihre eigene Tour wieder aufzunehmen. Von unserem Tioman-Peter aus Sri Lanka erhielten wir unterdessen die erlösende Nachricht, dass er nach dem Verteilen der Hilfsgüter für die Tsunamiopfer sicher wieder zurückgekehrt sei.

Das Tor zum Roten Meer, Bāb al Mandab ist bekannt für seine Stürme. So wunderte es uns nicht, dass wir in einen Sturm bis Windstärke 10 bekamen. Letztendlich waren es die bis zu sechs Meter hohen Wellen, die uns hinter einer der schwarzen Vulkaninseln des Hanish-Archipels Schutz suchen ließen. Sofort kamen zerlumpt aussehende Strolche mit Kalaschnikows aus Steinbunkern über die vegetationslose Insel auf uns zu gerannt. Zum Glück nur jemenitische Grenzer. Wir lagen fünf Tage vor Anker, genervt von den Soldaten, durchgeschaukelt von den Wellen und vom Schiffskoller geplagt. Da half nicht einmal die berühmte Unterwasserwelt des Roten Meeres als Entschädigung. Nicht jeder war so mutig wie unser Sascha, Yogalehrer aus Russland. Er konnte sich endlich seinen Traum erfüllen, einmal mit Haien schwimmen. Zwar war es nur ein kleiner, aber immerhin ein Hai. Wer kann denn schon wissen, wo dessen großer Bruder gerade lauert...

Mit der Überfahrt nach Eritrea verließen wir die Route der Weihrauchstraße, die an der Küste entlang vom Oman über Jemen, Saudi-Arabien, Jordanien bis zum Mittelmeer führte. Nicht nur die Königin von Saba, vielleicht auch Marco Polo reiste  hier entlang, denn über seine Reise von Persien nach Konstantinopel existieren keine Aufzeichnungen.

Mitten in der Hafeneinfahrt von Massawa, in Eritrea, setzten wir unser Boot auf eine Sandbank. Und das bei Flut. Mit viel Schweiß zerrten wir uns selbst durch einen Anker, den wir per Beiboot weit ausgebracht hatten, eilig wieder herunter. Das war noch einmal gut gegangen in der Hafenstadt Massawa!

Eritrea ist eine unglaubliche Mischung aus dunklen, farbenfroh bekleideten Afrikanern, Arabern in langen Gewändern und europäisch-christlichen Kopten. Das Zentrum der Stadt liegt auf zwei Inseln und hat eindeutig arabischen Flair. Trotzdem fast alle Häuser durch den erst vor 14 Jahren beendeten Krieg mit Äthiopien stark beschädigt sind, herrscht in den Gassen eine unbeschreiblich interessante Atmosphäre. Hier könnte man bleiben, wenn nicht in der allgemein um sich greifenden Vorkriegsstimmung nur noch diskutiert wird, ob der Bürgerkrieg oder der Krieg mit Äthiopien eher beginnt. Dementsprechend rationiert sind Lebensmittel und Brennstoffe, was für uns zu beschaulichen Bildern von Lastenkarawanen mit Eseln oder Kamelen führt. Kritik wird seitens der Diktatur mit Stasimethoden unterdrückt. Die Situation finde ich besonders fatal, wenn man bedenkt, dass dieses Land mit viel Idealismus durch eine Volksbefreiungsbewegung gegründet wurde.

Die Vorstellungen von Eritreern über Deutschland beschrieb am besten ein Artikel in der staatlichen Zeitung, in dem ganz groß darüber berichtet wurde, dass der neue Pabst – Ratzinger – in seinem Heimatort Freibier ausgegeben hätte.

Nach den vielen Monaten in islamischen Ländern bekamen auch wir wieder Bier und in der ehemaligen italienischen Kolonialhauptstadt tollen Espresso, bevor wir den Anker Richtung Suezkanal lichteten.

Ma'a Salama, bis später!

Euer Axel

 
An der Weihrauchstrasse entlang – März 2005

Ende Februar sammelte sich die Mannschaft in Goa an der indischen Westküste. Peter gab das Kommando, dass Schiff zum Ablegen klar zu machen und wollte nur noch schnell die Ausreispapiere abstempeln lassen. In schönster Tropenhitze wurde das Boot akkurat gepackt, die Takellage überprüft und die Kette zum Steuerruder geschmiert. In vorbildlicher Seemannschaft glänzte unser Kahn in der Bucht, wie noch nie bei einer Abfahrt vorher. Der Stolz in der Mannschaft wich langer Weile und bald leichtem Frust. Wo blieb denn Peter? Mit einem Bündel Kokosnüsse als Entschädigung kam er erst Stunden später zurück. Er verkündete, dass wir heute Abend unseren Abschied von Indien zum zweiten Male feiern könnten, denn morgen müsse er noch mal in die Mühlen der Bürokratie. Und überhaupt, ob wir morgen ablegen könnten, sei auch nicht so sicher...

Wir konnten. Eine Spende für die indische Götterwelt in Form von mehreren Rumflaschen machte die Beamten einsichtig.

In dieser Etappe war wieder Funkamateur Herbert, der schon die Sturmfahrt von den Philippinen nach Hongkong mitgemacht hatte, dabei. In seinem Logbuch fasste er seine Eindrücke zusammen:

Als einzige Station aus der Arabischen See zu senden. Die „schönste Nebensache der Welt“ – das Funken mit der Idee der Völkerverständigung durch die KUBLAI´S KAHN II und mit viel Spaß zu verbinden, das reizte mich, seitdem ich aus Hongkong wieder nach Hause kam.

Am 23. Februar war es dann soweit. Raus aus den Kojen, unseren „Dschunkensong“ eingelegt und den Anker gelichtet. Auslaufen in Richtung Oman.

Das Wetter meinte es manchmal zu gut mit uns – kein Wind. Schlaff hingen die Segel an den Rahen und die Bambuslatten klapperten an die Masten. Leider keine Erholungspause für die Seekranken. Ohne kühlenden Wind schaukelte das Schiff die unruhige Dünung ab. Einer wurde so krank, dass wir per Telefon unseren Dschunken-Doktor Gunther aus Königssee konsultierten. Die Folgen der um sich greifenden Seekrankheit wurden den Gesunden bald lästig. Im Mannschaftsraum war bald ein Schild zu lesen: „Nur über die untere Reling kotzen!“

Ein Erlebnis der besonderen Art waren die tiefschwarzen Nächte im Arabischen Meer. Normalerweise ist die „Hundswache“ von Mitternacht bis 4.00 Uhr nicht gerade beliebt. Aber mit Milliarden von Sternen, die sich teilweise im Meer spiegeln und dem intensiven Meeresleuchten, hervorgerufen durch blau bis grün scheinendes Plankton, wurde die Wache zum Erlebnis. Bei einem abendlichen Badestopp schwappte türkis-blau fluoreszierende Plankton auf unser Deck. Jeder Schritt auf Deck erzeugte einen leuchtenden Fußabdruck. Und als die ersten Badenden mit Leuchtpunkten übersät an Bord zurückkamen, war die Stimmung perfekt. Wir freuten uns wie die Kinder.

Meinem Freund Tom und mir, den zwei Funkamateuren an Bord, gab der laue Wind genug Gelegenheit, Antennen zu spannen und anderen Funkamateuren weltweit von KUBLAI`S KAHN II“ auf den Spuren Marco Polos zu berichten. Beim Einlaufen in den Golf von Oman erregten unsere Signale offensichtlich die Aufmerksamkeit der Militärs. Die wichtigste Öltransportroute der Welt wird argwöhnisch bewacht. Eine Fregatte hielt direkt auf uns zu. Ausweichen oder stur weiterfahren? Doch das Schiff stoppte, beobachtete uns und entfernte sich wieder.

   

Ob unsere Piratenflagge sie vertrieben hatte?  

 Land in Sicht! Nach elf Tagen Überfahrt sahen wir morgens das zerklüftete Küstengebirge des Sultanats Oman. Neben malerischen arabischen Dhaus, den Segelbooten der dortigen Fischer, fanden wir einen Platz im Hafen von Maskat. Der Irakkrieg warf im Hafen seinen Schatten. Ein US-Militärkreuzer, der sich im toleranten Oman ausruhte brachte hunderte vergnügungssüchtiger, erlebnishungriger Soldaten, Männer und Frauen, ins Land. In Shorts und ihrem Drang zum Alkohol verdarben sie ihren im Irak mühevoll erkämpften Stand bei den friedlichen Muselmanen in Maskat.

Schon bald musste uns Herbert wieder verlassen. Dafür kamen Axel und Biga mit Fahrraderlebnissen aus der Wüste zurück:

Zwei Wochen radelten wir an mehrstöckigen Lehmburgen vorbei durch das alte Oman bis zum Rand der unendlichen Rub΄ al Khali-Wüste im Leeren Viertel der Arabischen Halbinsel. Die traditionelle Gastfreundschaft in diesem modern entwickeltem Land verblüffte uns am meisten. Während einer Mittagsrast im Schatten eines kleinen dürren Baumes, hielt ein Pick up mit jugendlichen Beduinen. Sie baten uns zu einem Besuch ihres Kamellagers. Zwischen den Rädern auf der Ladefläche folgte eine halsbrecherische Fahrt über teilweise 200 Metern hohen Dünen in die grenzenlose Weite. An einer Mini-Oase graste eine Kamelherde. Das Oberhaupt begrüßte uns würdevoll. Mit den langen weißen Dischdaschas, dem oft unscharfen Krummdolch und ihrem kunstvoll geschlungenen Turban wirken alte Omanis wie aus einer früheren Welt. Ein Kamel wurde gemolken, welches dabei schauerlich schrie. „Kamele spielen gerne etwas Theater,“ hörten wir die beruhigende Erklärung. Die fettige, frische, schaumige Milch schmeckte mit Fladenbrot ganz vorzüglich.

Stark mit den Folgen der Kamelmilch beschäftigt, vergaß ich in einem einfachen Straßenkaffee meine Sonnenbrille. Zwei Tage später und über zweihundert Kilometer weiter näherte sich von hinten ein Jeep. Der Gastwirt stieg aus, brachte mir meine Brille und hatte sogar etwas Tee für uns dabei!

Wenn Harris zwischen seiner indonesischen Muttersprache sein für den Koran gepaukte Schul-Arabisch hervorkramte, waren einige Taxifahrer so begeistert, dass sie unsere Crew als Gäste ohne Bezahlung mitnahmen. Eine bleibende Erinnerung an omanische Gastfreundschaft sind zwei Kanarienvögel. Ein Taxifahrer besuchte uns an Bord und schenkte uns die Vögel mit Käfig und Futter. Der Käfig hängt nun im Mannschaftsraum. Der Tisch darunter wurde augenblicklich zum Lieblingsplatz unserer beiden Bordkatzen.

Auf dem Meer Richtung Jemen sahen wir erstmals riesige Wale und ein Naturphänomen von über Tausend, wenn nicht sogar Tausenden von Delphinen. Sie ließen das Meer um uns regelrecht kochen.

Von der anderen Seite des Indischen Ozeans, aus Sri Lanka, erreichte uns unterdessen ein Hilferuf vom Tioman-Peter. Der war mit einem Truck voller Hilfsgüter für 300 Familien nach Kallar gefahren. Dort warteten nicht 300, sondern über 1500 Familien auf Hilfe, was er vorher nicht wusste. Fragwürdig beschützt von nur 15 Soldaten saß er einer Lagerhalle in der Falle, während sich draußen die Emotionen aufschaukelten. Gerade hatte er sich an mehreren Armeesperren, einem Gemeindevorstand sowie einem Missionar vorbei gedrängt, nur um sicher zu sein, den Tsunamiopfern direkt zu helfen. Jetzt hatte ihn das Schicksal zum vermeintlichen Opfer der Opfer gemacht. Seit diesem Anruf warten wir auf ein Lebenszeichen von ihm.

In den Ruinen von Qalhat, das ein wichtiger Warenumschlagplatz im Handel mit China, Indien und Ostafrika war, trafen Abdullah, einen Professor für Marinegeschichte. Vom Glanz der nur aus Korallenblöcken erbauten Stadt zeugen heute nur noch eine halbzerfallene Moschee, doch Abdullah brachte mit seinen Worten die Zeit Marco Polos und das quirlige Leben in einem Hafen voller Dhaus und Dschunken zurück. Mit unserem neuen Bekanten besuchten wir die Dhauwerft in Şūr und saßen gemeinsam am Abend an einer Wasserpfeife lange beisammen.

Am nächsten Tag überraschte uns eine Gruppe vom Thüringer Reisebüro Schumann Reisen im Hafen. Neugierig lasen wir deutsche Zeitungen und hörten Geschichten aus der Heimat.

Leider konnten wir sie nicht nach Şalālah, einer Hafenstadt an der Weihrauchstraße mitnehmen. Marco Polo war damals vom Handel mit dem duftenden Gold der Antike stark beeindruckt: „...eine großartige, schöne Stadt mit sehr geschäftigen Hafen...die Kaufleute machen hier enormen Gewinn...und viel heller Weihrauch wird hier hergestellt..." Wir hatten Glück, im Hinterland der Stadt beim Zapfen des Weihrauchharzes von den knorrigen, nur wild wachsenden Bäumen zu zu sehen.

Mit Seefahrergrüßen

Axel und Peter

 
Auf nach Indien! – Februar 2005

»Los, macht hin, ich will wieder auf die Piste!« kommandierte Peter, als das Ablegen in dem von Hilfsgütern übervollen Containerhafen Colombos, der Hauptstadt Sri Lankas, nicht klappen wollte. Harris quatschte noch mit einem Hafenarbeiter. Thomas und Martin stapelten Vorräte an der Reling und waren den anderen im Weg. Biga und Caroline drängelten mit dem Mittagessen, weil die Abfahrt sich wieder hinausgezögert hatte. Ich kam gerade ölverschmiert aus dem Maschinenraum und kam nicht an Wasserhahn und Seife, so dass ich nicht zupacken konnte. Jeder wusste zwar was zu tun war, und trotzdem wurden unsere Ablegemanöver nicht besser. Peter stand am Steuerrad, brüllte aus voller Kehle Kommandos und hatte seine Mühe, Schiff und Mannschaft im Griff zu behalten. Die Fischer in den umliegenden Booten erfreuten sich an unserem Spektakel.

Der Peter aus Tioman fehlte, das war zu merken. Er hatte ein Gespür dafür, wo zugepackt werden musste. Wegen der großartig angelaufenen Hilfsaktion für die Tsumaniopfer blieb er auf der Insel zurück, um die weiteren Arbeiten zu koordinieren. Wir hatten ihn am Tag zuvor an seinem LKW verabschiedet. Für die 300 Kilometer zu dem Empfängerdorf braucht er immer zwei Tage. Wilde Elefanten versperrten immer wieder die Straße. Da sie immer noch illegal geschossen werden, greifen sie gelegentlich auch Lkws an. Da heißt es Abstand halten, denn neben der Straße kann man die Tiere auch nicht umfahren. Da lauern Minen...

Später hörten wir, dass der LKW gut angekommen war. Die Elefanten hatten nur versucht, das Auto umzuschupsen. Wegen der vielen Hilfsgüter war er jedoch dafür zu schwer. Nach einiger Zeit zogen sie trompetend in den Dschungel. Dafür war der LKW für die folgende Schlammpiste auch zu schwer. Er blieb stecken. Das hieß, 15 Tonnen Lebensmittel auszuladen, den LKW mit einem Traktor vom Dorf frei zuziehen und die Säcke zu Fuß durch den Schlamm bis zum Aufladen hinterher zu tragen.

Im März, so rechnet Peter aus Tioman, wird sich die Lebensmittellieferung stabilisiert haben, so dass er plant, bei dem Wiederaufbau des Fischerdorfes Hand an zu legen. Dafür werden wohl etliche Baumateriallieferungen nötig sein.

Endlich hatten wir das freie Fahrwasser erreicht, ließen den Wind die Segel greifen und suchten uns freies Fahrwasser. Unsere Route lag genau auf der Rennstrecke der Indienroute. Alle Tanker und Cargoschiffe von Bombay zur anderen Seite der indischen Halbinsel fuhren hier entlang. Um die seichten Gewässer an der Küste erwarteten wir Fischerboote, die zwar bis zu 500 Meter lange Schleppnetze ziehen können, aber nachts keine Lichter haben. Wir waren auf alles gefasst, nur nicht auf den heftigsten Wellenschlag seit unserer Abreise aus Thailand. Ich hatte mir schon etwas darauf eingebildet, so ein richtiger Seemann geworden zu sein, den nichts mehr umhaut. Auf der Strecke nach Cochin musste ich doch noch zu den Zäpfchen gegen Seekrankheit greifen. Unser Glück war das Unglück der Fischer. Kaum ein Boot kam zum Fang aufs Meer. Die Tsumaniwellen hatten auch hier etliche Dörfer und Boote verwüstet und der hohe Seegang hielt die Restlichen ab.

Erst vor Cochin sahen wir die stattlichen, sichelförmigen Fischerboote mit hoch emporragendem Bug und Heck, wie Wikingerboote. Ein malerischer Anblick. Ihre speziellen an Tauchrahmen befestigten Netze, ›chinesische Fischnetze‹ genannt, stammen aus einer Zeit noch vor Marco Polo.

Kurz vor der Hafeneinfahrt bemerkten wir, dass unsere Indienfahne, die wir schon auf den Andamanen gebraucht hatten, nicht mehr zu finden war. Harris erklärte kleinlaut, dass er den Globus nicht so genau kennt und deshalb in Sri Lanka mit der, seiner Meinung nach nicht mehr benötigten Fahne, Hilfsgüter verpackte. Das nahm ihm keiner krumm, aber ohne Fahne konnten wir uns nicht zu den Bürokratie-versessenen Indern trauen. Thomas opferte seine grüne Zweithose, die er erst in Thailand gekauft hatte. Weißes Tuch nahm er von der ehemaligen Wolfskinfahne. Zusammen mit einem noch nie gebrauchten gelben Signalfähnchen nähte er schnell eine indische Fahne, die mit einem Filzstift sogar ein provisorisches Staatswappen erhielt. Der Küstenschutz nahm an diesem Meisterwerk keinen Anstoß.

Der Hafen von Cochin liegt in einer stark zergliederten Lagune ohne markante Hügel. Bei 28 Grad Celsius und einer schwülen, stark dunstigen Luft fuhren wir vorsichtig durch die engen Fahrrinnen. Immer wieder kam aus einer Nebelbank ein kleines Boot herausgeschossen, denen wir wegen unseres Tiefganges nicht ausweichen konnten. Die ganze Besatzung war auf Ausguck, am Tiefenmesser oder an den Seekarten. Nachdem wir mehrmals den Anker an einer angeblich falschen Stelle geworfen hatten, hingen wir bald schweißtriefend und erschöpft am Spill. Wir erwarteten nicht besonders gastfreundlich das Zollboot, das jedoch nur die ersten Formulare übergab. Nun war es meine Aufgabe, das Boot am nächsten Tag offiziell anzumelden. Mir graute davor und die Realität belehrte mich leider keines Besseren. Einen ganzen Tag und mehrere Liter Cola dauerte der Kampf durch die Instanzen. In elf Büchern und auf 42 Formularen steht nun unsere Ankunft verewigt. Sollte ich mich mehr über die Briten ärgern, die diese Kolonialbürokratie hinterließen, oder über die Inder, die dieses System mit Inbrunst konservieren? Der letzte Beamte hatte wohl ein Einsehen, kürzte die Formalität auf geheimnisvolle Weise ab und ludt uns zum Tee ein.

Bei der Rückkehr zum Schiff waren dort alle in höchster Aufregung. Die Gezeiten hatten das Boot trotz unseres 350 Kilogramm schweren Ankergeschirrs wie ein Stück Treibholz durch den Hafen gezerrt. Zum Glück frischte der Wind auf, so dass er uns gegen die Ebbe trieb. Kein schöner Platz für längeren Landurlaub, wenn mehr als die Hälfte der Mannschaft ständig an Bord bleiben muss. Wieder musste alles schneller gehen, als geplant. Biga und ich verließen das Boot, um unser Flugzeug in Madras zu erreichen.

Da Freitag war, hatte eigentlich nur noch Harris einen triftigen Grund, von Bord zu gehen. Er setzte sein Feiertags-Käppi auf und ging zur Moschee. Beim Essen und Trinken sind noch am ehesten Unterschiede zu bemerken. Wir haben jedoch zu selten Schweinefleisch an Bord und heißes Bier schmeckt auch Ungläubigen so schlecht, als daraus Probleme entstehen würden. Harris hatte vor sich nach dem Gebet mit Caroline und Michael auf dem Markt zum Großeinkauf zu treffen. Beide saßen vor einer kleinen Kneipe neben einer herumliegenden heiligen Kuh, als eine Traube von Käppi-tragenden Männern auf die beiden zustürmte. In ihrer Mitte grinste Harris. Im Nu war die Einkaufsliste besprochen und die drei brauchten nur zuzuschauen, wie vor ihnen der Proviantberg anwuchs. Harris hatte seinen ›Ausflug‹ gut genutzt.

Zuletzt hielt ein Jeep und der Fahrer begann, den Berg einzuladen um unsere drei Freunde zum Hafen zu fahren. Dabei erklärte er, dass sein Bruder beim Zoll arbeitet und wenn wir ablegen wollen, sollten wir doch mit dem Papierkram zu ihm gehen. So wurden die Muslime mitten im hinduistischen Indien unsere Verbündeten.

Peter und die restliche Mannschaft hatten danach eine ruhige Reise an der Küste entlang nach Goa. Das erste Anglerglück der gesamten Reise bescherte Martin eine Makrele von 1,20 m Länge. Das war Proviant für zwei Tage. Bei der Ankunft in Goa bereiteten zwei Crew-Mitglieder des ersten und später untergegangenen Schiffes ihrem Kameramann Peter einen herzlichen Empfang. Vor zwei Jahren war unsere erste Dschunke von dort gestartet und später in einem Sturm mitten im Indischen Ozean gesunken.

Nächste Grüße aus Arabien

 Axel

 
Nach dem Tsunami in Sri Lanka –Januar 2005

Zwischen malerischen Inseln lag die Dschunke Ende des letzten Jahres noch einige Wochen in Thailand. Obwohl viele der Inseln touristisch stark genutzt werden, liegen hier auch echte Juwelen. Wie Phi Phi lsland, welches neben der Insel Tioman in Malaysien zu den schönsten der Welt zählte - bevor der Tsunami diese Insel zerstörte. Grund für unseren längeren Aufenthalt war die Überbrückung der fürs Segeln ungünstigen Monsunmonate, sowie zahlreiche Reparaturarbeiten. Unversehens wurde unser Schiff in Thailand zum Schauplatz eines Abenteuerfilmes. Eine amerikanische Filmgesellschaft hatte die Dschunke in Thailand entdeckt und meldete ihr Interesse an, darauf einen Film drehen zu können. Und wie das passte! Das Dschunken-Team war nämlich gerade auf kreativer Ideensuche für die Beschaffung von Geld. Der Film mit dem Titel „Mysterious Island“ spielt im 19. Jahrhundert und beruht auf einem Roman von Jules Vernes. Bis zu 180 Piraten, Eroberte und Kameraleute sprangen aufgeregt an Bord herum. 20 von ihnen sollten später im Tsunami umkommen...

Während Peter und einige Crew-Mitglieder als Statisten im Film mitspielten, nutzen meine Frau Abigail und ich die Zeit, um mit dem Fahrrad Marco Polos Berichten über Angkor, der sagenhaften Goldstadt und versunkenen Kulturen wie die der berühmten Seeleute - der Cham zu folgen. Im Museum von Saigon fand sich ein originaler Dschunkenmast von KubIai Khan's Flotte.

Vor der Abfahrt in Thailand hat sich die Crew komplettiert. Thomas, ein junger Österreicher, will die Zeit auf der Dschunke nutzen, um sich über seine Zukunftspläne klar zu werden und welches Studium er aufnehmen sollte. Mit dabei sind Martin, ein Sonneberger Langzeitradler, der seit rund zwei Jahren unterwegs ist und ein Zuhause suchte, sowie Peter, ebenfalls ein Deutscher, der auf dem malaysischen Tioman eine Ferienanlage führt (www.tioman-melinabeach.com). Die Dschunken-Crew traf ihn auf seiner Insel und lud ihn ein, mitzusegeln. Viel segeltechnisches Fachwissen bringt Jan mit. Der Thüringer arbeitet als Segellehrer und gibt uns einiges von seiner Erfahrung mit. Auch Caroline und Michael aus der Schweiz haben den Weg auf die Dschunke gefunden. Sie sind seit einigen Monaten auf Reisen und waren zuvor während vier Monaten per Pferd in der Mongolei unterwegs. Mit Peter Glöckner, unserem indonesischen Freund Harris, Abigail, mir sowie Felix, einem agilen Medienprofessor aus Melbourne in Australien sind wir nun elf Leute an Bord.

In schwerer See mit neuer, deshalb teilweise seekranker Mannschaft führte die Fahrt Anfang Dezember von Thailand Richtung Andamanen, einer zu Indien gehörenden Inselgruppe. Noch heute leben dort neben Indern verschiedene Naturvölker. Nur einer Gruppe, den Sentinelesen, ist es bis heute gelungen, völlig ungestört zu leben. Schätzungsweise leben an die hundert Leute auf der kleinen Insel Nord-Sentinel. Jeder, der sich der Insel auf Schussdistanz nähert, wird mit Pfeil und Bogen empfangen. Die Urbewohner der Andamanen erweckten schon das Interesse Marco Polos und gaben ihm Stoff für die wildesten Beschreibungen. Seinen Reiseerzählungen ist zu entnehmen, dass auf den Inseln "Wilde mit Hundeköpfen" hausen...

Kurz vor Weihnachten segelten wir an Nord-Sentinel vorbei und beobachteten die mystische Insel aus sicherer Ferne. Ein schönes Gefühl, zu wissen, dass dort ein Volk mit seinen Bräuchen bis heute mehr oder weniger ungestört überlebt hat. Was der Tsunami auf Nord-Sentinel anrichtete, wird niemand erfahren. Der erste Rettungshubschrauber wurde mit einem Pfeilhagel beschossen und drehte ab. Können die Geheimnisse des letzten Vorsteinzeit-Volkes noch erforscht werden? Schließlich können die Sentinelesen nicht einmal Feuer machen; wie sie mit den westafrikanischen Pygmäenvölkern verwandt sind, ist unklar - ebenso wie das Geheimnis ihrer unterschiedlichen Körpertemperatur.

Wir waren bereits einige Tage unterwegs in Richtung Sri Lanka. Eigentlich hatten wir ja das Fest auf den Andamanen feiern und erst später losziehen wollen. Doch besonders korrupte Hafenbehörden bewogen uns dazu, früher abzulegen, so dass wir unsere Dschunken-Weihnachten auf hoher See feierten. Nachdem wir die Segel geborgen hatten, sprang die Crew, mit Schwimmweste und Bierdose ausgerüstet ins Wasser prostete sich zu. Und selbst mitten im Indischen Ozean fand uns der Weihnachtsmann schwitzend im roten Mantel und langem Bart und überreichte seine Geschenke. Der Weihnachtsabend hatte einen besonders schönen Sonnenuntergang und Abigail überraschte uns alle mit brasilianischem Festschmaus. Alles perfekt, friedlich und romantisch, doch der Vorabend einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes.

Am 26. Dezember, beim Routine-Satellitentelefonanruf nach Deutschland, werden wir mit Fragen überfallen: „Wie geht´s euch? Seid ihr noch am Leben?“ Wir verstanden gar nicht, warum wir dass nicht sein sollten. Erst als wir vom Erdbeben in Sumatra und von der Flutwelle, die über Einhunderttausend Todesopfer forderte und ganze Landstriche in wenigen Minuten zerstörte, erfuhren.

Es war purer Zufall, dass wir uns nicht mehr auf den Andamanen und noch nicht in Sri Lanka aufhielten, als die Welle kam... Auf offener See, im tiefen Wasser, waren die Tsunami-Wellen nur ganz flach und kaum spürbar als sie mit Flugzeuggeschwindigkeit unter uns durchrauschten. Ahnungslos saßen wir wohl gerade beim Frühstück, als die Welle uns passierte. Erst in Küstennähe bauten sie sich zur todbringenden Flutwelle auf. Das Verrückte ist, dass wir uns nur unweit von jener Stelle befanden, an der im Mai 2003 unsere erste Dschunke in einem Jahrhundertzyklon gesunken ist...

Kaum hatten wir die Meldung gehört, fuhren wir mit voller Kraft weiter in Küstennähe, um Schiffbrüchigen zur Hilfe zu eilen. Immerhin wurden über 400 Boote vermisst. Doch außer einigen Schiffsteilen, die an uns vorbei trieben, entdeckten wir nichts. In Küstennähe wurde uns das Ausmaß der Katastrophe richtig bewusst. Fischerboote lagen zerschmettert an Land und von vielen Häusern waren nur noch Trümmer und Ruinen zu sehen. Einzig die Palmen und Schraubenbäume mit ihren breit gefächerten Stelzwurzeln vermochten den Kräften erstaunlicherweise standzuhalten. Wir erfuhren, dass Galle, der Hafen, den wir eigentlich ansteuern wollten, überhaupt nicht mehr existierte. Ein mulmiges Gefühl, dass da, wo wir herkamen, in Thailand und den Andamanen, und dort, wo wir hinwollten, alles zerstört war. So legten wir schließlich in Colombo im Containerhafen an. Für uns war klar, dass wir, die wir die Katastrophe mit viel Glück überlebt hatten, den Betroffenen in Sri Lanka helfen wollten. In einer ersten Aktion brachten wir eine große Kiste Bordmedizin in ein Krankenhaus außerhalb von Galle, denn jenes von Galle existierte nicht mehr. Wir besaßen einen Vorrat an Medizin, die wir von verschiedenen Apotheken in Thüringen, unter anderem der Saalfelder Gertrudenapotheke erhalten hatten. Als schwimmende Ambulanz auf entlegenen Inseln konnte so mit unseren ab und an mitsegelnden Medizinern geholfen werden.

Doch nicht nur der Süden, auch das Tamilengebiet an der Nordostküste, war stark von der Naturkatastrophe beeinträchtigt und hatte bis dahin von der Regierung noch keine Hilfe bekommen. Zusammen mit einem Deutschen, der Zivildienst leistete, sowie mit einem Tamilen, der einige Zeit in Deutschland lebte und der uns die nötigen Kontakte verschaffen konnte, organisierten wir einen Hilfstransport dorthin. Neben Lebensmitteln gehörten unter anderem auch Töpfe und Geschirr, Decken und Moskitonetze zu den Hilfsgütern. Die Fahrt an die Nordostküste mit zwei Trucks auf teils sehr schlechten Strassen war abenteuerlich hart. Wir mussten Regierungs- wie Rebellensperren umfahren, wo unsere Hilfsgüter mehrfach eingezogen werden sollten. Um sicher zu sein, dass unsere Hilfe bei den Tamilen ankommt, wollten wir sie schon direkt übergeben. Auf dem Truck wurden von uns beispielsweise 10 Tonnen Reis in 10 kg-Pakete abgepackt. An Schlaf war in diesen Tagen nicht zu denken, doch die Freude in den Gesichtern der Leute beim Austeilen der Güter entschädigte die Strapazen mehrfach. An der Küste kamen wir in einen Ort, halb so groß wie Saalfeld, in dem keine Männer mehr leben. Die Fischer wurden von der Welle in ihren kleinen Booten erfasst. LKW Ladungen voller Leichen fuhren durch die Straßen. Aus Angst vor Seuchen wurden die Stadt, die schon durch den Bürgerkrieg zerstört war, deren Einschusslöcher gerade vergipst wurden und wo nun kein Stein (wirklich keiner!!!) mehr auf dem anderem liegt, angezündet. So wurden all die Leichen, an die man unter den Trümmern nicht herankam, wenigstens verbrannt. Viele Bilder gehen uns nicht mehr aus dem Sinn: wie der traumatisierte junge Mann, der schon seit Tagen einfach auf dem Hof neben seiner zerstörten Hütte lag. Er hatte seine ganze Großfamilie verloren und wollte einfach nie mehr aufstehen. Oder der alte Mann auf den Trümmern seines Hauses. Unter denen lag auch hier die ganze Familie verschüttet. Als wir stoppten, um ihm etwas zu geben, fragte er uns zuerst, ob er uns helfen könnte. Oder die geordnete Warteschlange eines Dorfes von 500 Familien, als wir unsere Pakete verteilten. Hier begann kein Gedrängel. Oder das Flüchtlingslager, welches uns weiterschickte, weil weiter am Strand andere unsere Hilfe nötiger hatten.

Wir danken all denjenigen, die unserem Spendenaufruf gefolgt sind und uns unterstützt haben. Für die spontane Aktion konnten wir das geborgte Geld wieder zurückzahlen und mit über 10.000 € rund 3000 Menschen direkt helfen.

Sobald unsere Hilfsaktion abgeschlossen war, verließen wir die Insel und segelten nach Cochin in Südindien, um der Küste Richtung Goa zu folgen. Unser Peter aus Tioman blieb in Sri Lanka, um weitere Transporte zu koordinieren. Da es für ihn von Malaysien nach Sri Lanka nicht zu aufwändig ist, wird er in den nächsten Monaten wieder zurück kehren, um weitere Projekte aufzubauen und zu kontrollieren. Das Geld dafür hoffen wir auf dem Festival und Vorträgen im Februar zu sammeln. Wir versprechen, dass, wie bei unserem Bolivienprojekt, 100% der Spenden ohne Abzug von Verwaltungsgeldern o. ä. an die Menschen in Sri Lanka gehen!!!! Spenden nehmen wir entweder direkt oder bargeldlos über unsere Bolivienhilfe, Kennwort FLUTHILFE (wichtig!) entgegen. Die Kontoverbindung finden Sie über www.weltsichten.de .

Peter, Abigail und ich verlassen das Schiff in Goa/ Indien, um pünktlich zum 7. Thüringer Dia-Festival zu Hause zu sein.

Mit besonderer Freude erwarten wir dort den Vortrag "Weihrauchland" von Hartmut Fiebig über Arabien, unser nächstes Ziel nach dem Festival.

Bis dahin

Axel

 
Mit dem Monsun in Thailand – Juni 2004

„Toller Strand, schöne Palmen, aber mit dem Funkmast auf dem Berg - unmöglich!“

Robert Wortmann, Regisseur von Spiegel-TV, raufte sich die Haare. Nie hätte er gedacht, dass die für Touristen so ideale Kombination von südlichen Stränden und moderner Zivilisation zu einem kritischen Faktor für seinen Film „Chinas Erben – Handelskrieg auf Hoher See“ werden könnte. Robert und sein dreiköpfiges Team kamen gerade von einer Tauchexpedition an einer abgelegenen philippinischen Insel. Auf Phuket lässt sich die Organisation eines Drehortes relativ einfach erledigen. Dagegen stören Antennenmasten, Freileitungen und Gummibaumplantagen, wenn man die Zuschauer in die Blütezeiten des Seehandels, zu der auch Marco Polo unterwegs war, versetzen möchte.

In der bewegten Geschichte Südostasiens folgten den Dschunken der Chinesen die Portugiesen und Spanier, danach die Holländer und zuletzt blieben die Briten die Beherrscher des Seehandels bis zum Ende der Kolonialzeit. Die Hinterlassenschaften der Handelsmächte in den Straßenbildern alter Hafenstädte Südostasiens sind heute oft nur noch dem Liebhaber verfallener Hausfassaden und an Straßennamen erkennbar. Gerade die Millionenstädte Asiens wachsen täglich und besitzen eine hypermoderne Architektur. Doch unter Wasser, an den ehemaligen Ankerplätzen vor Flussmündungen oder günstigen Buchten, in denen die überladenen, zerbrechlichen Schiffe bei Zyklonen Zuflucht aufsuchten, liegt die Vergangenheit. Unter dicken Korallenschichten bis zur Unkenntlichkeit verborgen, sind die unentdeckten Wracks ein Magnet für Schatzsucher und ernsthafte Wissenschaftler.

Die Schätze lagen zum Greifen nah, teilweise nur zweieinhalb Meter unter der Wasseroberfläche und blieben doch fast 900 Jahre unentdeckt. „Weißes Gold", chinesisches Porzellan von umwerfender Schönheit, Duftlampen, Schnabelkannen und Schmuckteller, bemalt mit Drachen und Elefanten, die Fracht von sieben chinesischen Hochsee-Dschunken, entdeckte der französische Taucher Franck Goddio innerhalb der vergangenen 16 Jahre. Die Funde sind eine Sensation, denn sie lassen eine Zeit wieder lebendig werden, als China die größte Seehandelsmacht der Erde war. Hätte das Reich der Mitte im 15. Jahrhundert seine maritimen Pläne nicht Hals über Kopf aufgegeben, wäre China zur Weltmacht aufgestiegen und an den Schulen würden die Kinder heute nicht Englisch, sondern Kantonesisch lernen. Oft grübelte ich darüber nach, mit was die Polos wohl gehandelt hatten. Sicher jedenfalls nicht mit wertvoller, aber empfindlicher Keramik oder anderen voluminösen Waren.

Hunderte von Hochsee-Dschunken kreuzten damals unter Chinas Flagge im Pazifik. Gefüllt mit Keramik, Tee und feinster Nanking-Seide, nahmen die Boote Kurs bis nach Afrika. Rund 100 Jahre nach Polos Seereise erst führte der berühmteste chinesische Seefahrer, Admiral Zheng He, Anfang des 15. Jahrhunderts eine Flotte von 317 Schiffen und 28.000 Mann Besatzung über den Indischen Ozean. Seine Schatzschiffe, mit bis zu neun Masten 135 Meter Länge und 55 Meter Breite, waren Giganten der Meere. Chinas Griff zum Ozean blieb ein Intermezzo der Weltgeschichte, der Triumphzug zur See wurde abgewürgt von konfuzianischen Beamten. Bereits im Jahr 1500 war Zheng Hes Superflotte verfault, der Hochseehandel per Dekret verboten. Als mit Vasco da Gama 1498 die Portugiesen den Seeweg nach Indien aufstießen, trafen sie auf Mandarine ohne Marine.

Der sogenannten Manila-Flotte der Spanier gehört das nächste Kapitel berühmter Reisen. Sie gehörte zu den gefährlichsten und profitabelsten Unternehmungen in der Geschichte des Welthandels. Zwischen 1565 und 1815 blühte der Handel zwischen Spanien und seinen Kolonien. Spanische Galeonen kreuzten beladen mit Silber, Seide und Porzellan zwischen den Philippinen, Mexiko und Spanien hin und her.

Das letzte und größte Unternehmen gründeten die Engländer 1599 mit der Ost-Indischen Handelskompanie. In ihrer Blütezeit kontrollierte diese private Firma die Hälfte des Welthandels und funktionierte praktisch als koloniale Regierung für ein Viertel der Weltbevölkerung. Jedoch nicht mit wertvollem Porzellan oder verbotenem Opium wurde der größte Reichtum erzielt, sondern mit Unmengen von Tee aus China für den grenzenlosen Bedarf in den heimischen Wohnstuben.

Roberts Team wollte die Schlüsselszenen des chinesischen Seehandels nachdrehen, um den Zuschauern ein möglichst realitätsnahes Gefühl für die damalige Zeit zu vermitteln. Dazu heuerte er 20 echte Chinesen an, die wie selbstverständlich unser Zuhause in Besitz nahmen. Berge an Porzellan, Kisten und Reismatten verwandelten unser mühsam in Ordnung gehaltenes Schiff binnen kurzem in einen orientalischen Basar. Unser Kahn wurde zur Filmkulisse. Solange die Szenen in unseren Laderäumen gedreht wurden, blieben wir ja unbehelligt. Doch bald sollten die Männer den Anker bedienen und die Segel hissen. In einem Kauderwelsch von Brocken aus Deutsch, Englisch, Thai und Mandarin verfitzten sich Segelkommandos und Drehbefehle zu einem hoffnungslosen Knäuel. Die Laienschauspieler sahen zwar echt aus, waren jedoch im wahren Leben einfache Motorradtaxifahrer oder Shrimp-Fischer. Bald hockte Hendrik neben dem Steuerrad, um es von unten ohne Sicht zu bedienen, damit ja kein langnasiges Gesicht ins Bild ragte. Von dort aus konnte er bloß nicht nach vorn sehen, so dass ich ihm die Richtung zu brüllen musste. Wenn das nicht klappte, schlugen die Segel um, das Boot fuhr aus der Sonne und die Aufnahme begann anschließend von vorn. Meist begleitet von lautstarken Flüchen des Kameramanns.

Haris schaffte bald den Sprung zum Filmstar. Für den Posten des gestikulierenden Stoffhändlers fand sich kein geeigneter Schauspieler. Nur Haris verstand auf Englisch das Drehbuch und damit wurde unwichtig, dass er „nur“ ein Indonesier und kein echter Chinese ist. Der Ton wird sowieso synchronisiert. Haris und unser Boot ist am 12. September um 19.30 Uhr im ZDF zu sehen.

Nach einer Woche war der chinesische Trubel vorbei, unser Schiff noch völlig durcheinander und mein Abflug zur Vorbereitung der Reggae-Nacht nahte. Axel war unterdessen mit dem Saalfeld-Samaipata-Verein in Bolivien. Von der bolivianischen Großstadt La Paz aus reiste er in einer Gruppe von 14 Mitgliedern über die Anden nach Santa Cruz und Samaipata und besuchten dort acht Kinderheime. In den beiden Waisenheimen von Mano Amiga ist seit der letzten Kinderreise vor einem Jahr viel gebaut worden, so dass alle überrascht und erfreut waren. Die Vorratsräume der Schule sind gefliest und mit elektrischem Licht versehen worden. Alles in allem ein toller Erfolg innerhalb eines Jahres. Für die folgenden Außenarbeiten, Toilettensanierungen und den Betrieb der Heime konnte der Verein deshalb weitere Unterstützung in Aussicht stellen.

Aus Phuket erfuhren wir per e-mail regelmäßig die neuesten Nachrichten von Hendrik und Jörg, die das Schiff auf die Werft brachten:

Dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen, erwies sich als deutlich komplizierter als erwartet. Das war bei dieser Reise ja leider nichts Neues. Schon seit vorigem Jahr war dieser Werftaufenthalt vorgesehen. In der Hektik des Aufbruchs aus Indonesien blieb so manches nur provisorisch, von der Qualität auf unserer Selbsthilfewerkstatt am Strand von Bira gar nicht zu reden. Dagegen machte diese Werft am Rand der Inselhauptstadt, unbehelligt von den Guerilla-Aktionen im Süden des Landes, einen wesentlich professionelleren Eindruck. Eine fußballfeldgroße Betonfläche war von einem Gleisraster durchzogen, von dem eine schiefe Ebene ins Wasser mündete. Von dieser Anlage werden die Schiffe auf Slipwagen mit Stahltrossen aufs Trockene zu ihrem Schiffsbauplatz gezogen. Im klimatisierten Büro unter einem buddhistischen Altar und einem Kalender mit der für uns utopischen Jahreszahl 2547 sitzen freundliche Sekretärinnen, einige sprechen gut Englisch, und die Bauleiter skizzieren mal schnell eine technische Zeichnung aufs Papier. Soweit ganz normal.

Innerhalb von vier Wochen, änderte sich unsere Sichtweise. Ganz schnell bedauerten wir, dass an einem normalen Sonnentag die Temperatur auf der schattenlosen Betonfläche Sahara-ähnliche Ausmaße annimmt. Nur dass die Luftfeuchte bei 100% bleibt, schließlich hatten wir ja Regenzeit. Mit der Temperatur stiegen die Düfte aus den Wassergräben, die die Abwässer der Vorstadt in die Meeresbucht leiteten. Ein abendliches Eldorado für die Moskitos. Übrigens kein Grund für die Jugend, dort nicht Wasserball zu spielen. Schließlich stapfte das halbe Seenomadendorf aus den Stelzenhütten bei Ebbe durch den Schlamm der Abwassergräben, um dort allerlei essbares Getier auszugraben. Diese Krebse kann man in den umliegenden Garküchen zum Essen bestellen. Unser Leibgericht blieb Reis und Hühnerfleisch.

Je nach Windrichtung machte sich die nebenan liegende Fischmehlfabrik mit durchdringend fauligen Gestank bemerkbar, der genauso aus der Aufschüttungsfläche gegenüber kommen kann. Denn dort wurde dem Meer mit Hausmüll „Land“ abgerungen. In Schwärmen fielen von dort aus Fliegen über die Werft her. Übrigens auch über unser Mittagslokal, dass wir deshalb wechseln mussten. Auch im nächsten lebte man in enger Nachbarschaft mit der Natur, bloß dass dort kleine bunte Vögelchen die Reisreste aus dem Wok pickten, wenn wir unseren Teil bekommen hatten. Das war niedlich. Die anderen Gäste, ehemaligen Seenomaden, arbeiteten auf der Werft oder sind Fischer. Andere waren Mopedtaxifahrer, unter denen wir etliche unserer chinesischen Schauspieler wiedererkannten. Gerade mit den Mopedtaxis hatten wir unsere Schwierigkeiten. Wann bezahlt den Fahrern schon mal einer ein Rennen? Immer, wenn wir, jeder bei einem anderen Fahrer, hinten drauf saßen, brannten bei denen alle Sicherungen durch. Da die hiesigen Verkehrsregeln für Ausländer sowieso nur schwer zu erahnen sind, blieb nur Festklammern und Hoffen, gesund anzukommen. Nach einer Woche Mopedrennen gaben wir auf. Hendrik fuhr voraus und Jörg wartete, bis auch wirklich jeder Reiz für eine wilde Jagd erloschen war. Dann suchte er sich erst einen fahrbaren Untersatz.

Bei unseren Kalfaterer- und Zimmermannsarbeiten am Boot machen sich bald thailändische Besonderheiten bemerkbar. Buddhistische Feiertage und Begräbniszeremonien sowie die unkalkulierbare Regenzeit ließen unsere Liegezeit auf das Doppelte anwachsen. An einem Tag mit besonders viel Ärger ließ der Werftleiter einen Arbeiter mit geweihten Räucherstäbchen um das Boot laufen. Eine andere Art, Probleme zu lösen. Die bösen Geister müssen vertrieben werden.

Ende Juni war es endlich soweit. Das Unterschiff war dicht und frisch gestrichen, das Steuerlager repariert und die Planken über der Wasserlinie glänzten in frischer Teak-Holzfarbe. Mit 500 Feuerwerksknallern und Blumengirlanden am Bug als Tribut an die einheimischen Götter rollte unser stolzes Schiff wieder zurück in sein Element. Ein letzter Gruß an die freundlichen Helfer am Ufer und Volle Fahrt, Bug voraus!

Nach zwei Stunden schon fiel der Anker inmitten von weiteren Segelbooten, die wie wir auf den herbstlichen Monsunwechsel warten. Eine Zwangspause mit Tradition: Auch Marco Polo musste aus diesem Grund in Südostasien längere Zeit verweilen. Und genau wie er wollen wir in der verbleibenden Zeit noch einige Kurzreisen auf dem Land unternehmen. Vor allem, da uns per Boot interessante Stellen wie z.B. Vietnam verwehrt geblieben waren.

Im Herbst melde ich mich dann wieder mit weiteren Berichten über diese Reisen und damit, wie wir mit der Vorbereitung für den nächsten Abschnitt unserer Bootsreise vorangekommen sind.

Bis dahin alles Gute

Euer Peter

 
Von einer Trauminsel zur anderen – Mai 2004

Nächtliche Moskitoschwärme belagerten unser Boot. Das war neu. Ankerten wir sonst seit Wochen nur noch im freien Wasser, hatten wir als Ehrengäste von Asiens größter Bootsmesse, der Boat-Asia in Singapur, einen Platz im Ausstellungshafen erhalten. Dieser lag direkt auf der Vergnügungsinsel Sentosa. Dort findet man die größte Anzahl von Vergnügungen für die ganze Familie, verschiedene Museen und Parks. Leider sind infolge von Irakkrieg, SARS und Hühnergrippe etliche der Attraktionen eingeschränkt.

Ich hatte meinen Schulfreund Göran überredet mitzukommen. Da bisher bei unserer Tour immer alles anders lief, als geplant, konnte ein Multitalent nicht schaden. Er brachte als Flieger und Bodyguard technisches Verständnis und die nötige Nervenstärke mit. Dass er im Hauptberuf seit langem Diskjockey in unserem Heimatort Zinna ist, spricht für sein Einfühlungsvermögen. Aber erst, weil seine Freundin Sandy versprach, auf das Musikkaffee und den kleinen Sohn aufzupassen, konnte er überhaupt mit.

Viel Zeit blieb uns nicht, den Stadtstaat Singapur anzusehen, denn die Reisevorbereitungen für Thailand hielten uns unerwartet lange auf trab. Die Stadt ist nicht mehr auf Seehandel mit kleinen Dschunken eingestellt. Landgewinnungen und Brückenbauten lassen gar nicht zu, in den historischen Hafen Clarke Quay einzulaufen. Für unsere Marco-Polo-Tour nicht ganz so wichtig, denn die Briten hatten erst 1824 diese unbedeutende Mangroveninsel von einem malaiischen Sultan erworben. Von der chinesischen Handelsstadt an der Route nach Indien, die Polo 1292 besuchte, existiert schon lange kein Pfahlhaus mehr.

Singapur war einfach viel größer als in meiner Erinnerung. Und das trotz einem exzellenten Bussystem, elektronischen Fahrkarten und schneller Metro. Der Metropole eilt ein Ruf pingeligen Sauberkeit voraus. Angeblich steht auf das Ausspucken von Kaugummis oder dem achtlosen Fallenlassen einer Zigarettenkippe hohe Strafen. Und wirklich, kurz nach unserer Ankunft sahen wir bereits die erste Kehrmaschine emsig eine blitzblanke Strasse noch sauberer machen. Jörg als Berliner meckerte: „Hier gibt’s nicht mal Graffiti!“ Die Häufung von erzieherischen Warnhinweisen in Toiletten, der U-Bahn oder auf der Strasse führt zur Vermarktung. Findige Händler bieten für oppositionelle Bürger T-Shirts mit den gängigen Verboten an. Denn trotz allen pädagogischen Aufwandes lässt sich auch der Singapurianer nicht gänzlich zum Mustermenschen verwandeln wie schüchterne Mülleckchen beweisen. Immerhin, die vier großen Bevölkerungsgruppen, buddhistische Chinesen, islamische Malaien, hinduistische Inder und verschiedenste Westler leben friedlich in einer Stadt zusammen. Daran könnten sich viele ein Beispiel nehmen, wenn nicht das Verhältnis zu seinen Nachbarn so getrübt wäre.

Schon bei der Ausfahrt, mitten im Hafenbecken Singapurs, wo sich vor lauter Riesenschiffen, Begrenzungsbojen und Fahrrinnenbaken unsere kleine Dschunke fast verliert, begann das Abenteuer Malakkastrasse. U-Boote schossen an uns vorbei, Jagdflieger übten am Himmel und Marinesoldaten paddelten ihre Schlauchboote durch die Wellen. Singapur demonstriert der Welt seine Stärke, diesen Handelsplatz für den Weltmarkt sicher und berechenbar zu halten. Regelmäßige Zwistigkeiten mit den beiden großen Nachbarn Malaysia und Indonesien führen in Singapur zu einem großen Sicherheitsbedürfnis. Immerhin äußerte ein ehemaliger Minister aus Singapur vor kurzem noch über seine malaiischen Nachbarn: Da wohnen nur Gangster und Autodiebe! Der Premierminister sah sich ein Jahr später gezwungen, sich für die Wortwahl seines Kollegen zu entschuldigen.

Wohl keine andere Wasserstrasse der Welt wird so stark genutzt. Der Waren- und Ölhandel zwischen China und Japan und den arabischen Ölquellen oder Europa führt durch diese Meerenge. Und wir mitten drin. Wie ein Pferdegespann auf der Autobahn zuckelten wir auf dem Standstreifen dahin. Immer auf der Hut, keinem von hinten kommenden Supertanker oder von vorn drängelnden Schleppnetzfischer im Weg zu sein. Auf der Seekarte sind regelrechte Fahrspuren zwischen der Malaiischen Halbinsel und dem indonesischen Sumatra eingezeichnet. Zur Sicherheit nutzten wir unsere Detailkarten auf dem Laptop und ließen rund um die Uhr jeweils zwei Mann Wache schieben. Auf der Höhe der alten Handelsstadt Malacca, hatten wir immerhin schon soviel Routine, dass die Hauptaufgabe der Mannschaft im Wetten bestand. Welches der Schiffe, die nebeneinander hinter uns angerast kamen, wird schneller sein? Wie bei einem Gigantenrennen benötigten drei Tanker oder Containerschiffe die ganze Spur. Bei deren Geschwindigkeit von über 40 Stundenkilometern hatten wir einfach nichts dagegen zu halten. Nur abwarten, wo sie wohl an uns vorbei ziehen. Mal rechts, mal links und jedes Mal nervend nahe. Meist waren die Containerschiffe die schnelleren. Einfach verblüffend: Die größten Schiffe machten die geringsten Wellen!

Das heutige Melaka war zur Zeit der Reise Marco Polos stark umkämpft. Arabische Händler verstärkten ihren Einfluss in der Region. Das buddhistische Königreich Srivijaya zu beiden Seiten der Malakkastrasse begann zu zerfallen. Deshalb fuhr Polo lieber auf die sicherere Seite, nach Sumatra. Später folgten in der wechselvollen Geschichte Malakkas den Arabern die Portugiesen, dann die Holländer und schließlich die Briten.

Auf der indonesischen Seite tobt heute ein Bürgerkrieg. Islamisten aus dem ehemaligen Sultanat Aceh wollen einen von Indonesien unabhängigen Gottesstaat errichten. In den Zeitungen Singapurs wird offen über die Verbindung von Unanhängigkeitsbewegung und dem internationalen Terrorismus spekuliert und die Zunahme der Piraterie in der Malakkastrasse und die Schießereien in Südthailand dem Krieg in Aceh zugerechnet.

Wir fuhren die Nacht durch und nach 36 Stunden waren wir aus den Fahrrinnen der Riesen entwichen. Die Malakkastrasse öffnet sich allmählich in das Andamanen-Meer und unsere Nervensanspannung ließ dementsprechend nach. Seit Wochen zog sich diese Strecke von Singapur bis Langkawi durch die Gespräche an Bord. Und nun war fast alles geschafft. Ohne sichtbare Probleme, nicht zu fassen!

Vorher wollten wir allerdings einmal ausschlafen. Die Insel Penang ist unter Seglern ein bekannter Anlageplatz. Eine günstige Anlegstelle und die florierende Inselhauptstadt Georgetown, hauptsächlich chinesisch dominiert, lockten. Davor lag jedoch eine Fahrt durch seichtes Wasser bis zum Steg der Marina. Endlich und mit viel Glück allen Unterwasserklippen entkommen, gab es noch ein letztes Hindernis.

„Euer Boot ist doch viel zu groß für meinen Pontonsteg!“ stellte der Hafenmeister fest. Was für leichte moderne Yachten aus Glasfaser oder Metall kein Problem ist, macht uns immer wieder zu schaffen. Neumodische Häfen rechnen mit Riesenschiffen oder Plastikbooten, wie gut hatte es da Marco Polo. Seine Dschunken hatten damals die richtige Größe. Nachdem wir die bevorzugte Zigarettenmarke des Hafenkapitäns herausbekommen hatten, ließ sich jedes weitere Problem klären. Ähnliches ließ sich auch bei der Einwanderungsbehörde beobachten.

Die fotografische Sensation Georgetowns ist die über 13 Kilometer lange Stelzenbrücke zum Festland. Stolz zogen wir unter der schmalen Durchfahrt in der Nachmittagssonne bei vollen Segeln hinaus aufs Meer. Hendrik klammerte sich auf eine schwankende Boje, um dieses Bild zu filmen. Dass er dabei aus Versehen seine Lieblingsmütze opferte, bekamen wir noch wochenlang zu hören.

Mit diesem offiziellen Abschied änderte sich auch das Wetter. Südthailand hat zwei Jahreszeiten. Monsunregen und Trockenzeit. Wir waren in der Regenzeit da. Das wussten wir zwar schon vorher, aber wenn von fünf Leuten plötzlich vier nach den letzten trockenen Schlafplätzen im Salon suchen, weil alles andere längst quietschnass ist, wurde jedem erst wieder bewusst, was Regenzeit bedeuten kann.

Hendrik fand seinen Stammplatz unter Wasser: „Das ist ja schlimmer als in Makassar vor fünf Monaten!“ gab er sein fachmännisches Urteil ab. Leider stimmte das. Die Lecks im Dach wurden von Tag zu Tag größer. Hinzu kamen die ständigen Gewitterstürme. Nicht sehr stark zwar, aber doch zum Festhalten. Sie kündigten sich schon Stunden voraus mit Wetterleuchten aus regelrecht beeindruckenden Wolkenhaufen an. Wir beobachteten die Blitze und unterschieden zwischen harmlosen Gewittern mit waagerechten Blitzen und den übleren, die sich nach unten zum Meer hin, bevorzugt in unsere Richtung, entluden. Historisch einwandfrei haben wir keine Blitzableiter. Die wünschten wir uns jedoch sehnlichst, wenn es um uns blitzte und krachte.

Je mehr wir nach Norden kamen, desto imposanter wurde die Inselwelt. Die Duty-Free-Insel Langkawi besuchten wir an ihrer abgelegenen Seite und hatten zwei beeindruckende Tage. Außen an den Felsen hängende Tropfsteine, Höhlen, in die man mit dem Beiboot hinein fahren konnte sowie völlig einsame Strände.

Unser Inselhüpfen führte nach Thailand. Einziger Wehrmutstropfen in dieser Unterwasserorgie von Korallen und Fischen blieb der Zustand der Strände. Einsam zwar, aber nicht leer. Unmengen Kunststoffmüll lagern an den schönsten Plätzen. Da konnte uns sogar unser Freund Haris nicht aufmuntern, der feststellte: „Was wollt ihr denn? Bei uns liegt doppelt soviel am Strand!“

Auf der Phi-Phi-Insel war von dem Dreck nicht viel zu sehen. Hier wird für die Touristen aufgeräumt. Eine schmale Landzunge ist vollständig mit Geschäften und Restaurants zugebaut. Hier gibt es alles, was der Urlauber braucht. Für uns war hier der Anfang vom Ende unserer Reise nach Thailand. Die Zivilisation hatte uns wieder. Beim kühlen Bier fiel es uns auch nicht besonders schwer, uns an diesen Gedanken zu gewöhnen.

Dementsprechend geringer verlief der Kulturschock auf Phuket, wo wir für unser Boot einen Liegeplatz suchten. In Deutschland verbotene Riesenmuscheln und kopfgroße Haifischgebisse an fast jeder Ecke markieren den touristischen Teil der Insel. Mit Sicht zur bekannten Phang-Nga-Bucht mit ihren unzähligen Inselchen aus beeindruckenden steilen Kalkfelsen und Wetterbesserung kann man auch in Phuket noch ein ruhiges Plätzchen abseits vom Fremdenverkehr bekommen. Es ist immer günstig, wenn man selbst ein Boot hat!

Während der Vorbereitung zur Reparatur auf der Werft, die Hendrik und Jörg betreuen, nutzte ein ZDF-Team unser Boot als Kulisse mit zwanzig chinesischen Schauspielern an Bord zu einem historischen Dschunkenfilm. Wir hatten selbst nicht gedacht, dass unser Boot so echt aussieht!

Unsere Mannschaft wird über den Sommer einige verpasste Landgänge nachholen und sich danach wieder auf unserem Boot neu zusammen finden.

Bis dahin wünscht allen Urlaubskapitänen immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel

Euer Peter

 
Zurück zum Äquator! – April 2004

„Ich will wieder nach Hause!“ klagte Jörg, der unsere Mannschaft ab Hongkong wieder verstärkt. „In meine Kabine regnet es rein und Wintersachen habe ich auch nicht mit!“

Ganz so kalt ist das Wetter in Hongkong mit tagsüber 15 Grad Celsius zwar nicht, aber auch Gunter und Herbert, die ihre Südseegarderobe für den Heimflug packen, hätten gern einige warme Tage mehr vertragen. Wir tragen in mehreren Schichten alles Verfügbare übereinander. Gelegentlich regnet es und die Wolkenkratzer verraten die Herkunft ihres Namens: Sie kratzen mit den obersten Stockwerken die Wolken.

Schon zweimal waren Biga, Kameramann Hendrik und ich auf dem Peak, dem markanten Aussichtspunkt der Stadt. Nur Nebel, kein Fotowetter. Deshalb muss man sich die Stadt im April von unten betrachten. Wer in der Abenddämmerung an der Hafenseite von Kowloon steht, da wo die englisch-nostalgischen Starferry-Fähren von der Hongkong-Insel kommend anlegen, dem bietet sich ein beeindruckendes Farbenspiel.   Nicht der Sonnenuntergang hinter wolkenverhangenem Himmel ist gemeint, sondern die futuristische Lichtshow der Skyline. Weiße Scheinwerferstrahlen auf den Dächern kreisen und durchbohren den Nachhimmel, bis sie auf die wabernden Wolken treffen. Von anderen Häusern werden grüne Lichtblitze abgeschossen. Ganze Hochhausfassaden, zweihundert Meter hoch, verändern chameleongleich ihre Farbe. Nichts wiederholt sich. Die Farbspiele scheinen unzählige Varianten zu haben. Selbst eingefleischte Großstadtignoranten aus unserer Mannschaft blieben staunend stehen.Wir haben einen günstigen Ankerplatz im ABC, Aberdeen Boat Club, und werden schnell zum Magneten für dessen Mitglieder und Gäste. Aus Sicht der Indonesier oder Philippinos waren wir irregeleitete arme Schlucker, die mit einem schwerfälligen und aufwändig zu betreibenden Holzboot herumtrieben. Für High-Tec-gewöhnte Hongkongnesen sind wir alternative, tollkühne Abenteurer und wurden begeistert aufgenommen. Die Mitglieder der (britischen) Königlichen Geografischen Gesellschaft beehrten uns zu einer Hafenrundfahrt. Wissbegierige Gäste krabbelten in jede Ecke, kletterten über die Leiter zur Mastspitze und hatten nicht enden wollende Fragen. Zu allem Überfluss öffnete der Himmel seine Schleusen und 110 „Geografen“ drängelten sich in unserem Salon. Das tat der Stimmung erstaunlicherweise keinen Abbruch. Am Ende halfen sie uns sogar, ein neues Dingi nebst Motor zu bekommen.

Ob Marco Polos Reise auch von soviel Interesse begleitet wurde?

Damals waren Vier-Mast-Dschunken die Regel, jedoch mit rund zweihundert Matrosen als Besatzung. Muss das eng gewesen sein! Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Flotte von 14 Schiffen nicht alle diese Größe hatten, so sind wohl rund zweitausend Chinesen unterwegs gewesen, nur um eine Prinzessin zu begleiten. Zur Finanzierung hatten die Schiffe große Mengen an Aloeholz, Pfeffer und anderen Gewürzen zum Handeln an Bord, die genau dort ihren Ursprung hatten, wo wir mit unserem Boot auch herkamen: Indonesien und Philippinen.

Wollten wir zwar nicht die Größe der Polo´schen Reisegesellschaft erreichen, so hätten wir doch gern ein paar Hände mehr an Bord gut gebrauchen können. Über unsere Gastgeber meldeten sich auch prompt drei Abenteuerlustige. Suzan, eine junge Kanadierin und von Beruf Model, wollte Biga in der Küche helfen. Ian, ein tatendurstiger englischer Junge und frischgebackener Skipper, hatte schon immer vor, mal auf einem richtigen Holzboot mitzufahren und Ted, US-Marine auf Landurlaub, suchte eine neue Aufgabe. In einem babylonischen Sprachgewirr von sechs Nationen lichteten wir die Anker und wurden von Marc und seiner Freundin noch bis aufs offene Meer begleitet. Um uns den Abschied nicht ganz so schwer zu machen, schenkten sie uns zwei Katzen, die in Hongkong gerade obdachlos geworden waren. Hendrik stellte ihnen selbstlos ein Teil seiner Elektroecke unter dem Kartentisch zur Verfügung und Biga begann, den beiden den langen Weg zum Katzenklo zu zeigen. Empört miauten sie auf, verschwanden in der Werkstatt und blieben für Stunden beleidigt hinter Schraubenkisten und Zimmermannswerkzeug versteckt. Später, beim Segeln, wurden sie zwar auch seekrank, nur schafften sie den Weg zur Reling nicht. Jetzt aber gefällt ihnen das Schaukeln.

Unglücklicherweise begann gleich ab der ersten Seemeile hartes Wetter. Jeder stand nachts für drei Stunden und tagsüber für zwei Stunden am Steuerrad und hatte das über die Wellen tanzende Boot nach der Kompassnadel und dem Segelstand in der Richtung zu halten. Für die Anfänger in den ersten Stunden eine Höllenfahrt. Ian, ganz Gentleman, wollte die Wache von Suzan zusätzlich übernehmen, weil diese vollständig damit beschäftigt war, das mit Biga zubereitete Abendbrot stückchenweise wieder rückwärts zu essen. Nach vier Stunden immer stärkerer Schlängelfahrt und laut knallenden Segeln musste er sich ablösen lassen. Wie ein geschlagenes Bündel fiel er in eine Ecke des Salons und musste sich den Kaffee einflössen lassen. „So anstrengend habe ich noch bei keinem Boot steuern müssen!“

Aber auch Hendrik, unangefochten der Dienstälteste an Bord, schaffte seine Nachtwache nur mit lautem Fluchen. Peter konnte uns von zu Hause aus auch keine besseren Nachrichten übermitteln. Täglich gab er uns die neuesten Wettermeldungen aus dem Internet durch und wir ihm zur Sicherheit unsere Position.

„Kräftiger Wind aus südlichen Richtungen!“ Immer, wenn die Wellen einem das Steuerrad aus der Hand rissen, fluchte ich auf den blöden Monsun. Wo war der denn? Marco Polo ist genau zu unserer  Jahreszeit gefahren! Wozu haben wir uns denn ständig gegen den Nordost-Monsun bis nach Hongkong gequält? Die scheinbare Sicherheit, ab dort mit achterlichem Wind endlich gemütlich zu segeln, weil das Monsunwetter ja ein Naturgesetz sein sollte, trog. Die neue Crew wollte erst mal geprüft sein. Nach vier Tagen stiegen die Temperaturen, der Wind wechselte und die vier Segel füllten sich stattlich. Winterbleiche Gestalten rekelten sich in der Sonne und bald erscholl der erste Ruf: „Es ist ja viel zu warm hier! Anhalten, Baden!“ Nun ist das Anhalten unter Segel nicht ganz so einfach. Zwar war weit und breit keine Insel oder ein Boot zu sehen, aber um einfach neben dem Schiff baden zu können, müssen die meisten Segel eingeholt und danach wieder gehisst werden. Das kostet Schweiß. Deshalb schwankte die Stimmung in der Mannschaft für die nächsten Tage regelmäßig zwischen diesen beiden Extremen: harte Matrosenarbeit und Baden oder Weitersegeln und nur eine Eimerdusche an Bord.

Unsere Gäste unterstützten uns nicht nur beim Decksdienst, sondern gaben immer wieder Anlass zu schmunzeln. Ian konnte seine englische Segelausbildung nicht verleugnen. Hemmungslos und begeistert wiederholte er jedes Kommando, trampelte in der Nacht neben seinen schlafenden Kameraden entlang und wollte gar nicht aufhören, mich mit „Skip“ oder gar „Sir“ zu titulieren. Ganz anders Ted. Der bog erst mal Ian auf ein normales Maß zurecht und befand, dass seine eigenen Wachzeiten viel zu leicht seien. Wenn irgend jemand Hilfe bräuchte, wir könnten ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit wecken. Danach setzte er sich unter unsere Bibliothek und begann konsequent alle Bücher von links nach rechts durchzulesen. Mit Model Suzan hatte Biga ihre liebe Mühe. Nein, wir haben keine Geschirrspülmaschine und das Wasser fließt auch nicht aus der Planke. Nein, die Toilette wird nicht bequemerweise aus dem daneben stehenden Bottich mit Frischwasser gespült, sondern dazu muss man extra einen Eimer an der Leine mit gekonntem Schwung ins Meer schmeißen und Seewasser schöpfen. Dass Suzan die Leine beim Werfen auch festhalten muss, vergaß Biga zu erklären. Bald hatten wir einen Eimer weniger. Das Geschirr nahm ebenfalls ab. Beim Abkratzen über der Reling ließ ihr so manche Welle nur die Wahl, entweder mit dem Teller in der Hand aufs Deck zu schlagen oder diesen vor dem Sich-Retten schnell loszulassen.

Allein die Anwesenheit von Biga und Suzan erweckte in unserem indonesischen Freund Haris ganz neue Seiten. Der Verbrauch an Zäpfchen gegen Seekrankheit stieg in der ersten Woche zwar gewaltig, aber Haris war jederzeit bereit, der Held zu sein. Sein Werben blieb bei Suzan nicht ungehört. Musste sie doch auch die anderen beiden Jungs unter Kontrolle halten und so fiel ihre platonische Wahl auf Haris. Einträchtig kuschelnd sah man sie nächtlich vor dem Salon turteln. Leider ging diese Geschichte nicht wie im Märchen zu Ende. Zum Ende der Fahrt machte Suzan sich wieder frei. Das Gespött der abgewiesenen Nebenbuhler ließ Haris sehr unsanft auf den Boden der Realität zurückkehren.

Jörg ersetze Peter in der Technik und beim Logbuch schreiben. Dabei reparierte er den Herd und kam bald mit einer ansehnlichen Brandwunde an. „Genau dort hat sich schon Peter verbrannt! Aber halb so schlimm. In zwei Wochen ist alles verheilt!“ Haris gab ein fachmännisches Urteil ab und fand es völlig in Ordnung, dass sich die unpraktisch großen Deutschen regelmäßig weh tun. Kunststück, der schmächtige Indonesier ist zwei Köpfe kleiner.

Schon wie Marco Polo trieben uns die Winde und Strömungen dicht an die vietnamesische und kambodschanische Küste. Gern wären wir in die Inselwelt dort hinein gefahren, konnten uns dies jedoch der Bürokratie und hoher Gebühren wegen nicht leisten. Macht nichts! Wir kommen per Rad im Sommer zurück. Außerdem warnten die Segelführer vor Piraterie auf der Westseite und Schmugglern auf der Ostseite unserer Route. Im Gewirr der Riffe und Inselchen der Paracel- und der Spratly-Inseln treiben sich unfreundliche Gestalten herum, sagt man in Hongkong. Die Inseln werden von den umliegenden Ländern wegen der Erdölvorkommen gleichermaßen beansprucht, mit dem Erfolg, dass sich keine Ordnungsmacht durchsetzen kann und ein richtiger Seekrieg, unbeachtet von der Öffentlichkeit, rumort.

Um einige Sorgen leichter erreichten wir nach knapp zwei Wochen die historische Pirateninsel Tioman in Malaysien. Eine wunderschöne Urwaldidylle mit hohen Felsen und netten Gastwirten. Peter, ein deutscher Hotelwirt, zeigt uns stolz seine Ausgrabungen.

„Hier die Puderdose ist aus der Sung-Dynastie. Und euer Marco Polo war sicher auch hier. Wegen der vielen Süßwasserquellen kamen früher alle Seefahrer her!“

Unsere drei Gäste blieben gleich auf der Insel hängen, während wir fünf nach wenigen Tagen und insgesamt 1840 nautischen Meilen (3.404 km) seit Hongkong problemlos in Singapur einklarierten. Meine Zeit an Bord ist nun schon wieder um. Biga und ich müssen wieder nach Hause, um mit einer Gruppe zu unserem Kinderheimprojekt nach Bolivien zu reisen. Währenddessen werden Peter und die Mannschaft das Boot durch die Straße von Malakka nach Westthailand bringen, wo wir in einigen Wochen wieder zu ihnen stoßen werden.

Herzliche Grüße unter dem Kreuz des Südens

Euer Axel

 
Thüringer Fahnen flatterten durch Hongkong – März 2004

»Seid ihr die Piraten?«

Ein kleiner quirliger Junge ließ seine dunklen Augen über unser Boot schweifen. Wir hatten wieder einmal Besuch von einem Fischer, der sein Geschäft durch den für philippinische Verhältnisse unersättlichen Hunger unserer fünf Mägen entscheidend verbessern konnte. Regelmäßig legte Steves kunterbuntes Fischerboot mit Auslegern  nach erfolgreichem Fang bei uns an. So bekamen wir den Fisch noch bevor auf dem Markt die besten Stücke weg waren. Diesmal war sein zehnjähriger Junge Jonny mitgefahren. Eine strapaziöse Tour für ihn. Denn auf diesen wegen der labilen Ausleger wackligen Booten war die Hauptaufgabe des Jungen still zu sitzen und sich als Ballast je nach Notwendigkeit des Vaters von der einen zur anderen Seite des Bootes zu werfen. Der Junge begeistert, der Enge seines Bootchens zu entkommen. Von unserem Achterdeck bestaunte er die Größe unseres Kahns und dem Jungen kam der fürchterliche Gedanke, auf einem Piratenboot gelandet zu sein. Die hatte er nämlich gerade in einem Kinofilm gesehen. Ein Holzboot mit vielen Segeln und für Philippinos gewalttätig aussehenden weißen Männern darauf. Auf Philippinisch sprudelte ein Wortschwall aus seinem Mund. Aufgeregt redete er auf seinen Vater ein und wollte ihn zu schnellstem Verlassen dieser offensichtlichen Räuberhöhle bewegen. Selbst unser indonesischer Fischer Haris konnte ihn nicht in der Seefahrersprache Bugis beruhigen. Das ich seinen Vater für den Fisch bezahlte blieb unwichtig. Zu offensichtlich entsprachen wir den philippinischen Vorstellungen von raubgierigen Seeräubern.

Der Junge war für uns nicht der Erste, der uns für Piraten halten wollte. Eine angenehme Verhandlungsbasis, wenn man nur mal schnell einen Fisch gegen einige Zigaretten tauschen will, jedoch äußerst schlecht bei den meist bewaffneten größeren Fischerbooten, die meinen, sich verteidigen zu müssen. In den Philippinen hat fast jeder Mann ein Gewehr und trägt es eben auch als Standessymbol überall mit sich herum. Andreas, der extra in Puerto Princesa zu uns stieß, um uns bei der Fahrt nach Manila als Skipper zu helfen, musste sich ganz schön zusammen reißen, um mit unserem Beiboot ein zwielichtiges Fischerboot in der Nachbarschaft unseres Ankerplatzes zu besuchen. Wir hätten auch nicht gern mit ihm tauschen wollen. Am Ende dieses Aufeinandertreffens zweier vermeintlicher Piratenboote fuhren die Fischer zufrieden und um einige Flaschen Bier reicher nach Hause.

Je weiter wir nach Norden Richtung Manila, der Hauptstadt der Inselrepublik Philippinen kamen, desto mehr Fischerboote kreuzten unseren Kurs. Größere Boote mit bis zu zehn Metern Länge haben vier nussschalenähnliche Beiboote, in denen die Fischer tagsüber mit Angelsehne und einem Plastik-Kraken als Köder am Haken den Fischen auflauern. Die Verständigung mit uns funktionierte gut auf Englisch, ein Ergebnis US-amerikanischer Vergangenheit bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie schon Indonesien und Malaysia , bestehen auch die Philippinien aus zig verschiedenen Völkern, im Norden christlichen und im Süden mehr muslimischen Glaubens, die sich über die vielen Inseln verstreuen. Einige Landesteile haben deshalb Teilautonomien und jede Insel hat quasi eine eigene Inselhauptstadt. Flugzeuglinien und wegen ihrer Unsicherheit berüchtigte Fährschiffe verbinden die einzelnen Zentren, wobei Manila die anerkannte Hauptstadt ist. Wir freuten uns schon darauf, in zwei Tagen eine der viel beschriebenen asiatischen Millionenstädte zu sehen.

Davor wollten uns die Meeresgötter wohl noch einmal prüfen. Wir hatten fast Neumond, pechschwarze Nacht. Gischt peitschte das Wasser. Der Sturm zerrte an den Kleidern, Wogen von Salzwasser umspülten kniehoch und alle nicht ausreichend befestigten Teile mit sich reißend das Vordeck. Eine Welle schlug den Ankerkasten auf. Sofort strömten die Wassermassen in den Schiffsrumpf. Hendrik hatte Freiwache und hangelte sich auf den Sicherungsleinen auf das um mehrere Meter stampfende Deck, schloss die Luke und machte sich sofort daran, die Pumpen einzuschalten. Peter und Andreas wechselten sich der weil mit Steuern und Navigieren ab. Während wir uns ernsthafte Sorgen machten lag Haris derweil ungerührt in seiner Koje. Er hatte laut Wachplan frei und sein Leben sowieso in Allahs Hände gelegt. Als am Morgen unser Anker in dem weißen Sand eines Korallenatolls versank und wir total übermüdet uns einfach dort hinlegten, wo wir gerade standen, begann Haris seine Wache mit einem Morgengebet in Richtung eines einsamen Palmenstrandes, der zufällig in der vorher akkurat mit Schiffskompass ermittelten Richtung von Mekka lag.

In Manila erhielten wir die ersehnte Verstärkung. Gunther und Herbert waren schon eine Woche im Land und warteten darauf, zusteigen zu können. Gunther übernahm von Volker die Medizinkisten und Herbert war darauf aus, seine Kurzwellenfunktechnik in den letzten weißen Flecken der Amateurfunkerlandkarte auszuprobieren. Außerdem mußten die Wanten wieder einmal gespannt werden.

     

Auch Axel bezog wieder seine Koje, diesmal nicht allein, sondern mit seiner Frau Biga.Vor der Abfahrt standen leider nervenzerrende Einkaufstage im Hafen von Manila. In den Containerhafen ließ man uns nicht herein, weil unser Boot zu klein war. In den Yachthafen konnten wir jedoch nicht, weil wir dafür zu groß waren. Benzin für den Außenbordmotor des Dingis und Diesel gab es nur in riesigen Tankschläuchen für Ozeandampfer, die bei uns nicht passten. Den Yachtclub sollten wir nicht betreten. Was besonders kritisch wurde, weil dies die einzige für uns erlaubt Anlegestelle wurde. Ja, hätten wir im Club eine Jahresmitgliedschaft gekauft, dann...

Manila ließ keinen unberührt. Ein Moloch, grummelte Herbert. Eine beeindruckende Stadt der Gegensätze, jubelte Gunther. Asiatische Betriebsamkeit, Enge und Schmutz wechseln hier atemberaubend mit blitzenden Wolkenkratzern und offensichtlichem Reichtum. Nur Meter neben wirklich riesigen Einkaufszentren und Bürohochhäusern, mit teueren Autos im Parkhaus stehen halb verfallenen Hütten, vor denen diejenigen Familienmitglieder auf der Strasse schlafen, die eben einfach nicht mehr hineinpassen. In Palmenalleen fahren Motorradtaxis mit Beiwagen für bis zu drei Fahrgäste. Umgebaute Jeeps fahren ihre Routen als Sammeltaxis und außer zwei Hochbahnlinien existiert kein öffentlicher Nahverkehr für über zehn Millionen Einwohner. Dies erzeugt einen so unvermeidbaren Smog. Ähnliches ließe sich auch über die Wasserqualität im Hafen schreiben, aber das ist relativ.

 

Dort wird gern gebadet. Unübertroffen und besonders erwähnenswert ist die Freundlichkeit und Offenheit der einfachen Philippinos. Selten war es für uns so einfach, Kontakte zu knüpfen und sich wohl zu fühlen. Daß die fast durchweg hübschen philippinische Frauen auf Seemänner einen besonders starken Eindruck machen, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Im krassen Gegensatz dazu erschlug uns fast die Bürokratie, die den Vorwand für nicht enden wollende Schmiergeldbedürfnisse darstellte. In San Fernando la Union, unserem letzten Hafen in den Philippinen war mit den Vertretern von Gesundheitsministerium, Quarantäne- und Fischfangbehörde, Küstenwache, Hafenpolizei, Marine und vielen mehr schon der 24. Beamte an Bord oder wollte besucht werden. Jeder war offensichtlich nur nach Zahlung einer angemessenen Bestechungsgebühr in der Lage, seinen Stempel unter die ach so wichtigen Ausreisedokumente zu drücken. Der Zoll residiert in einem Protzbau. Ein wichtiger dicker Mensch beherrschte seinen Schreibtisch, auf dessen Ecke seine Sekretärin mit kurzem Röckchen lehnte und sich die Fingernägel lackierte. Der Chef ließ uns durch die Kurzberockte mitteilen, dass er auf ein Angebot warte. Wir boten natürlich nichts. Daraufhin wurden wir einfach rausgeschmissen. Angenehmer war die Einwanderungsbehörde. Deren Sitz ist inmitten einer Bowlingbahn mit Karaoke-Bar. Anstatt Gesetzblättern wimmelte es in deren Büro von Bowlingpreisen an Wänden und hinter den Glasplatten der Schreibtische. Dort war man auch sehr hartnäckig, so dass wir uns nicht einig wurden. Zum Ärger mit der Bürokratie gesellten sich noch Sorgen um schlechtes Trinkwasser.

Den entscheidenden Durchbruch erreichte Axel durch Zufall an seinem Geburtstag. Wir sangen früh ein Ständchen und aßen Geburtstagstorte. Vor der abendlichen Feier traf Axel im Restaurant Mitglieder des Rotarier-Clubs der Stadt. Nach einer spontanen Gastrede auf deren Kongress bedankte sich eine Delegation des Clubs mit einem Geburtstagsständchen. Der Kontakt zu den Honoratioren San Fernandos war gesichert.

Ein Sturm in der Taiwanstrasse zwang uns länger im Hafen zu bleiben. Die Wellen schlugen das Boot an die Kaimauer und beschädigten einige Bohlen. Dabei hatten wir noch Glück. Etlichen Fischerbooten war es nicht mehr geglückt, in den rettenden Hafen zu kommen. Um die verlängerte Liegezeit im Hafen Zeit zu nutzen, machten Axel und Biga einen Landtrip auf die verlockenden Berge des Hinterlandes. Hier trafen sie wie erhofft wieder auf die netten Insulaner. Der Kirchenchor einer kleinen Dorfgemeinde sang extra für sie das Sonntagsprogramm. Eine kleine hutzlige Oma führte ganz stolz ihr junges, noch ganz wackliges Wasserbüffelkälbchen vor und deren Mann war nicht aufzuhalten, mehrere grüne Maracujas zu teilen. Dies beendete den Landausflug schlagartig. Zu der wegen des Wellengangs latent seekranken Restmannschaft auf dem Schiff gesellten sich zwei von Durchfall geplagte Landgänger. Heimliche gegenseitige Schadenfreude war gesichert.

Trotz aller Beziehungen zog sich das Ausklarieren hin. Um der mehr als leidigen Prozedur einen makabren Sinn zu geben, setzte Axel einen Preis aus: Der 30. Beamte bekommt ein Bier dazu! Aber nicht schummeln, keiner darf zweimal kommen! Wir verbreiteten dies interessiert unter den nächsten Beamten und warteten. Bei 28 war unerklärlicherweise Schluss. Die Phantasie der Bürokratie hat also doch ihre Grenzen. Dieses Bier trank die Crew auf See allein.

Leider konnte ich nicht weiter mitfahren, ein Krankenhausbesuch bei meiner Mutter wurde dringend. So kommt jetzt Axel zu Wort:

Für die einwöchige Überfahrt nach Hongkong kam unser englischer Freund Marc, der in Hongkong wohnt und uns mit seiner Segelerfahrung begeisterte. Wir hatten ihn im letzten Jahr kennen gelernt, als wir sein Boot kaufen wollten. Von ihm konnten wir wirklich noch was dazu lernen. Schließlich war er ja schon mal mit einer Dschunke von Hongkong nach London gesegelt.

Vor der nächsten Strecke hatten wir großen Respekt. Den Karten nach erwartete uns bei der rund 1000 km langen Überfahrt über das offene Meer ein starker Nord-Ost Passatwind von der Seite.

 

Bei heftigem Seegang, dessen Wellen sich tausend Meilen lang in der Taiwanstrasse aufbauten, schaukelten wir unsere Mägen durch. Beeindruckend im geduldigen Ertragen der körperlichen Leiden war da schon Herbert. Er hatte sich eine Funkerecke aufgebaut und versank mit aufgesetzten Kopfhörern und der Funkertaste in der Hand in seine Welt. Wenn sich die Realität um ihn herum allzu stark bemerkbar machte, riss er sich die Kopfhörer vom Kopf und spurtete im letzten Moment zur Reling. Nach erfolgreicher Fischfütterung ärgerte ihn viel mehr als sein Magenproblem das Dilemma, schon wieder eine wertvolle Verbindung verloren zu haben.

Auch Marc wurde seekrank. Aber die Gänge zur Reling waren nur eine lästige Unterbrechung seines Tagesablaufes. Als er beim Essen plötzlich mitten im Gespräch aufstand um sich zu erleichtern, meinte Hendrik die Gelegenheit ergreifen zu können, Marcs Teller auch noch leer löffeln zu können. Kopfschüttelnd kam Marc zurück, zog seinen Teller wieder heran und setzte das Gespräch souverän fort.

Unserem Doktor Gunther blieb nicht viel zu tun. Gemeinerweise wurde er nicht seekrank, verriet aber keinem sein Geheimnis. Wohl aus lauter Übermut vergaß er am letzten Tag den Kopf vor dem umschlagenden Großbaum einzuziehen und hatte wenigstens mit sich selbst einen Patienten. Platzwunde und rechte Hand geprellt.

Nach sechs Tagen lagen wir vor der Kanaleinfahrt von Hongkong. Einer vierspurige Schnellstrasse gleich strömten Containerschiffe, Fischerboote, Hafenrundfahrten in die Meerenge. Und wir mittendrin. Das Gefühl, zwischen den Wolkenkratzern dieser Weltstadt zu segeln und endlich dort angekommen zu sein, wo wir seit einem Jahr mit soviel Hindernissen hin wollten war unbeschreiblich. Volle drei Stunden lief unser Dschunkensong von Didiplay (www.didiplay.de), die Sponsorenfahnen der 40 uns unterstützenden Firmen flatterten im Wind und alle vier Segel waren voll gebläht. Dieses Ereignis wollten wir unbedingt mit denen teilen, die uns bis hier her unterstützt hatten. Per Sattelitentelefon weckten wir mitten in der europäischen Nacht unsere Familien und Freunde. Was hatten wir alles schon zusammen erlebt! Über 1000 Meilen missglückter Überfahrt von Indien und nun bereits mit allen Testfahrten und Umwegen 4000 Meilen. Endlich in Hongkong. Hier soll der eigentliche Segeltörn auf den Spuren Marco Polos beginnen. Schließlich ist unser berühmtes Vorbild von Südchina aus Richtung Persien, dem heutigen Iran gestartet. Seine Aufgabe war, die chinesische Prinzessin Kökacin auf ihrer Reise zur Vermählung mit einem dortigen Prinzen zu begleiten und vor allem sie dort unversehrt abzuliefern. Damals war der Kaiser Chan Kublai der Meinung, dass der Seeweg viel sicherer und komfortabler sei als der beschwerliche Weg über die Gebirge Asiens. Nun sind wir auf seiner Route und beginnen einiges von dem nach zu vollziehen, was schon Marco Polo begeisterte. Seine Beschreibungen von Papiergeld wurden damals verlacht. Heute segeln wir vor dem beeindruckenden Wolkenkratzer der Bank of China und erleben, dass die Chinesen uns wieder einen Schritt voraus sind. In dem kleinsten Krämerladen wird mit Chipkarte bezahlt und nur Nostalgiker haben keine elektronische Monatskarte zum Bezahlen im Bus. Das man diese beim Betreten des Busses in der Tasche lassen kann, ist sehr angenehm. Abgebucht wird trotzdem.

Wir werden freundlich aufgenommen. Hier ist eine gute Gelegenheit, das Salzwasser abzuspülen und die nächste Etappe in Richtung Singapur gründlich vorzubereiten.

Aus dem Fernen Osten grüßen

Axel, Peter und die Mannschaft von Kublai´s Kahn

 
Von Sandakan nach Palawan – Januar/Februar 2004

»Das ist doch ein riesiges UFO!« Eine riesige, pyramidenartig-futuristisch anmutende Moschee von abstoßender Hässlichkeit beherrscht die Silhouette von Sandakan.

Nach zermürbenden Baumonaten in der Hitze von Bira und endlosen Regengüssen im Hafen von Makassar waren wir mit unserer Dschunke im malaiischen Teil Borneos angekommen. Die erfolgreiche Einklarierungsprozedur beim Hafenkapitän bestätigte den letzten Test, unsere Schiffspapiere sind echt, wir haben Indonesien verlassen und sind beim Schiffskauf nicht übers Ohr gehauen worden.

War noch während unserer Weltumradlung vor 14 Jahren der Flecken Sandakan eine abgeschiedene Hinderwälderstadt, mühsam dem scheinbar unüberwindlichen Dschungel abgerungen. Heute rahmt eine  Wasserstadt den Hafenbezirk ein, der von drei religiösen Monumentalbauwerken beherrscht wird. Die zur »UFO«-Moschee gehörigen Minarette mit den allgegenwärtigen Lautsprechern benannten wir respektlos in »cruise missle« um, wie die militärischen Raketen. In unserer Crew waren allerdings nicht alle dieser Meinung. »Moscheen sind immer schön.«, sagt der Indonesier Harris.

Die Buddhisten halten mit einem Tempel in der Bauweise des tibetischen Podala, dem Palast des Dalai Lamas in Lhasa auf der Bergseite dagegen. Und die christliche Religion ist mit einer protzigen Kirche im Zentrum vertreten. Dazwischen steht das, was eine asiatische Boomtown ausmacht: Hochhäuser aus Stahl und Beton. Bezahlt mit dem Ausverkauf ihres Urwaldes, der Verarbeitung von Ölpalmen und der Erdölförderung. Lediglich der Hafen bietet das, was wir aus Indonesien her gewohnt sind: Pfahldörfer mit einfachen Fischern, an denen der Wohlstand in den Hochhäusern vorbeigeht. Die Leute dort sprechen Bugis, wie Harris. Das Seefahrervolk der Bugis lebt hier in Malaysia wie auch in Teilen der Philippinen und in vielen Küstenregionen Indonesiens. So ist Harris wieder unserer wichtigster Mann beim Einkaufen.

Irgendwie hatte ich mich an das Leben an Bord gewöhnt. Ich war zufrieden hier und hatte gar nicht mehr das Bedürfnis unbedingt an Land zu müssen. Hier fühlte ich mich wohl, hier hatte ich was zu tun und das reichte aus. War ich lethargisch dem Landleben gegenüber geworden? Keine Ahnung. Auf jeden Fall erstaunte mich das. Früher dachte ich immer, dass das Boot nur ein anderes Transportmittel ist. Nun ist es Lebensinhalt geworden. Das sollte mir in den folgenden Tagen noch viel bewusster werden, als Axel und Hendrik zum Mount Kinabalu aufbrechen und nur noch Harris, Volker und ich an Bord bleiben. Axel fuhr gleich weiter nach Saalfeld und erwartet uns später in Hongkong.

Hendrik kam übersprudelnd von Eindrücken aus seinem Landaufenthalt zurück. Die Orang Utans haben es ihm angetan. Die hiesige Pflegestation kümmert sich um verletzte oder hilflose Tiere. Mit internationaler Unterstützung erhielten die Affen große Urwaldgebiete und werden aufmerksam medizinisch betreut. Das geht sogar soweit, dass kleine Affenbabys mit Pampers herumtollen. Ein Luxus, den sich die Fischerfamilien in den Pfahlhausdörfern am Hafen von Sandakan nicht leisten können. Schon Marco Polo beschrieb diese Affen als primitive behaarte Waldmenschen, die auf Bäumen leben. Daraus leiteten spätere Kolonisatoren die Rechtfertigung ab, dass Malaien keine richtigen Menschen seien und straflos ausgebeutet oder gar ermordet werden dürften.

Eine moderne Autobahn führt an Ölpalmplantagen vorbei zum Nationalparkeingang. Wer heutzutage auf den Berg will, kommt an Eintrittsgebühr, Chipkarte und Meldestellen unterwegs nicht vorbei. Axel, der ja schon vor 14 Jahren hier war, als hier nur eine Urwaldpiste voller Schlamm war, stellte missmutig fest: »Damals hätten wir uns den Berg von heute nicht leisten können.«

Doch für ihn ist hier einer der schönsten Berge der Welt und deshalb stapften beide durch tropischen Regenwald, an Fleisch fressenden Pflanzen und Baumfarnen vorbei nach oben. Wie es sich für richtige Seeleute gehört, wurde die Tour bald zu einer anstrengenden Besteigung, über 4000 Meter ragt der Granitgipfel über den Pazifik. Seeleute laufen halt breitbeiniger als nötig und lange dauerte es auch nicht, bis sich die Landkrankheit bemerkbar macht. Als Auswirkung auf die Anpassung an das ständig schaukelnde Schiffsdeck schwankte nun der Berg, das einem übel werden konnte! Vom Gipfelblick wurde Hendrik, der die TV-Kamera schleppte, jedoch für seine Mühen reichlich entschädigt. Bis zum Meer zieht sich der Blick über den Nationalpark-Urwald.

Zum Ausgleich auf Hendriks Bergtour landeten Volker und ich zum chinesischen Neujahrsfest in einem Chinesenviertel, in einer Karaoke-Bar. Die Feier ging so lange gut, bis wir beide anfingen, Udo Lindenberg übers Mikrophon nachzusingen. Wir hatten wohl nicht den hiesigen Musikgeschmack getroffen, das Lokal leerte sich.

Nach dem langwierigen Bunkern der Lebensmittel und Trinkwasser hätten wir uns kein schöneres Wetter zum Ablegen aussuchen können. Abendrot, eine angenehme Landbrise, kein Wellengang, und vielleicht würde weitab der Küste ja auch der nächtliche Regen ausbleiben.

Dafür bauten sich kräftige Wellen auf. Die Gischt schoss an der Reeling empor und ab und zu schafften es besonders große Wellen auch vorn über die Ankerrollen. Das waren dann die Jippieee-Momente, in denen man mit den Knien die Stöße abfedert und sich nur immer noch größere Wellen wünscht.

  

Jetzt visierte ich erst einmal die letzte der noch erreichbaren Inseln ans Tagesziel an. Alle anderen, auf unserer Karte vorher gelagerten Inseln existierten nicht mehr oder stellten nur noch einen ein wenig aus dem Wasser ragenden Sandhügel dar. Keine Häuser, keine Büsche, kein Leben. Und kein Windschutz, wenn wir dahinter ankern würden. Ist das ein Anzeichen der Klimaerwärmung?

Egal. Wir erreichten Tigabu Island vor dem Dunkelwerden. Auf der windgeschützten Seite befand sich ein Dorf. Einige Boote lagen davor. Wir legten uns dazu. Bald kamen die bunten Auslegerkanus mit Insulanern, die unser Boot besichtigen wollten. Wieder stehen wir im Zwiespalt, dass wir einerseits freundlich bleiben wollten, aber anderseits auch keine fremden Leute an Bord mochten. Ich blieb unter Deck, schloss alles ab und passte auf und Volker komplimentierte unsere Gäste hoch aufs Achterdeck. So hatten wir alles im Überblick. Volker gewann das rituelle Armdrücken und sorgte so dafür, dass wir die Nacht in Ruhe verbringen konnten. Trotzdem blieb uns dieser Besuch als der folgenreichste Piratenüberfall lange in Erinnerung. Von dem nicht abgeschlossenen Klo hatte sich ein Gast zur Erinnerung unsere einzige wirklich wasserdichte Klopapierhülle mitgenommen. Der wusste wohl nicht, was drin ist, denn die Leute hier benutzen so was nach Landessitte ja gar nicht!

Als Volker und Hendrik von Landgang wiederkamen, hatte jeder eine Muschel als Sonnenhut auf dem Kopf. Im Dorf lag ein mehrere Meter großer Muschelhaufen. Muscheln, so groß, wie beide bisher noch nie welche gesehen hatten. Und die konnten sie sich einfach so mitnehmen! Außerdem brachten die beiden noch einen ganzen Schwung Kokosnüsse mit.

Bei bewölktem Himmel und fahlem Licht brachen wir wieder auf. Die Inseln schienen dennoch traumhaft. Vor dem Horizont zogen Fischerkähne dahin, kleine Einbäume mit Bambusauslegern. Etwas größere hatten die Philippinische Flagge und waren mit starken Scheinwerfern versehen. Das waren Schleppnetzfischer. Weiter hinten am Horizont sahen wir die Touristen-Insel, wohin die deutsche Familie Wallert vor Jahren verschleppt wurde. Ihr Fall ging durch die Medien und machte die Welt erstmalig auf den schon ewig andauernden Konflikt im Süden der Philippinen aufmerksam.

Wir wollten möglichst an nächsten Vormittag an der philippinischen Insel Palawan ankommen. Und das offene Wasser bis dahin sicher überquert haben. Als wir uns fast zwei Stunden durch eine Riffgegend gemogelt hatten, erreichten wir einen ›Kanal‹. Zumindest war der auf der Karte so eingezeichnet. Bei starkem Seitenwind ließen regelmäßig besonders hohe Wellen das Schiff extrem schaukeln und überschütteten das Deck. Zur großen Verwunderung wurde Harris, der sein halbes Leben auf See verbracht hatte, seekrank. Unser Boot schwankte mehr und anders, als er es von seinem kleinen Fischerboot gewöhnt war. Überflüssigerweise setzte in dieser Situation die Pumpe aus. Ein kleines Stückchen Holz hatte sich in ihr verklemmt. Nach der Reparatur im stickig-heißen Motorraum, wo alles schwankte und die Luft verbraucht ist, fütterte ich die Fische mit meinem Frühstück. Es war schon Nacht geworden und der Wind hatte sich gelegt. Lichter von zwei Schiffen zogen an uns vorbei. Als sie verschwunden waren, waren wir wirklich allein. Allein auf dem Ozean, allein auf der Welt. Ein großartiges Gefühl.

Am Morgen ragte neben uns die fantastische Küste Palawans auf. Sie ist stark gegliedert. Im Hinterland lockten Berge. Alles schien kaum oder gar nicht erschlossen. Gab es hier überhaupt Straßen? Bisher hatten wir noch keine Anzeichen gesehen. Nicht mal Stromleitungen gab es hier. Nur an der Küste sah ich ab und zu vereinzelt mal ein paar Häuser oder ein Dorf. Es war einfach ein Traum. Superwetter, klares Wasser und so eine Kulisse!

»Mann über Bord!« Aber wer? Da schwamm 15 km vor der Küste und zwei Kilometer vom nächsten Boot ein Fischer im Wasser und schaute sich den Grund an! Das war nicht zu fassen! Er schaute kurz hoch, wohl verärgert, dass wir ihn störten und winkte ab. Nein, wir sollten ihn in Ruhe lassen.

Puerto Princesa. Inmitten vieler weißer Boote ankerten auch wir und wollten uns in den Philippinen anmelden. Aber sonntags haben die Behörden geschlossen. So tauschten wir etwas Geld, kamen mit ein paar Bier für einen gemütlichen Abend wieder zurück und verschoben alles auf den nächsten Tag.

Das Wassertaxi brachte uns zu einem schmalen, stinkenden und dreckigen Durchgang zwischen den Pfahlbauten den man zur Straße gehen konnte. Bei Niedrigwasser war das Ein- und Aussteigen auf den Stegen nicht einfach. Vor allem, da sich niemand an dem Steg, oder besser dem Dreck, der nach jeder Flut daran hing, dreckig machen wollte. Dort in einem der ersten Häuser wohnte Vivian, eine junge Frau Anfang 20, mit glänzenden schwarzen Haaren und dunklen Augen, zierlich, etwas englisch sprechend, freundlich, hilfsbereit und sehr nett. Neben ihrem Kiosk organisierte sie unsere verloderte Männerwirtschaft an Bord. Wäsche waschen, Taxifahrten, ein neues Dingi und wichtige Adressen. Sie war uns eine richtige, gute Hilfe.

Volkers Zeit war um und es fiel uns wirklich nicht leicht, uns zu verabschieden. Aber die nächste Mannschaft packt ja bereits ihre Seesäcke. Auf nach Hongkong!

Schiff Ahoi!

Euer Peter

 
Auf nach Malaysia – Dezember 2003

Nach unserer offiziellen Verabschiedung in Makassar am 23.12.03 kamen wir 2 Tage später in der nordöstlichsten indonesischen Hafenstadt auf Borneo – Tarakan – an. Nach weiteren 2 Ruhetagen legten wir dann nach Weihnachten von Tarakan ab. Die Häuser an der breiten Flussmündung standen auf Pfählen und sahen schäbig aus. Das Holz verrottete und der überall herumliegende Müll tat ein übriges.

Doch hier trafen wir Harris, einen jungen, aufgeweckten Burschen, der schon am ersten Tag zu uns an Bord kam und einen sehr angenehmen Eindruck hinterließ. Er war relativ schmächtig gebaut, hatte dunkle, offene Augen und wirkte lebendig und aufgeweckt. Er hatte bereits in einer Herberge für Touristen gearbeitet und war daher den Kontakt mit Ausländern gewöhnt. Außerdem rauchte er nicht, was außer ihm anscheinend alle Indonesier machten.

Aber auch sein Vater, der unser Steuerung, die auf der Fahrt hierher mehrfach kaputt gegangen war, reparierte, war ein angenehmer alter Fischer, der still und zuverlässig die Arbeit verrichtete. Vielleicht war er deshalb besonders gründlich, weil sein Sohn schon vor ein paar Tagen verkündet hatte, dass er uns auf der weiteren Reise begleiten wollte. Uns kam das sehr gelegen. Schließlich war unsere Crew für das Boot zu gering. Mit Harris waren wir nur noch zu fünft: Peter, Volker, Hendrik, Harris und ich.

Im schönsten Abendlicht legten wir ab. Wir hätten uns kein besseres Wetter aussuchen können. Abendrot, eine angenehme Landbrise, kein Wellengang, und vielleicht würde weitab der Küste auch der nächtliche Regen ausbleiben.

Ich war mit meiner Nachtwache dummerweise von 0 bis 3 Uhr dran. Das hieß spät schlafen gehen, erst nicht einschlafen können, dann durchgeschüttelt werden, weil sich innerhalb kurzer Zeit kräftige Wellen aufgebaut hatten. Draußen hörte ich es krachen und scheppern. Irgendwas war nicht richtig gesichert. Aber ich war ja noch nicht dran mit der Wache ...

Einzelne Sonnenstrahlen zwängten sich nach der Abfahrt in meine Kajüte. Nach einer unruhigen Nacht lag das Boot flach ohne zu rollen oder auch nur eine Welle mitzunehmen. Wir hatten uns mit Polizei- und Armeebegleitung der Grenze genähert oder, genauer genommen, waren wir bereits drüber. Doch das spielte wohl keine so große Rolle auf See. Außerdem war die malaiische Marine über unser Kommen informiert.

Wir freuten uns darauf, endlich in ein anderes Land zu kommen und unser Boot nun gesichert zu besitzen. Irgendwie erschien uns das wie ein gewaltiger Schritt nach vorn, endlich etwas geschafft zu haben. Auch Harris freute sich. Es war das erste mal, dass er in ein fremdes Land reiste, und das, obwohl die Grenze zu Malaysia von Tarakan aus gesehen praktisch um die Ecke lag.

Plötzlich, in Landnähe, kam ein Speedboot auf uns zu. Im Fernglas erkannte ich die malaiische Marine. Eine nette Unterhaltung kam in Gang, in deren Verlauf wir eine große, schöne malaysische Flagge geschenkt bekamen, weil unsere, die wir in Tarakan erworben hatten, nicht viel größer als eine Serviette war.

Pirateriegefahr sei so gut wie nicht mehr gegeben, meinte der Offizier. Jedenfalls nicht auf der malaysischen Seite. Die Armee hatte nun ein gut funktionierendes Kontrollsystem, was es eventuellen Piraten angeblich recht schwer machen würde.

Zum Abschied schenkte ich ihm ein Heftchen von unserer Weltumradlung vor 12 Jahren. Darin waren Bilder, wie wir von Santakan/Malaysia mit Schmugglern, die nach eigenen Aussagen auch ab und an als Piraten tätig waren, illegal in die Philippinen übergesetzt waren. Auf einem Bild war der Kapitän unseres damaligen sehr kleinen Bootes zu sehen. Der Offizier zeigte darauf: »Dieser Typ sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis. Aber bei uns und nicht in den Philippinen, da geht es ihm nicht so gut, weil er hier keine Beziehungen hat.«

Dann legten sie ab und wir waren wieder alleine. Oder besser zu fünft. Die weitere Fahrt verlief ruhig bei kleinen Wellen, leichtem Rückenwind und einfach genialem Wetter. Ungestört dümpelten Delphine vor uns hin. Wir zogen an kleinen Riffe vorbei mit deutschen Namen wie Friedrich, Lehnert oder gar Erzherzog. Die meisten dieser Riffe ragten kaum oder gar nicht aus dem Wasser. Wir sahen sie neben uns, vor und hinter uns. Überall schien es sie zu geben. Und doch konnten wir dort nicht einfach tauchen gehen. Wir befanden uns in malaiischem Hoheitsgebiet und mussten uns zuerst anmelden. Und das ging frühestens in Santakan. Also mussten wir dorthin.

Gegen Abend kamen wir an einen schmalen Kanal, der einige Riffe und zahlreiche Inseln von Borneo abtrennte. Das Wasser im Kanal war glasklar und kam uns mit drei Knoten Strömung entgegen. Beiderseits gab es viel zu sehen, aber wir mussten weiter. Leider. Steile Hänge, Regenwald, schroffe Felsen, exotische Pfahldörfchen in deren Mitte eine kleine Moschee aufragte – alles lud zum Verweilen ein.

Viel schneller als ich vermutet hatte waren wir durch den Kanal hindurch. Ab hier hatten wir nur noch eine sehr grobe Übersichtskarte. Das hieß nach Sicht navigieren. Ein unvermutetes Riff zog sich quer durch unsere Fahrstrecke und war erstaunlicher weise nicht markiert. Vor uns öffnete sich eine große Bucht, die wir bis abends überqueren. Das Wasser wurde noch klarer. Erstmalig fliegende Fische. Abends fanden wir einen netten Ankerplatz auf der anderen Seite der Bucht. Wir saßen zusammen und träumten von längst vergangenen Zeiten. Damals, als es keine hoch entwickelten technischen Hilfsmittel gab, die uns heute das Segeln auf Weltmeeren stark erleichtern

Leider zeichnete Marco Polo nie seine Empfindungen auf, so dass wir wohl nur erahnen können, was ihn prägte, was ihn motivierte. Aus seinen Aufzeichnungen geht nur hervor, dass er ein Händler gewesen sein musste, immer mit Blick auf Profit. Sicher schien mir nur, dass er all die Exotik, das was wir als traumhaft ansahen, nicht mehr wahrnahm. Zu lange war er von zu Hause weg gewesen, zu sehr musste er sich in dieser Zeit ›eingelebt‹ haben.

Genau rechts ab lag eine Insel, die bereits zu den Philippinen gehörte. Links sah ich die Einfahrt nach Santakan. Schon seit Stunden wussten wir, dass wir erst im Dunkeln ankommen würden. Ein riesiger Dampfer kam uns entgegen. Rechts vor uns lag wieder eine Insel. Steile Felsen, ein idyllischer Strand, leider nicht geschützt, alles voller Urwald und keine Häuser. Ein traumhafter Fleck. Wir wollten zwischen diese Insel und dem Festland ankern. Dort würden wir geschützt liegen. Eine Handvoll anderer Boote lag in eben dieser Passage. Inzwischen war es dunkel geworden und wir hatten nur wenig Licht zur Orientierung. Die Tiefe des Wassers nahm rapide ab. Ich stand am Echolot und gab die Tiefen zu Volker am Steuer durch. Dazu musste ich jedes mal raus auf die Treppe zum Oberdeck und sah ganz erstaunt, dass wir nicht gleich vorn ankerten, sondern durch die anderen Boote durchmanövrierten.

»Nur noch drei Meter!« Trotzdem blieb der Kurs bei. Was sollte das? »2,5 Meter!«

Nun nahm ich unten, wo ich zwar keine Sicht, dafür aber das Echolot hatte, das Gas weg und legte den Rückwärtsgang ein. Sofort gab Volker Vollgas und wir fuhren rückwärts wieder ins tiefere Gewässer und durch die anderen dort liegenden Boote hindurch. Ich ging vor, den Anker mit zum auswerfen fertig zu machen. Plötzlich rief jemand: »Das Echolot spinnt!« Für eine Reaktion war es zu spät. Wir saßen bereits fest. Warum hatte es dabei keinen Ruck gegeben? Ganz langsam hatten wir uns unmerklich festgefahren. So ein Mist! Wie bekommen wir das Boot wieder frei!

Mit Harris als Dolmetscher (Indonesisch und Malaiisch sind sehr ähnlich) fuhr ich mit dem Dingi zu einem anderen ankernden Boot um zu fragen, ob sie uns frei ziehen könnten. Dort bekam ich die gute Nachricht: Alle Boote hier saßen genauso fest. Sie machten es aber mutwillig. Sie fuhren abends in den extrem weichen Schlick um ohne zu schaukeln ruhig zu liegen und fuhren am nächsten morgen mit der Flut wieder los. Die Bootsfahrer hatten uns beobachtet und gedacht, dass wir es genauso  machen. Deswegen hatte auch niemand Alarm gegeben.

Dennoch war uns die Sache etwas unheimlich. Was, wenn wir morgens nicht freikommen würden? Unser Pott war größer als die der Fischer. Wir verbrachten eine unruhige Nacht, oder besser nur einen Teil davon. Um 3:00 Uhr war es soweit. Unser Boot bewegte sich! Nun wurden wir alle munter. Das Schiff begann sich zu drehen. War das gut oder schlecht? Ich tippte auf gut. Die Strömung zog uns nicht auf ein anderes Boot zu. Also keinen Anker werfen. Erst hier raus fahren! 10 Minuten später hatten wir es geschafft. Wir ankerten auf gutem Grund und die letzten drei Stunden schliefen wir alle mit dem guten Gefühl in Sicherheit zu liegen.

Dennoch standen wir morgens wieder zeitig auf. Hier, das war uns klar, war kein guter Liegeplatz. Nicht sicher und von allem viel zu weit abseits. Und vielleicht, so hofften wir, gab es ja sogar eine Marina, wo wir möglicherweise liegen, aber auf jeden Fall gute Infos bekommen könnten. Also wuchteten wir den Anker hoch. Zuerst machten wir eine Hafen- oder vielleicht besser Stadtrundfahrt. Die Stadt hatte sich in den letzten 13 Jahren mächtig gewandelt. Damals gab es praktisch keine Hochhäuser. Nun anscheinend nur noch. Vom Wasser aus wirkten sie modern, regelrecht westlich.

»Das dort ist eine Marina«, meinte Peter, der durchs Glas schaute. »Dort steht sogar SANTAKAN YACHT CLUB. Dort ankern wir.«

Hier sollte vorerst meine Endstation sein. Ich musste schon am nächsten Tag nach Deutschland zu unserem 6. Thüringer Dia-Festival aufbrechen, dessen Vorbereitung bereits auf Hochtouren lief. Schweren Herzens nahm ich von unserem Boot Abschied. Als letzten Gruß setzten Volker und Peter noch einmal vor Anker liegend alle vier Segel. Wie es dann ohne mich nach Manila in den Philippinen weiterging, wird Euch Peter berichten.

Bis bald

Axel

 
Das Boot ist flott- Dezember 2003

Makassar ist eine unangenehm, verkommene, tropische Großstadt, deren mehrere Millionen Bewohner genauso wie die zahllosen Ratten oder die vielen, wie mir laufend versichert wurde, ohne Schwänze geborenen Katzen um ein karges Überleben kämpfen. Bei den einen wie den anderen blieb mir dabei erstaunlich schleierhaft, wovon sie sich denn eigentlich ernährten. Später hörte ich, dass den jungen Katzen die Schwänze abgehackt wurden. Den genauen Grund bekam ich aber dennoch nicht heraus. Aber das ist sicher nur eines der  zahlreichen Rätsel, welche diese Stadt Touristen aufgibt, die den Fehler begangen haben, sich hierher zu verirren.  Ein andere Frage ist die, was in aller Welt neunzig Prozent  der männlichen Bevölkerung in Angesicht eines Europäers voller Verzückung: »Hello, Mister!« ausrufen lässt. Auf Kundschaft wartenden Rickschafahrern mag dieser Werbegag  noch verziehen werden. Doch was ist mit all den anderen, den Schulkindern oder den kurz langsam fahrenden und für den Ruf schnell die Scheibe herunterleiernden Autofahrer?

Oder den Geschäftsinhabern, die extra dafür aus ihrem schützenden Unterstand in den strömenden Regen hervortreten? Ist ihr »Hello, Mister!« tatsächlich nur ein freundlicher Zuruf oder steckte dahinter nicht vielleicht doch, wie vielfach vermutet, die hämische Frage: >Na, wann dreht der Ausländer endlich durch!?< Denn eines ist sicher: irgendwann, spätestens nach dem vierhundertsten Mister-Ruf an einem Tag erkennt niemand mehr einen möglichen freundlichen Unterton. Dann hat man alle Mühe, noch an sich zu halten. Zum Glück hielt sich dieses Problem für mich jedoch noch in Grenzen, da ich mich vorwiegend auf dem Boot im Hafen aufhielt. Nach einigen Tagen fortwährender Reparaturen und Arbeiten an Bord stand mein Entschluss fest: wir müssen eine Probefahrt unter Segeln durchführen! Was soll all die blanke Theorie, wenn wir nicht einmal versucht haben zu segeln? Nein, wir müssen das Boot endlich mal richtig ausprobieren. Wie jeden Morgen fing auch dieser Tag mit einem Regenschauer an, der jeden Blick zum Himmel zu etwas trostlosem werden lassen musste. Grau in grau; Dauerregen in Gießkannenstärke, dazu Wind in Böen bis zu sechs. Das sollte das Wetter für eine Probefahrt werden? Hätten wir nicht auf besseres Wetter warten können? Kaum. Denn wir befanden uns mitten in der Regenzeit, was hier bedeutet, dass man ständig und immer damit rechnen muss, dass es aus allen Rohren schüttet. Missmutig machte ich mich auf den Weg in den Hafen. Kaum hatte ich die Straße erreicht, als ich auch schon restlos durchnässt war. Eigenartiger Weise hob genau das meine Stimmung wieder. Genau dieses Nässegefühl, genau dieses Wetter, war es doch, was uns die nächsten Wochen erwarten würde! Was als genau das konnte realistischere Bedingungen für unsere Probefahrt abgeben? Trostlos lag das Boot im Regen, mächtig hin- und hergeschüttelt von den Ozeanwellen, die nur wenig von einem vorgelagerten Riff gebrochen wurden. Unsere winzigen Beiboote waren für solche Wellen nicht geschaffen. Also machte ich mich auf die Suche nach einem sogenannten Taxiboot, kleinen, offenen Booten mit  starken Motoren, welche Tagesausflügler zu vorgelagerten Inseln brachten - jedenfalls wenn sich mal welche einfanden, was nun mitten in der Regenzeit wenig wahrscheinlich war. Schnell hatte ich ein Boot gefunden und einen akzeptablen Preis für die Überfahrt ausgehandelt. Das kleine Boot wurde - wie nicht anders zu erwarten - ebenfalls mächtig gebeutelt. Zwar hatte der starke Regen den Wellen etwas Wucht genommen, doch kam jede bis ins Boot geschwappt. Nass war ich ja durch den Regen eh schon. Langsam näherten wir uns unserem Boot „Kublai’s Kahn II“. Was eben noch trostlos und abweisend auf mich gewirkt hatte, wich nun einem Stolz, einer Erhabenheit, die ich aus der Ferne einfach nicht erkennen konnte. Ja, das war ein Boot: ein mächtiger Heckaufbau, vier Masten und vorn am Bug auf jeder Seite eine Art Bughörner, die wir längst als »Flügel« umgetauft hatten. Diese  dienen bei chinesischen Dschunken dazu, die Anker so abzulegen, dass sie auf Deck keinen  Platz einnehmen - eine sinnreiche Erfindung, die jedoch wie so viele Eigenschaften von Dschunken, nie Eingang in den internationalen Bootsbau gefunden haben. So sind am Mast nach vorn oder hinten verschiebbare Segel noch immer nur bei Dschunkenriggs zu finden.  Der Vorteil, die guten Trimm-Möglichkeiten, werden allerdings durch ein relativ  umständliches Handling wieder verspielt. Den Sinn anderer Eigenheiten haben wir bisher  allerdings noch immer nicht enträtseln können. Was sollen zum Beispiel die Löcher in den   Ruderblättern? Lange hatten wir alte Zeichnungen und Baupläne von Dschunken studiert. Auch  bei den indonesischen Pinisis tauchen diese imaginären Löcher immer wieder auf. Selbst  erfahrene einheimische Bootsbauer, die wie eh und je die Steuer ihrer Boote mit einem oder mehreren Löcher versehen, waren nicht in der Lage, uns dessen Sinn zu erklären. Sollten wir es also einfach schließen? Nach langer Diskussion entschieden wir uns dagegen. Selbst Thor Heyerdahl hatte bei seiner Rah I eine Modifizierung durchgeführt, da er den Sinn eines bestimmten Teiles nicht  verstanden hatte. Das Resultat war, dass die Rah I die geplante Atlantiküberquerung nicht schaffte.  Also hatten wir das Loch im Steuer so gelassen. Dennoch blieben natürlich genügend Fragen,  was die Schiffstechnik betraf. Eine komplette neue Steueranlage, eine traditionelle  Kettensteueranlage, war eingebaut worden. Das bedeutete für uns relativ lange Ketten.  Doch um all diese Frage zu klären, diente die heutige Probefahrt. Peter, Hendrik, Detlef, Jörg, Volker und ich setzten uns ein letztes Mal zusammen. Dazu kamen noch fünf einheimische  Besatzungsmitglieder, die ebenfalls an dieser Fahrt teilnehmen wollten. Jeder bekam seine  Aufgaben zugewiesen.  Dann ging es los. Zuerst wurden die beiden Anker eingeholt, die wir wegen des nächtlichen  Sturmes ausgelegt hatten. Ohne elektrische oder hydraulische Ankerwinsch - wie es auf  Traditionsbooten der Fall sein sollte - eine ganz schöne Plackerei! Immerhin galt es ein paar  hundert Kilogramm Ankerkette und die massiven Anker hochzuziehen.  Dann endlich konnten die Segel gesetzt werden. War das ein Glücksgefühl! Endlich segeln!  Endlich kam der Moment herbei, an dem die Segel nicht nur probeweise hochgezogen wurden  sondern an dem richtig gesegelt werden sollte! Überglücklich umarmten wir uns und jubelten uns zu. Nun konnte es losgehen! Endlich war der Moment gekommen, der Moment auf den  wir seit Monaten gespannt gewartet hatten. Wie zur Feier des Augenblicks ließ genau in  diesem Moment der ständige Dauerregen nach und wir glaubten unseren Augen kaum: der  seit Wochen graue Himmel riss auf und endlich ließ sich auch wieder die Sonne einmal  blicken! Und es sah aus, als wenn sie für den Rest des Tages scheinen würde. Was konnte es  Schöneres geben nach Wochen der Plackerei und der nervenaufreibenden Arbeit an dem  Boot?! Die ersten Segel waren gesetzt. Sofort griff der Wind in das Tuch und drückte das Boot  augenblicklich voran. Was störte es da, das noch ein paar Seile nicht richtig liefen, dass hier  und dort noch ein paar Kleinigkeiten gerichtet werden mussten? Dafür war so ein Probetörn ja  schließlich da! Doch was war das? Passte der Steuermann nicht auf? Warum fiel plötzlich das  Boot vom Kurs ab?! Sofort fing es in der noch immer schweren See an zu rollen und zu  stampfen. Verschiedene nicht festgezurrte Dinge purzelten über das Deck. Ein paar lose  Bambusstangen und Hölzer rollten von einer Seite auf die andere. Warum waren die nicht  festgemacht? Doch das war im Moment nicht das eigentliche Problem. Als ich endlich  meinen Platz auf dem Vordeck verlassen und mich nach Achtern gehangelt hatte - immer gut  festhaltend - erkannte ich das Dilemma: irgendwas hatte sich in der Steuerung verklemmt.  »Zum Glück haben wir noch eine zweite Steueranlage eingebaut!«, schoss es mir durch den  Kopf. Doch wie sich herausstellte, war das Problem schnell behoben und der Steuermann  brachte schmunzelnd das Boot wieder auf Kurs. Er hatte gut lachen, da er ja nicht die in der  Kombüse verstreuten Lebensmittel einsammeln brauchte.  So glimpflich dieser kleine Vorfall ablief, machte ich mir doch ein paar Gedanken deswegen.  Wieso hatten wir nicht alles richtig verstaut und festgezurrt? Das war doch eine Grundregel  an Bord?! Wieso hatten wir dabei nicht richtig Acht gegeben? Und was hatten wir sonst noch  übersehen? Hätte die Sache mit dem Steuer in einer kritischen Situation ernste Folgen haben  können? Das alles galt es abzuwägen. Aber wir hatten ja noch etwas Zeit die aufgetretenen Mängel zu beseitigen. 

Also blieb es dabei, am 23. sollte gestartet werden. Auf nach Malaysia, in die Philippinen und  dann nach Hongkong! Endlos wurden Vorräte gebunkert. Niemand wusste schließlich, wie  lange die Fahrt dauern würde. Auch unser einheimischer Kapitän konnte uns darüber keine  genaue Auskunft geben. »Dorthin fährt doch von hier aus normaler Weise niemand!«, meinte  er. »Diese Strecke lohnt sich für uns nicht. Nur Tropenhölzer könnte man dort schmuggeln.  Aber die gibt es noch günstiger in Borneo. Also fahren wir lieber andere Strecken. Außerdem  gibt es in der Sulusee viele Haie und Piraten. Und mit denen ist nicht zu spaßen.«  Vor Haien hatten wir keine Sorge. Wohl aber etwas vor den Piraten. Oft hatten wir während  unseren Recherchen davon gehört. Oder wurde bei solchen Berichten wieder einmal übertrieben? Dafür sprach, dass wir wiederholt von sorglos durch die Sulusee segelnden Jachten gelesen hatten, deren Eigner sich absolut keine Gedanken über Piraterie gemacht hatten. Auch kannte anscheinend niemand einen konkreten Vorfall, der dort stattgefunden hatte. Also doch nur ominöse Warnungen, die sich auf so falsche Ängste beziehen, wie die Angst vorm bösen Wolf?  Darauf baute ich, denn ich mochte mein Prinzip, ohne Waffen zu reisen, nicht aufgeben.  Wohin sollte es sonst noch führen, wenn jeder, der sich unsicher vorkommt, gleich  bewaffnet? Nein, unsere Reise soll dem Kennenlernen verschiedener Kulturen dienen. Und  dazu sind Waffen einfach nicht der richtige Weg!

Bis demnächst

Axel

 
Reisevorbereitung in Sulawesi – November 2003

Bira ist ein kleines, tropisches Dorf im äußersten Südwesten der großen, auf der Landkarte regelrecht zerfetzt aussehenden indonesischen Insel Sulawesi. Der Ort besitzt die unwirtliche Aura eines ehemaligen Fischerdörfchens, dessen nicht beachtete Existenz durch die zweifelhaften Segnungen des modernen Tourismus ein plötzliches Ende fand. Unvermittelt war  jedoch auch diese kurzlebige Epoche des Tauch- und Segel-Tourismus vorbei und erneut konnte der Ort in seinen alten Dornröschen-Schlaf fallen. Übrig blieben ein so kaputter, wie hoher Bürgersteig, ein Tennisplatz, auf dem sich Hunde und Ziegen paaren, ein korrumpiertes Preisgefüge und sich bereits im fortgeschrittenen Verfallsstadium befindliche und in  ihrer betonenden Hässlichkeit sozialistisch anmutenden Statuen. Übrig blieben auch das Recht Bier zu verkaufen und eine winzige Handvoll unerschrockener Touristen, welche genau dieses groteske Ambiente zu mögen scheinen.  Von all dem  lebt die hiesige Bevölkerung ziemlich unbeeindruckt. Wie vor hundert Jahren wohnen die Leute in ihren armseligen, eingezäunten Stelzenhäusern. Sie  gehen regelmäßig in die Moschee, enthalten sich während des Ramadans zumindest in der Öffentlichkeit allen Vergnügungen, meiden die brutale Mittagssonne und machen dabei einen so ausgeglichenen Eindruck, als lebten sie im Paradies. Polizisten und Beamte werden für einen kleinen Obolus zu wirklichen Dienern des Volkes.

Langsam und ineffizient verrichtet jeder seine Tätigkeiten, so dass ich schon beim bloßen Zusehen nervös werde. Kein Zweifel, die Leute haben ihr Paradies gefunden und ich passe da einfach nicht rein. Warum bin ich also hier? Eigentlich hängt alles mit dem Plan von Peter und mir zusammen, auf Marco Polos Spuren seiner Heimfahrt nachzusegeln. Und wenn, dann schon wie Marco Polo mit einer chinesischen Segel-Dschunke! Doch schon die Vorbereitungen zu diesem Trip verliefen katastrophal. Zwar hatten wir irgendwo in Indien eine traditionelle Segel-Dschunke auftreiben können, doch war ihr Schicksal besiegelt, als wir mitten im Ozean in einen Zyklon kamen. Zum Glück hatten  wir – im Gegensatz zu unserem Boot - dank moderner Kommunikationsmittel die Chance, gerettet zu werden. Riesige Wellen und ein infernalischer Sturm suchten dies zu  verhindern. Doch zwei Öltanker eilten auf unser SOS herbei. Bei einer dramatischen Rettungsaktion verloren wir zwar fast all unsere wenige aus der Dschunke gerettete Habe, und nur mein Vater Jochen einen Zahn, aber niemand sein Leben oder die Gesundheit. So gesehen ging doch alles glimpflich aus. Doch unsere Idee, unsere Motivation und viel Geld schien verloren. Wie sollte es weitergehen?
Dann begann die Zeit der Neuorientierung. Klar konnten wir aufgeben und uns einem neuen Projekt zuwenden. Gründe dafür gab es genug. Zum Beispiel den, dass es wohl keine reine Segel-Dschunke mehr gab, wie ich erfahren hatte. Doch gab uns dies das Recht aufzugeben? Schließlich machen wir unsere Reisen nicht nur für uns allein! Zu viele Leute glaubten an uns, motivierten uns oder gaben uns ganz spontane Unterstützung. Stellvertretend für viele sei der Rudolstädter Marinemaler Olaf Rahardt genannt, der uns einfach so Bilder schenkte, auf denen er gemalt hatte, wie wir eine neue Dschunke bauten! Nein! Wir mussten weitermachen, die Herausforderung annehmen. Natürlich gab es dabei nun ein paar gravierende Probleme. Aber Probleme sind bekanntlich dazu da angegangen zu werden. Wir mussten also eine neue Lösung finden. Zum Einen war klar, dass wir weder eine neue Dschunke finden würden, noch dass wir Geld und Zeit für den Neubau einer solchen hatten. Also blieb nur der Umbau eines bestehenden Schiffs.  So setzten sich mein Vater, ich und Jörg Buhl, unser Reisebegleiter auf dem Amazonas, ins Flugzeug und fahndeten nach einem neuen Boot. Indonesische Pinisis sind entfernt mit Dschunken verwandt und kamen so ganz gezielt in Frage.

Wir klapperten viele Häfen auf vielen Inseln ab und landeten schließlich in Timor, der seit kurzem offiziell auf zwei Staaten aufgeteilten Insel. Dort an diesem abgelegenen Zipfel Indonesiens lag eine Pinisi, ein Boot mit nur einem Masten und einem ausgesprochen hässlichen Aufbau. Doch nicht das war der Grund, warum das Boot so günstig zu haben war. Nein, das war etwas, was wir nicht sehen und anfangs auch nicht ahnen konnten. Ein Fluch, ein böser Bann sollte auf diesem Boot liegen! Der schlagende Beweis dafür war, dass zwei Leute, die mit diesem Boot zu tun hatten, gestorben waren. Einer allerdings unter mysteriösen Umständen, die eine gewisse Nachhilfe vermuten ließ.
Wir sind nicht abergläubisch und waren uns schnell wir einig: Dieses Boot sollte es sein! Ein weiterer Beweggrund dafür war, dass der Rumpf einen ausgesprochen gutem Zustand aufwies - Mängel daran hatten uns ja schon ein Boot gekostet. Doch fast wäre dieser Kauf dennoch zu einem Flop geworden. Das Boot war in Ordnung, der Preis auch, alles schien OK, doch wir hatten nicht bedacht, dass wir ja auf jeden Fall auf Indonesier angewiesen waren. Zum provisorischen Umbau genauso wie zur Überführung in einen anderen Hafen, wo der endgültige Umbau vorgenommen werden sollte. Und für Einheimische kam nicht in Frage, ein verfluchtes Boot zu betreten.  Andererseits konnte der alte Schiffsname ja auch durchaus als gutes Omen gewertet werden. Der alte Eigner hatte es "Marco Polo" getauft. Ein Name also, mit dem wir seit einigen Jahren mittlerweile eng verbunden sind. Sollten wir ihn beibehalten? Vernünftige Gründe sprachen dafür. Doch es kann ja nicht alles auf der Welt vernünftig zugehen.  Marco Polo kam nach China als dort ein Enkel des berühmten Dschingis Khan das Land regierte. Dieser Enkel, der Marco Polo mit verschiedenen Aufgaben betraute, nannte sich Kublai Khan. Warum also sollten wir einen Bootsnamen beibehalten, der selbst auf dem Amazonas in Brasilien schon als gewöhnlich gilt? Für uns gab es keine Frage: Nach einem Buchstabendreher wurde aus Kublai Khan unser Bootsname Kublai`s Kahn!
Der neue Name war geboren.  Doch noch hatten wir ein anderes Problem. Noch war unser Boot verhext. Also wer konnte uns bei so etwas helfen? Doch auch für solche Probleme gab es eine Lösung. Natürlich existierte irgendwie ein Gegenzauber; "weiße Magie", welche den verderblichen Bann vom Boot lösen konnte. Nach langer Suche stöberte ich irgendwo ein altes Muttchen auf, eine gebrechliche, auf Timor lebende Chinesin, deren Aussehen eine spannende, geheimnisvolle Zeremonie erwarten ließ. Sie war nach Auskunft vieler für solche Art Gegenzauber zuständig.     Also machte ich mit ihr einen Termin aus und legte schon mal meinen Fotoapparat bereit. Weihrauchschwaden, getrocknete Kräuter, selbst einen Tanz im Trance - alles schien mir möglich und ich wollte das natürlich festhalten.  Um so größer war meine Enttäuschung, als am nächsten Tag eine wesentlich jüngere Frau, geschminkt und gut gekleidet vor mir stand. Ihr Bandscheibenproblem hatte sich über Nacht gebessert, so dass sie sich wieder voll aufrichten konnte und mit frisch erwachtem Selbstbewusstsein herausgeputzt hatte. Und mysteriöses Getue kam auch nicht in Frage. Schließlich war sie Christin und dieser Gott hatte ihr die Kraft gegeben, durch Gebet und Gesang böse Flüche zu lösen, erklärte sie freimütig. Doch nicht uns musste sie überzeugen. Nein, das waren die Indonesier, die zukünftig an unserem Boot mitarbeiten sollten. Und das gelang ihr spielend. Vielleicht weil sie schon öfters Flüche gelöst und Häuser wieder bewohnbar gemacht hatte.  Damit war unser Boot somit klar zum Überholen. Nach einer kurzen Überführungsfahrt nach Bira, diesem kleinen, abgelegenen Kaff mit gutem Hafen und der Möglichkeit Holzarbeiten durchzuführen, konnte es beginnen.

Unter Jochens Anleitung und mit weiterer Hilfe von Jörg und unserem Freund Günter Wamser, der extra dafür seine Reise in Mittelamerika unterbrach, machten sich bis zu 40 indonesische Zimmerleute und Matrosen an die Arbeit. Und es ging vorwärts. Langsam nahm das Schiff Gestalt an. Der hässliche Aufbau wurde abgerissen, ein Dschunkenaufbau aufgesetzt, die gesamte Takelage abgeändert, Bughörner zur Lagerung der Anker angebracht und vieles mehr.  Und doch stellten sich Probleme ein. Mehr, ja sehr viel mehr als vorgesehen. Da waren zum Einen die unterschiedlichen Ansprüche, die uns als Europäer von Indonesiern trennt. Aus Planken hervorstehende Schrauben sind für uns ein vermeidbares Sicherheitsrisiko. Im Sturm, bei schwerer See, kann man sich zu leicht daran verletzten. Für die Leute hier ist das Absägen und Verkitten eine durchaus verzichtbare zusätzliche Arbeit. Mehrarbeit ist teurer und muss extra bezahlt werden. Und in einem armen Land wie Indonesien findet sich normaler Weise niemand, der so etwas bezahlt. Ein anderes Problem ist die völlige Abgeschiedenheit von Bira. Eine sechsstündige Autofahrt trennt den Ort von der nächsten großen Stadt. Das bedeutet endlose Fahrzeiten für denjenigen, der dorthin will um die nächsten wichtigen Dinge zu kaufen. Von Schrauben bis zu Seilen, fast alles muss von dort geholt werden. Nur Holz gibt es hier in Bira ausreichend. Dies allerdings in einer Qualität, die jeden deutschen Tischler in ehrfürchtiges Staunen fallen lassen würde. Massives Eisenholz, was im Wasser wie ein Stein einfach untergeht! Aber auch andere Hölzer sind alles andere als rar. Dies ist eben der Vorteil eines so abgelegenen Ortes. Hier gibt es Hölzer, die woanders längst verarbeitet wären.  Doch trotz dieses Holz-Zentrums zeichnete sich ab, dass wir mit dem Umbau des Bootes nicht rechtzeitig fertig würden. Zu umfangreich waren unsere Aufträge, zu schwierig zu realisieren. Kurz entschlossen änderten wir unsere Pläne und Peter setzte sich früher als geplant ins nächst mögliche Flugzeug nach Indonesien. Wenn er irgendwo helfen konnte,  dann hier. Auch ich folgte dann ein paar Tage später.  Nach einem kurzen Aufenthalt in Jakarta, einer gigantischen smogreichen und ständig verstopften Stadt, ging es weiter nach Sulawesi. Schon bei dem Landeanflug sah ich unter mir kleine, von Korallenbänken umgebene Inselchen. Ein Bilderbuch-Südsee-Paradies. Hier sollte ich segeln? Was konnte es Schöneres geben? Wenn das klappt, wird ein Traum wahr, dachte ich mir. Doch schon nach der Landung kam die erste Ernüchterung: früh morgens um neun Uhr herrschte eine derartige Hitze, dass ich mich obwohl ich mir erst im Flugzeug eine Erkältung zugezogen hatte, mich schon nach einer Klimaanlage sehnte.  Die gab es als offenes Fenster bei der nun folgenden sechsstündigen Taxifahrt nach Bira, von der ich allerdings infolge des Jetlags nicht viel mitbekam. Ich erinnere mich nur an den ersten Blick auf unser "Kublai`s Kahn" - ein großartiges Teil! Das war ein Boot, mit dem ich mir vorstellen konnte, die Meere zu bereisen, auf abgelegenen Inseln anzulegen, Stürmen zu trotzen.  Doch noch ist es eine Baustelle, auf der einfach noch unendlich viel zutun ist. Nur langsam und zäh gehen die Arbeiten voran. Und doch verzage ich nicht. Dieses Boot ist es wert, sich dafür anzustrengen!


Bis zum nächsten mal
Axel

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